Traumreise Auswärtsfahrt

Im Moment sind keine Heimspiele als Fan drin. Noch unmöglicher ist jedoch eine Auswärtsfahrt, die stets ihren eigenen Charme hat und ein Leben lang unvergessen bleibt. Eine Rückschau auf deaktivierte Freizeitbeschäftigungen!

Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber meine letzte Auswärtsfahrt ist auf den Tag ein Jahr her und doch kommt es mir viel länger vor. Egal welchen Herzensverein du hast, aber eine Auswärtsfahrt ist meistens etwas ganz Besonderes. Für einen Tag oder vielleicht auch zwei entfliehst du deiner Alltagswelt, begibst dich in (un)bekannte Gefilde irgendwo zwischen Kiel und Freiburg, genießt dein Leben in vollen Zügen oder Bussen, manche von uns nutzen das Flugzeug. Doch kommst du am Ende, im besten Fall, glücklich beseelt vom Sieg wieder zuhause an. 

Die Geschichten im Gepäck

Was man dabei immer im Gepäck hat, sind Geschichten, die man so nur irgendwo bei einer Auswärtsfahrt erleben kann. Oft lernt man neue Menschen kennen, trifft auf alte Bekannte oder gar Rivalen bei der Anreise, aber alle verbindet uns etwas: Wir wollen zum Spiel! Wir wollen unsere Mannschaft sehen, auch wenn wir dafür gefühlte 800km mit der Regionalbahn quer durch die Republik fahren, weil der störanfällige ICE bei der Zugteilung in Hamm wieder liegenblieb oder weil wir uns zu fünft in ein eigentlich viel zu kleines Auto quetschen. Manche steigen gar ins Flugzeug und fliegen quer durch Europa. Für manche ist das Highlight aller Auswärtsfahrten die Allianz-Arena in München, für andere Anfield in Liverpool beim internationalen Wettbewerb und dann gibt es die, denen es egal ist, wo sie hinfahren. Hauptsache dabei sein, zur Not auch auswärts beim SV Meppen oder in Falkensee-Finkenkrug. Wir alle haben diese eine Lieblingsauswärtsfahrt, auf die wir die ganze Saison oder zumindest ein paar Spieltage drauf hin fiebern.  

Kulinarische Stadionhighlights

Hat man nach allen Reisestrapazen die Destination Stadion erreicht, so gilt es meistens vor Anpfiff die lokalen Bier- und Wurstspezialitäten sowie Köstlichkeiten in flüssiger oder fester Form zu verkosten. Manchmal kommt man auch gar nicht dazu, weil der gastgebende Verein dir wieder irgendeine Plastikkarte in die Hand drückt, die du aufladen musst. Und weil das so blöd kompliziert ist, lässt du es sein und genießt lieber ein Getränk vorm Stadion und erst wieder nach dem Spiel oder irgendwer von den Menschen um dich rum lässt dich an seiner Karte teilhaben, weil vom letzten Auswärtsspiel noch 67,98€ auf der Karte übrig sind. Die Schlange beim Umtausch war zu lang, und man musste doch schnell den Zug nach Hause erwischen, da man den 29€ Sparpreis der Bahn ergattert hat. Ähnlich blöd müssen sich wohl die Kartenmenschen fühlen, wenn sie irgendwo hinkommen, wo nur echtes Geld akzeptiert wird und in Stadionnähe kein Geldautomat zu finden ist. 

Stadionwerbung, Schiedsrichterentscheidungen, Support 

Endlich Anpfiff. Nachdem man unzählige Kontrollen durch Polizei und Ordnungskräfte hinter sich hat und auch die 13. Person alle Taschen durchwühlt, ist man im Gästeblock angekommen. Für alle, die noch nie in einem Bereich waren: Das sind meist die miesesten Plätze im gesamten Stadion, teilweise nicht überdacht, schlechte Sicht, wenig Toiletten und wenn du Pech hast, darfst du nicht mal ein Fanclub-Banner aufhängen, ohne einen Polizeieinsatz auszulösen. Es könnte sich ja ein Werbepartner verprellt fühlen, weil sein Name nur noch 122348 Mal im Stadion an anderer Stelle auftaucht. Auswärts will man sich gut präsentieren, gibt 90 Spielminuten alles für die Mannschaft und genau wie zu Hause, wird jede Schiedsrichterentscheidung leidenschaftlich diskutiert. Aus dem Gästeblock kann man natürlich aus 47 Metern Entfernung ein klares Abseits oder Handspiel entdecken, selbst wenn da ein paar Fahnenschwenker oder hüpfende Ultras im Sichtfeld stehen. Und während man noch leidenschaftlich diskutiert, stimmt der Capo bereits zum nächsten Lied an. Natürlich brüllst du aus voller Seele mit, hüpfst mit und bist am Ende heiser. 

Für die Geschichten am Ende ist immer noch genug Stimme da 

Nach dem Spiel hastet man oft zur Bahn und lernt in der ein oder anderen Stadt, wie Verkehrskonzepte bei Großveranstaltungen NICHT funktionieren. Vielleicht geht man auch gemütlich zum Auto und wartet auf dem Parkplatz, der sich bei schlechter Witterung oft in eine Matschgrube verwandelt. Der Rest der Gruppe befindet sich in einem Radius von 2km irgendwo verstreut zwischen Parkplatz, Stadion und Toilette. Sind alle beisammen, geht es auf kurze oder lange Rückwege. Man lässt das Spiel Revue passieren, diskutiert erneut über den Schiedsrichter und kommt oft zu dem Ergebnis: Das muss ich mir doch im Re-Live noch einmal anschauen. Und dann erzählen wir uns Geschichten von früheren Fahrten, von Auswärtskatastrophen und Skandalen, schwelgen in Erinnerungen, reden immer mal wieder über den aktuellen Kader, individuelle Leistungen, Marktwerte und Transfergerüchte. Manchmal sprechen wir auch über andere Dinge, die uns in dem Moment vielleicht privat beschäftigen, spenden Trost oder wir lachen laut. Jede Auswärtsfahrt ist eine neue Geschichte und hinterlässt bei uns Bilder und Eindrücke, die wir mit nach Hause nehmen als Erinnerungen, auf die man gern oder vielleicht auch nur ungern zurückblickt.  

Irgendwann, Irgendwann einmal…

Ich hoffe, wir können bald alle wieder Auswärtsfahrten machen. Ob wir dann bei 3 Grad und Nieselregen, bei schlechtem Bier und abschüssigen Stufen im Gästeblock stehen, Probleme mit der örtlichen Polizei haben oder mit der Bahn in einer Schneewehe hinter Göttingen liegen bleiben… Das alles wird mir bei der ersten Auswärtsfahrt nach der Pandemie sowas von egal sein. Was ich jetzt schon weiß: Ich werde heiser, glücklich und vielleicht auch etwas angetrunken zu Hause kommen. 

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