WENN SIE WÜSSTEN, WAS WIR ALLES SCHON SICHER HABEN ZUR NEUEN SAISON

Dass Transfers des FC Bayern München es bis in die 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau schaffen können, wo nur über das Allerwichtigste des Tages informiert werden soll, zeigt, dass es viele Menschen interessiert, wie die Bayern Menschen hin und her bewegen. Und nun schmollt Uli Hoeneß.

Foto: Harald Bischoff (CC BY-SA 3.0)

Wie er da saß! Im “Doppelpass” bei Sport1, neben all den Journalisten und ehemaligen Angestellten. Fröhlich über den FC Bayern sinnierend. Es war wie früher, als Uli Hoeneß noch den Moralapostel geben konnte und sich nicht kleiner machen musste, weil niemand außerhalb seiner Bubble von seiner Glückspielsucht am Aktienmarkt wusste und er nicht nur seinen Zeigefinger und hochroten Kopf erheben konnte. Dann kam die Steuer, der Knast und die neu erlangte Freiheit und fast schien es, als würde die Welt einen demütigen, stillen und distanzierteren Bayern-Präsidenten erleben. Das ging auch ganz gut bis zum letzten Herbst. Da lud der Rekordmeister zu einer legendären Pressekonferenz, die neben Slapstickeinlagen von Hasan Salihamidzic, Rummeniggischen Worthülsen, ärmlichen Darbietungen des Pressesprechers und Hoeneß’ Schuldzuweisungen an den armen Juan Bernat vor allem eines offen legte: der Club ist, was die Außendarstellung angeht, in einem bemitleidenswerten Zustand und irrt durch das Fußballweltall umher wie Apollo 13 um den Mund herum. Frei nach dem Motto: “Deutschland, wir haben ein Problem!”. Doch der Schutzschild der Bajuwaren taugte nix und so verglühte die Phantasie, dass ein großer Club mit einer glorreichen Vergangenheit per se ein Profiverein in allen Facetten sei. Seit dem Abgang Markus Hörwicks als Pressemann ist das Regulativ weg, das schlimme Auftritte wie diesen verhindern konnte. 

Nun sitzt Uli Hoeneß wieder in (s)einem Wohlfühlbecken “Doppelpass” bei Weißbier und launiger Machoatmosphäre und serviert Sprüche, verteilt rhetorische Hiebe gegen seine und die vermeintlichen Feinde des FC Bayern und parliert über die nächste Transferoffensive. Richtig auf Betriebstemperatur scheint die “Abteilung Attacke” und dann fällt der folgenschwere Satz: “Wenn Sie wüssten, was wir alles schon sicher haben zur neuen Saison!”. So ein Spruch lässt aufhorchen und man vermutet etwas ganz Großes, das Fußballdeutschland bis dato nicht sah. Zu diesem Zeitpunkt war im Prinzip nur die Personalie Benjamin Pavard in Sack und Tüten und der Transfer von Lucas Hernandez, der mittlerweile für 80 Millionen Euro abgeschlossen wurde, war inzwischen mehr als ein offenes Geheimnis. Das Grundgefühl, das durch Hoeneß’ Ansage entstand war, dass nun mit den kolportierten 80 Millionen Euro nur die Spitze des Eisbergs zu sehen war. Und es geisterten damals interessante Namen durch den Blätterwald wie, um nur einen zu nennen, Antoine Griezmann, der mittlerweile seinen Abschied von Atlético Madrid angekündigt hat. 

Gut, einen 100-Millionen-Deal schloss Uli Hoeneß zwar im April aus, aber er selbst konnte sich vor ein paar Jahren Summen wie die, die nun für Hernandez nach Madrid wandern, noch nicht vorstellen. Die Welt des Fußball ist aber nun eine andere geworden. 222 Mio. Euro für einen Spieler sind Realität, ebenso wie der aktuelle Marktwert von Kylian Mbappé von 200 Millionen Euro. 

Nun sind gerade wir von PLATTSPORT die Letzten, die solche Summen befürworten und die aktuellen Marktwerte sind vor allem eines: krank. Wir wollen nun zweierlei besprechen. Zum einen die Transferpolitik der Bayern der letzten Jahre und zum anderen die Gegenwart und Hoeneß’ jüngste Jammereien über die von ihm selbst erzeugte Erwartungshaltung.

