TRAINERKARUSSEL

Läuft es nicht beim Fußballverein, wird relativ schnell am Stuhl des Cheftrainers gesägt. Viel zu schnell, findet Stephan Gerteis, der ein Plädoyer für die Treue zum Trainer auch in harten Zeiten hält. Ein Kommentar.

Mitunter komme ich mir dieses Jahr vor wie auf dem besagten Jahrmarkt, bei diesen ständigen Trainerwechseln und Spekulationen um die selbigen in den deutschen Profiligen. Trotz meines persönlichen Anspruches auch in solchen Fällen als Fußballnerd immer up to date sein zu wollen, gerate ich hier, ob der Intensität der Rotation auf Deutschlands Trainerbänken, gerade ein wenig außer Tritt.

Allein in der Bundesliga wurden in der laufenden Spielzeit bisher 5 Trainer geschasst. Angefangen hat alles beim Branchenprimus FC Bayern München, der seinen Meistertrainer Niko Kovac vor die Tür setzte und nun seitdem interimsweise auf den ehemaligen Bayern Spieler Hansi Flick setzt, diesen aber trotz großartiger Ergebnisse fast täglich der Presse als Freiwild preis gibt. Hansi Flick reagiert hier meiner Meinung nach ganz großartig, indem er wie ein geerdeter Elder Statesmen mit der Aussage kontert, dass sein Leben auch ohne den Trainerposten bei Bayern München weitergehen wird. Des Weiteren wurde Ante Covic bei Hertha BSC entlassen, der von der Geschäftsleitung und dem Investor Windhorst gewogen und für die Umsetzung ihrer ehrgeizigen Pläne, Hertha BSC zu einem Big City Club zu formen, für zu leicht befunden wurde. Nachfolger wurde Jürgen Klinsmann, der sich inzwischen auch schon wieder unsäglich selbst von seinen Aufgaben befreit hat und jetzt erstmal durch seinen Co-Trainer Alexander Nouri vertreten wird. In Köln wurde Achim Beierlorzer nach kürzester Zeit seines Amtes enthoben und durch Markus Gisdol ersetzt. Achim Beierlorzer war aber nicht lange raus aus dem Bundesliga-Zirkus, denn nach kürzester Zeit wurde er Trainer vom FSV Mainz 05, die nach einigen bitteren Ergebnissen nicht mehr den Mut hatten, am Lokalmatador Sandro Schwarz festzuhalten. Bei der Fortuna in Düsseldorf bekam man es mit dem Abrutschen auf den Relegationsplatz auch mit der Angst zu tun und kantete seinen Erfolgstrainer Friedhelm Funkel nach zwei sehr erfolgreichen Jahren aus dem Amt, um ihn durch Uwe Rösler zu ersetzen. Ein munteres “Bäumchen wechsel Dich-Spiel”. (inzwischen wurde Augsburg-Coach Martin Schmidt freigestellt – die Red.)

Die Presse hat mit Florian Kohfeldt und Lucien Favre die nächsten Trainer quasi im Voraus schon aus dem Amt geschrieben. Hut ab vor Frank Baumann, dass er immer noch so besonnen an Florian Kohfeldt festhält. Man merkt, sie sind von seinen Qualitäten als Trainer überzeugt. Doch gegen den schier übermächtigen Druck der Presse kommen die Vereine am Ende kaum an. Der respektlose Umgang mit Lucien Favre, der bei der Borussia hervorragende Arbeit leistet und einen Punkteschnitt von über 2,0 aufweisen kann, sucht meiner Meinung nach Ihres Gleichen. Die Krönung in diesem für mich perfiden Possenspiel war die Meldung, dass Frankfurts Trainer Adi Hütter quasi aufgrund einer Ausstiegsklausel für Borussia Dortmund auf Abruf bereit steht.

Die Arbeit eines Trainers wird heute nur noch am Punkteschnitt gemessen. Parameter wie Verletzungsmiseren, vorhandenes Spielermaterial, falsche Schiedsrichter-Entscheidungen, fehlende Einarbeitungszeit, Nationalmannschaftsabstellungen usw. fließen heutzutage kaum noch ein bei der Bewertung von Trainerleistungen. Wie soll ein Trainer einem Team seine Handschriften vermitteln, wenn er direkt nach 7 bis 8 erfolglosen Spielen wieder entlassen wird? Auch wenn Bundesligatrainer gutes Geld verdienen, hat niemand diese ständige Unsicherheit verdient. Ich wünsche mir mehr Beispiele wie den SC Freiburg oder den 1. FC Heidenheim. In beiden Vereinen arbeiten die Trainer inzwischen seit mehr als 5 Jahren und das mit sehr großem Erfolg. Statistisch gesehen führt in den seltensten Fällen der Trainerwechsel dauerhaft zu einem besseren Ergebnis.

Also liebe Fußballvereine auf dieser Welt, habt mehr Mut mit euren Trainern auch mal durch Dick und Dünn zu gehen, anstatt immer wieder den Ausweg des geringsten Widerstands zu wählen.

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