WO IST DER SPORT?

Am vergangenen Wochenende war ja mal wieder der Teufel los. In der Bundesliga, zweiten Liga, in England, in Frankreich, in der Türkei. Überall kracht es, überall steht der Sport im Lichtkegel der Aufmerksamkeit einer ganzen Branche, die nur darauf wettert, dass irgendwo irgendwas Extremes passiert. Der Fußball soll liefern. Und er liefert. Nicht immer ganz absichtlich, jedoch zuverlässig. Eine Hype-Maschinerie, die bedient und wie eine grelle Leuchtreklame nur so flackert, blinkt und dröhnt. Jeder ist dabei, jeder redet mit und keiner will etwas verpassen. Jeder redet über den Videoassistenten. Jeder hat, so rudimentär seine sportjuristischen, seine fußballfachlichen und empathischen Kenntnisse auch sind, eine Meinung. Der Fußball scheint im Moment wie eine Ameisenkönigin zu sein, die in einem tiefen Loch liegt und News wie Nachwuchs ausdrückt und gefüttert wird von Dienern des Boulevards und der Szene, auf dass sie lange lebt und liefert. 

In jedem Büro der Republik ist Fußball der Klebstoff von auseinanderklaffenden Interessen, der final eine Konversation in Gang setzt.

“Na, wo kommen Sie denn her?”

“Ich komme aus Hannover!”

“Ach 96! Ja, da sieht es schlimm aus. Ich komme aus Mainz. Wir 05er haben zumindest für dieses Jahr Ruhe.”

Der Fußball als Smalltalk genügt vollkommen, solange er für jedermann halbwegs interessant ist. Dass man eine WM in Katar haben wird? Geschenkt. Die Einschaltquoten werden kommen. ARD, ZDF und RTL werden da sein und senden. Tausende Tote auf den Baustellen? Bestochene FIFA-Mitglieder? Korruption im Weltverband? Kein Grund eine WM nicht zu übertragen. Andersrum reichen ein paar gedopte Radsportler, um eine komplette Fernsehübertragung während des laufendes Wettbewerbs abzubrechen. Aber gut, das ist gewiss ein anderes Thema.

Die Frage ist doch, wie lange man noch um das goldene Fußballkalb tanzen wird, bis der Geduldsfaden des letzten Fußballfans reißt. Was wird noch alles passieren müssen? Jedermann fühlt sich inzwischen befugt, auch noch den letzten Dreck aus seinem Kopf zu schaben, um zu provizieren und Öffentlichkeit zu erlangen. So etwa die Leute, die am Wochenende während des Spiels Dortmund gegen Schalke Freiheit für den verurteilten Bombenleger verlangen, der vor zwei Jahren den Bus des BVB mitsamt seiner Mannschaft in die Luft jagen wollte. Auf welchem Niveau sind wir inzwischen angelangt, dass es tatsächlich möglich ist, so etwas öffentlich zu fordern? Wie mies muss das Leben dieser Personen sein, dass die einzige Freude zu sein scheint, unter der Grenze des guten Geschmacks solch erschütternde Botschaften in die Welt zu setzen? Der Fußball ist im Moment Spiegelbild einer sich überdrehenden Gesellschaft, die zwischen Fake News, Flüchtlingshysterie, sozialen Schluchten, Umverteilungsdefiziten und einer unfassbaren Gewaltbereitschaft, die darin mündet dem gegnerischen Team den Gewalttod zu wünschen. Da wirken in der Tat Trainerentlassungen von Tabellenführern, falsch gegebene Elfmeter, absurde Transfersummen, zu früh entschiedene Meisterschaftsentscheidungen fast schon klein, an diesem Hass, der sich ungehindert und ungefiltert Bahn bricht. Es wäre aber zu klein und kurz gedacht, wenn man diese einzelnen Aspekte gegenüber stellt. Vielmehr stellen sie jeweils Elemente eines großen ganzen Problems da. Die Herausforderungen, die global anstehen, strahlen auch in die Welt des Fußballs hinein und die mediale Aufarbeitung und Aufbereitung wirkt dabei wie ein Teilchenbeschleuniger und aktuell scheint niemand genau zu wissen, wo das alles noch enden soll. 

Was bei der ganzen Sache zu kurz kommt? Der Sport. Das Spiel. Die Freude. Junge Menschen, auf der Suche nach einer Betätigung einer Freizeitaktivität. So fängt es zumindest immer erstmal an. Die Unvorhersehbarkeit eines Wettstreits. Die kindliche Vorfreude auf Tore, Paraden und technischer Kunststückchen. Als Kind bekommt man doch nicht große Augen, wenn über den Videoassistenten debattiert wird, sondern wenn man in einem Stadion steht, die Dimension als Heranwachsender kaum fassen kann und dann sich einem Team anschließt und im besten Fall ein Leben lang verfällt. Dass daraus auch herbe Enttäuschungen entwachsen können, weiß der Autor höchstpersönlich. 