Die Vergangenheit

Mit der Zeit um das Jahr 2010 Louis van Gaals beim FCB kam auch ein System in den Verein, dem man seitdem grundsätzlich treu geblieben ist. In einem 4-3-3 agieren die Bayern offensiv und kommen zuverlässig mit zwei Außenstürmern, die von zwei Außenverteidigern unterstützt werden, über die Seitenlinien in den Strafraum der Gegner. Mit “Robbery” hatte München die ideale Besetzung für diese Positionen und im Jahr 2013 den Höhepunkt erreicht, als man das Triple gewann und Europa dominierte. Mit der Verpflichtung von Pep Guardiola glaubte man in Giesing den Zement für diese Dominanz gefunden zu haben. Zumindest auf nationaler Ebene traf das bislang auch zu, wobei die Korrosion der Macht in der letzten Saison allzu offensichtlich wurde. In Europa jedoch wurden die Bayern von clevereren Teams seitdem regelmäßig ausgekontert, besiegt und auf ein Normalmaß heruntergestutzt. Unvergessen die Blamagen gegen Real 2014, die Backpfeifen mit der Bahnschranke Boateng gegen Barcelona 2015 oder etwa die Achtelfinalpleite gegen Liverpool in diesem Frühjahr. Früh war absehbar, dass Bayern sein Personal verjüngen musste und statt Qualität zu holen, die sofort den Unterschied und Ribéry und Robben Feuer unter dem Hintern machen sollte, agierten die Münchner zögerlich und gaben lieber in bester Absicht weniger Geld für hoffnungsvolle Talente wie Coman oder für arrogante Schöngeister wie Douglas Costa aus, die entweder scheiterten oder dauerverletzt waren. Während die Granden der europäischen Clubelite Ihre Geldhähne aufdrehten und sich, im Verhältnis zu heutigen Preisen, große Spieler sicherten, die langfristigen Erfolg versprechen wie ein Edin Hazard, Kevin de Bruyne, Kylian Mbappé oder jüngst Jordan Sancho oder Mohamed Salah, versahen sich die Bayern auf gewohnte Griffe in die konkurrierenden Bundesliga-Konkurrenzkader. Dabei kann man Glück haben, was ein Serge Gnabry und Niklas Süle beweisen, aber man kann auch Sebastian Rode, Sebastian Rudy oder Sandro Wagner anwerben. Will man international die Muskeln spielen lassen, leiht man mit James einen Spieler für viel Geld für zwei Jahre aus, der im Grunde heute noch davon lebt, dass er 2014 Torschützenkönig bei der WM wurde und sonst Clicks bei Facebook aus Kolumbien generieren kann. 

Mittlerweile, und das zeigt der Sommer 2019, hat der FC Bayern selbst in seiner Paradedisziplin, die direkte Konkurrenz zu schwächen, gegen Borussia Dortmund verloren, die sich die Nationalspieler Hummels, Schulz und Brandt, sowie Thorgan Hazard holten. Selbst einen Spieler wie Kai Havertz, der aktuell mit 90 Mio. Euro im Schaufenster bei Leverkusen steht, können die Bayern nicht mehr ganz selbstverständlich in den Einkaufskorb legen und an der Kasse mit der schwarzen AmEx über den Scanner schieben lassen, sondern stoßen beim selbstbewussten Rudi Völler auf Granit. Der ruft “unverkäuflich” und weiß, dass irgendwo in Europa ein irrer Scheich, Öl- oder wahlweise Gas-Tycoon oder Brauseblubberei im Zweifel jeden Preis zahlt, den Tante Käthe aufruft. Da kann sich Rudi Nationale genüsslich durchs graue Haare greifen und mal kurz aufjaulen, so dass man an der Säbener Straße versteht: Rien ne va plus, Uli. 

Damit kommen wir zum Kern des Problems. Auf der einen Seite wollen die Bayern diesen Preiswahnsinn, der es einfach ist, nicht bis zum Anschlag mitmachen. Verständlich, denn dieses Wettrüsten kann der Verein nicht mitgehen, will er nicht zerbrechen. Es scheitert aber auch am Willen von Uli Hoeneß, der wohl sehr gekränkt sein muss, dass es andere Global Player gibt, die, nicht wie er, der mit eiserner Wirtschaftlichkeit und großem Fleiß den FCB von heute geformt hat., quasi Geld nach Belieben aus dem Geldautomaten ziehen können und intergalaktische Quellen von Moneten anzapfen können. Heutzutage kämpfen die Münchner gegen diverse arabische Staaten (ManCity & PSG), russische Oligarchen (Chelsea), vom Staat subventionierte Mogelclubs (Barca & Real), Limoproduzenten (Salzig) und überhaupt gegen die geldgeflutete Premier League. Hoeneß weiß genau, dass ein Hineingreifen der Bayern in die obersten Schubfächer auf dem Transfermarkt einen Handelskrieg auslösen würde, den die Bayern und Uli Hoeneß nicht gewinnen können. Denn, und das ist die Sache mit dem “können”, im Vergleich zur finanziellen Potenz der kontinentalen Konkurrenz und den neureichen Chinesen, wirkt das berühmte Festgeldkonto der Bayern eher wie Omas Geldstrumpf, in dem sie brav am Ende des Monats jeden übrigen Taler hinein geworfen hat. 

