Wann beginnt der Amateursport und wo endet eigentlich der Amateursport?

Foto: Vince Fleming / Unsplash

Die Bundesregierung hat vor kurzem entschieden, dass der gesamte Amateursport ab dem 2. November ruhen soll. Dieser Verzicht soll dazu beitragen, dass die Infektionszahlen im Zuge der Corona-Pandemie heruntergehen. Doch die entscheidende Frage ist, wo fängt eigentlich der Amateursport an?  

Ein freier Sonntagnachmittag. Ich freue mich, mal wieder ein bisschen Sport schauen zu können. Sport im Osten beim MDR bietet mir vor allem die Möglichkeit, einen intensiven Einblick in die Regionalliga Nordost zu bekommen – vor allem, weil hier mit dem SV Babelsberg 03 einer meiner Lieblingsclubs kickt. Natürlich ist bei den Interviews nach den Spielen der „Lockdown light“ – oder wie er auch immer bezeichnet werden mag – ein Thema. Mir fällt auf, dass die Stellungnahmen von Trainern und Spielern ganz unterschiedlich ausfallen. Einige scheinen ein vierwöchiges Trainings- und Spielverbot akzeptiert zu haben, andere gehen kämpferisch an die Sache heran und wollen erst mal abwarten, was passiert. Spannend finde ich die Position von Daniel Berlinski, dem Trainer des Chemnitzer FC. Er sagt: „Die Spieler haben jetzt zwei Tage frei. Danach sehe ich die Jungs wieder auf dem Trainingsplatz. Ich gehe davon aus, dass wir am Mittwoch trainieren dürfen.“ Wie selbstverständlich erachtet es der Coach, dass alles in der nächsten Woche ganz normal weiter geht. Naiv oder optimistisch – ein Urteil will ich mir nicht erlauben. 

Die Frage, die über allem steht: Wann beginnt der Amateursport und wo endet eigentlich der Amateursport? Fakt ist: Im Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) dürfen ab dem 2. November keine Spiele mehr stattfinden. Das teilte der NOFV im Anschluss an die Beschlüsse der Bundesregierung mit: „Bis zuletzt bestand die Hoffnung, dass die Bundesländer des Nordostens die NOFV-Spielklassen, und vor allem die Herren-Regionalliga, als halb- bzw. semiprofessionell einstufen und der Spiel- oder zumindest der Trainingsbetrieb der jeweiligen Vereine weiterhin gewährleistet wird. Da dies leider nicht eingetreten ist, ist die Unterbrechung des Spielbetriebes die einzige logische Konsequenz“, hieß es auf der Homepage des Verbandes. 

Ein Grund, der vermutlich einen großen Einfluss auf diese Entscheidung des NOFV hatte: Kein Spiel in der Regionalliga hätte vor Publikum stattfinden dürfen. Deshalb sagt NOFV-Präsident Erwin Bugár: „Selbst bei Bestätigung einer Weiterführung von politischer Seite hätten wir uns über den Spielbetrieb intensive Gedanken machen müssen, denn eines haben uns die Vereine bereits im Sommer klargemacht: Geisterspiele sind für die Vereine wirtschaftlich nicht tragbar und definitiv nicht gewollt.“ Aktuell kämpfen die Vereine der Regionalliga Nordost darum, wenigstens in den vier Wochen weiterhin trainieren zu dürfen – ein Entschluss darüber scheint völlig offen. 

Wie wird das in den anderen Fußball-Regionalligen umgesetzt? Die Regionalliga Südwest hat vorsorglich den 13. Spieltag abgesagt. Die Partien sollten eigentlich am 3. und 4. November gespielt werden. Ob es eventuell im Laufe des Novembers doch noch einen Spielbetrieb geben kann, wollen die Gremien dieser Staffel in den kommenden Tagen entscheiden. Auch die Regionalligen Nord und West werden wahrscheinlich ihren Spielbetrieb im November pausieren. Über die Regionalliga Bayern wird am 2. November entschieden. 

Aber sollte die Fußball-Regionalliga nicht schon zum Profisport zählen? Viele der Spieler verdienen vierstellig, trainieren mindestens einmal täglich. Dazu kommt ein Spiel am Wochenende vor – wenn Corona es erlaubt – vierstelliger, in Ausnahmefällen sogar fünfstelliger Kulisse. Und das ist noch Amateursport? Menschen, für die Fußball ihr Leben ist und so nahezu genauso viel Zeit investieren, wie in einem anderen Job. Auch in der Regionalliga wird davon gesprochen, dass Fußball für viele  „das tägliche Brot“ ist. Auch wenn sich Geisterspiele für die Vereine dieser Liga nicht lohnen, sollte man wenigstens das Training erlauben, finde ich. 

Und wie ist es in anderen Sportarten? Ich persönlich finde den Vergleich zur 2. Handball-Bundesliga der Männer ganz interessant. Hier haben die Verantwortlichen beschlossen, dass der Spielbetrieb weitergeht – natürlich auch vor leeren Zuschauerrängen. Da ist doch die spannende Frage, wo der Unterschied zwischen der 2. Bundesliga im Handball und der Regionalliga im Fußball liegen. Nach meinen Erfahrungswerten können die Spieler der Teams der 2. Liga eher nicht vom Sport leben – sie trainieren vermutlich ähnlich viel wie ihre Fußball-Kollegen in der vierten Liga, Geisterspiele sind mindestens genauso schmerzhaft, wenn nicht sogar noch dramatischer für die Vereine. Die Rahmenbedingungen sind demnach sehr ähnlich – aber trotzdem werden die Ligen unterschiedlich behandelt. Übrigens geht der Spielbetrieb der 2. Bundesliga im Basketball – sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen weiter – und auch im Volleyball wird in den zweiten Ligen der Männer und Frauen alles im November ganz normal fortgesetzt. Übrigens im Gegensatz zur 2. Bundesliga der Frauen im Fußball. Hier wurde der Spielbetrieb für den November abgesagt. 

Kurzum: Die Regelungen, wo der Amateursport beginnt und wo der Profisport endet, sind uneinheitlich – vielleicht sogar ungerecht. Unter Umständen sorgt die Corona-Krise aber auch dafür, dass sich die Verantwortlichen mal Gedanken machen, wo die Grenzen zwischen dem Profi- und Amateursport liegen. Für die Zukunft wünsche ich mir eine transparentes Handeln der politischen Entscheidungsträger. Dass der Amateursport ruhen soll, ist einfach zu sagen. Letztlich müssen dann jedoch die Verantwortlichen der jeweiligen Sportarten und Ligen die Beschlüsse fassen, wie es weitergeht. Möglicherweise kann es hier perspektivisch eine engere Zusammenarbeit zwischen Politik und Sport geben. So werden auch die Entscheidungen besser nachvollziehbar.

Update: Die Regionalliga West darf trotz des Teil-Lockdowns weiterspielen. Das teilte der Westdeutsche Fußballverband nach Klärung mit der NRW-Landesregierung mit. Die 4. Liga wurde nicht als Amateursport eingeordnet, sonst hätte sie vorerst nicht stattfinden dürfen.

Hier gibt es weitere Infos: https://www.reviersport.de/artikel/keine-zuschauer-keine-covid19-tests-regionalliga-west-wird-fortgesetzt/

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