Was wird nun mit unserem Sport gemacht, den wir lieben? Jeder will mitverdienen, mitsprechen und absahnen. Fußball sollte doch kein Multiplikator von Geld, sondern von Liebe und Begeisterung sein. Wie sagte schon der legendäre César Luis Menotti: “Der rechte Fußball denkt an Gewinnmaximierung, der linke an die Verbreitung von Lebensfreude!”

Wo bleibt der Sport, wenn im Internet nur nach Aufmerksamkeit gesucht wird? Wenn nach einer HSV-Niederlage wieder Überschriften gestreut werden wie “So lacht das Netz über den HSV!” Der Eindruck entsteht, als sei jeder Fan an einer HSV-Niederlage interessiert und die Gefahr von solchen Schwarmnachrichten kann durchaus in einer Abnutzung und Abstumpfung von News-Sensibilität enden. Wenn zwischen all diesen hochgepitchten Sensationsnachrichten gehaltvollere und weniger effekthascherische Meldungen untergehen. 

Das Spiel muss wieder in den Mittelpunkt rücken. Der Spaß und die Leidenschaft. Das sportliche Messen von Athleten. Mehr olympischer Geist nach dem Motto “Dabei sein, ist alles” und mehr Respekt vor der Leistung des Gegners. Als im vergangenen Sommer alles und jeder diskutierte, wie schlecht die deutsche Mannschaft doch war, vergaß man zu erwähnen, wie gut etwa Mexiko und Südkorea waren. Wenn alles lacht, wenn die Bayern in Nürnberg nur unentschieden spielen, fehlt die Anerkennung der Leistung der Franken. Spielt eine weniger talentiert Mannschaft gegen den haushohen Favoriten 1:0 und mauert ab dem Führungstreffer, dass es der Zimmermanngilde eine Freude ist, fallen regelmäßig Sätze wie “Das hatte mit Fußball nichts zu tun” oder “So zerstört man den Fußball”. Die Frage sollte doch mehr sein, wo im Fußballregelwerk steht, dass eine Mannschaft nicht mit extremer Defensive spielen darf? Und warum war die favorisierte Mannschaft nicht imstande ein Tor mehr zu schießen? Warum gibt es keinen Respekt für den Underdog, dessen Defensive offenbar besser war als des Riesens Offensive?

Wie man es besser machen könnte, war vor kurzem in Amerika zu sehen. Dort spielten die Eishockeycracks des Tampa Bay Lightning eine dermaßen dominante Hauptrunde, dass es nur noch eine Frage war, in wie viel Spielen sie in der ersten Playoff-Runde den Widersacher der Columbus Blue Jackets aus dem Wettbewerb kegeln würden. Zur Überraschung der gesamten Sportwelt ging der Lightning in vier Spielen unter und ist früh in die Sommerpause gestartet. Werden im Fußball nach Niederlagen in wichtigen Spielen noch verbale Scharmützel ausgetragen, wie etwa letzte Woche zwischen Max Kruse und Jérôme Boateng, reihten sich die Teams aus Ohio und Florida auf, gaben sich reihum die Hand und drückten ihren gegenseitigen Respekt mit Schulterklopfen und Gesten der Anerkennung aus. Zaghafte Versuche so etwas im Fußball zu etablieren, geraten eher schlecht und unglücklich unbeholfen. So standen zwar nach dem WM-Finale 2014 zunächst die Sieger aus Deutschland den Verlierern aus Argentinien Spalier, während diese zur Überreichung der Silbermedaillen  schritten. Leider mussten nur Momente später die Jungs der Albiceleste den Siegern eine Gasse bilden. Es sei die Finalpleite nicht schon schlimm genug.

Die Arroganz der Fußballindustrie scheint etwaige Blicke in andere Sportarten, wo man gewisse Dinge einfach besser macht, mit Absicht zu vermeiden. Dabei könnte man sich dort Nachhilfe in Fairplay, Zeitspiel, Nutzung der Videotechnik holen, ohne den sogenannten Geist des Sports zu verraten.

Denn eines möchte man doch insgeheim wieder zu haben: Die kindliche Freude an einem Spiel. Niemand kann ernsthaft dieses Gewese um Fußball so wollen, wie es aktuell stattfindet, wenn man das Spiel und den Sport liebt. Man sollte den Sport wieder so verstehen, wie er im Duden beschrieben wird: “nach bestimmten Regeln [im Wettkampf] aus Freude an Bewegung und Spiel, zur körperlichen Ertüchtigung ausgeübte körperliche Betätigung”

(mt)

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*