Die Gegenwart

Womit wir längst im hier und jetzt angekommen sind. Der Markt ist den Münchnern über den Kopf gewachsen. Mögen sie national noch die unangefochtene Nummer eins sein, so sind sie in Europa nur noch auf Platz 10 der wertvollsten Mannschaften zu finden und die Tendenz geht weiter nach unten.
Fakt ist, dass das Gefühl, das Uli Hoeneß bislang erzeugte Erwartungshaltung und der darauf folgenden Enttäuschung etwa so zu beschreiben ist: Ein Vater stellt sich im März vor die versammelte Familie und sagt: “Wenn Ihr wüsstet, wohin wir dieses Jahr in den Urlaub fahren werden und was ich bereits gebucht habe!”. Die Kinder gucken den Papa mit großen Kulleraugen an und beginnen von einer Reise nach Disneyworld zu träumen, während Mama ihrerseits sich bereits am Strand in der Südsee wähnt und im Wohnzimmer sich ein vorfreudiges Gemisch aus Spannung und Dankbarkeit breit macht. Nimmt man diesen Vergleich, so scheint die Sommerreise für die Beispielfamilie eher nach Sankt-Peter-Ording zu gehen.

Dass sich Uli Hoeneß, um mal schnell wieder beim Fußball zu landen, nun lautstark beschwert (“Ich muss ehrlich sagen, langsam geht mir das auf die Nerven, dass man sich nur noch über Käufe definiert”), ist nett gesagt absurd, wenn nicht sogar naiv. Wir von PLATTSPORT möchten Uli Hoeneß aber dennoch recht geben. Für uns definiert sich der FC Bayern aktuell mehr über:

  • Langeweile in der Meisterschaft
  • Sponsorendeals mit Katar
  • die ersehnte Errichtung eines Closed Shops namens “Super League”
  • gruselige Pressekonferenzen
  • arrogante Außendarstellungen
  • unnötiges Sägen am Trainerstuhl von Niko Kovac
  • miese Pressesprecher
  • weiße, aus Menschen geformte, Telekom-“T”s im Unterring in der Münchner Arena
  • emotionsarme Meisterfeiern
  • Mirko Nontschew als Sportdirektor
  • vorbestrafte Präsidenten und Vorstandschefs
  • schlechte Stimmung auf der Tribüne
  • enthemmter Kapitalismus
  • nervtötende Lichtshows im Stadion
  • keine Antwort auf kluge Redebeiträge Eurer Opposition
  • Bierzelthaudraufrhetorik
  • üble Nachrede gegenüber ehemaligen Spielern
  • schlechte Jugendarbeit

Es möge sich an dieser Stelle ein jeder sein eigenes Bild zu dieser Sache machen. Wir halten noch mal kurz fest, was im Moment so durch die Presse geistert: Leroy Sané wird teuer, wenn er denn kommt und als “Plan B” denken die Bayern angeblich über den französischen Saubermann und Teamplayer Ousmane Dembelé nach, der auf fast all seinen Stationen gezeigt hat, dass er bis zum letzten Tag alles für seine ehemaligen Arbeitgeber gab. Desweiteren hat man ein Auge auf Ozan Kabak (19) geworfen, der vor einem Monat kläglich mit dem VfB Stuttgart in die zweite Liga abstieg. Pavard hat man ja schon verpflichtet. Ein Schelm, der jetzt Böses denkt. Hinzu kommt von Uli Hoeneß der dezente Hinweis, dass man am 15. August (1. Spieltag der Bundesliga) eine gute Mannschaft auf dem Platz haben wird. Da haben wir nur noch eine Gegenfrage, Uli. Habt Ihr eine Woche vorher beim DFB-Pokalspiel gegen Energie Cottbus keine gute Mannschaft dabei?

Es bleibt in jedem Fall spannend und Uli Hoeneß und sein Herzensclub haben bis zum 2. September 2019 um 18 Uhr (MESZ) Zeit diesen Artikel zu entkräften. Dann nämlich schließt in Deutschland das diesjährige Sommertransferfenster.

(mt)

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