TIME OUT OR TIME RUNS OUT

Nicht ganz unbeabsichtigt ist die Überschrift in englischer Sprache gehalten. Nein, unser junger Podcast-Superblog strebt nicht auf den englischsprachigen Markt und wird daher auch zukünftig weiter in deutscher Sprache seinen Hass ausdrücken.

Als großer Eishockey-Fan beobachte ich natürlich auch das Geschehen in der nordamerikanischen Profiliga NHL mit großer Freude. Ja ja, ich weiß. Auch dort handeln die Clubs nicht mit Tomaten, sondern mit harten Dollars. Darum soll es hier aber jetzt nicht gehen. In jeder der vier großen US-Sportarten American Football, Basketball, Baseball und Eishockey ist es möglich die Zeit anzuhalten. Die Mädels und Jungs da drüben in Amerika machen das nicht aus lauter Freude. Sicherlich nutzen sie die mannigfaltigen Unterbrechungen, um ihre Werbespots unterzubringen und aus deutscher Fernsehguckgewohnheit mutet das in der Tat sehr nervig an. Wer aber schon mal Werbeblöcke bei Sky oder Sport1 gesehen hat und nicht im Hinterkopf einen harten Druck auf die Erträglichkeitssynapse des Gehirns gespürt hat oder wahlweise schwere und harte Gegenstände in Richtung TV werfen wollte, sollte sich fragen, ob er überhaupt ein Mensch und nicht vielleicht ein Roboter ohne Gefühle ist. 

Die Unterbrechungen im US-Sport dienen neben dem Gelderwerb der Sponsoren aber auch dem Zweck zu verhindern, dass man in unsportlicher Manier die Spielzeit geschickt herunter laufen lässt und taktisch mit oder gegen die Uhr spielt und sich damit gegenüber der anderen Mannschaft Vorteile sichert. 

Sicherlich ist es jedem selbst überlassen, was er gut und schlecht findet. Der eine mag Fußball, der andere Eishockey, der nächste Handball. Es gibt keinen besseren oder schlechteren Sport. Was aber beim Fußball, im Gegensatz zu all den anderen genannten Sportarten fehlt, ist die Möglichkeit die Uhr anzuhalten. Wenn der Schiedsrichter beim Fußball eine Halbzeit anpfeift, läuft die Zeit unerbittlich bis zur 45. Minute und auf Schiedsrichters Gnade kommt eine Nachspielzeit dazu, die eher dem Gefühl als einem nachvollziehbaren Grund im Spielgeschehen folgt. Der Spielleiter muss sich beim Fußball nicht offen im Spiel mit einem Handzeichen oder wie beim American Football über ein Mikrofon erklären. Die Nachspielzeit wird vom sogenannten vierten Offiziellen angezeigt und fertig. Keine Erklärung oder dergleichen. 

Während im Eishockey das absichtliche Befördern des Pucks aus dem Spielfeld eine zweiminütige persönliche Strafzeit zur Folge hat, im Basketball der Ball nach wenigen Sekunden Richtung Korb geworfen werden muss, im Handball der Schiedsrichter anzeigt, dass die angreifende Mannschaft nur noch wenige Pässe werfen darf und überhaupt im amerikanischen Sport der Begriff „Delay of game“ (Spielverzögerung) zum normalen Sprachgebrauch gehört, wird im Fußball der Trickserei und dem Betrug Tür und Tor geöffnet. Verletzungen werden angetäuscht, Spielerwechsel geraten zu einer unendlich langen Verabschiedungszeremonie des ausgewechselten Spielers an die Fans, der Trainerbank und irgendwo steht vielleicht noch eine Kamera, in die man winken kann. Vielleicht guckt die Oma ja gerade zu. Geht das ganze Prozedere zu lange, guckt der Schiedsrichter im Fußball schon mal böse, aber ein nachvollziehbares, standardisiertes und konsequent umgesetztes Regelwerk, wie schnell ein Spieler den Platz verlassen muss, gibt es leider (noch) nicht. Übrigens ist es immer wieder erstaunlich wie schnell Spieler den Platz verlassen können, wenn ihre Mannschaft zurückliegt. 

Schon lange ist dieses Problem bekannt, aber die Versuche dieses Trauerspiel zu unterbinden, kann man nur zaghaft und ängstlich nennen, denn niemand will der Erste sein, der dem Fußball seine angebliche Seele raubt. So geistert in den Regelhütern des Fußballs seit 2018 die Idee umher, dass Spieler zukünftig nicht zur Mittellinie an der Trainerbank beim vierten Offiziellen das Spielfeld verlassen müssen, sondern an jeder beliebigen nächstgelegenen Stelle des Fußballplatzes. Das löst jedoch nur bedingt das Zeitspielproblem, denn diese Regeländerung macht den Spielern nicht schnelle Beine, sondern verkürzt nur geringfügig den Fußmarsch. Schon jetzt kommunizieren Trainer mit den bald auszuwechselnden Spielern, dass diese gleich das Feld verlassen werden und sich schon mal möglichst weit von der Mittellinie aufhalten sollen – natürlich nur, wenn das eigene Team in Führung liegt. Kommt die Regeländerung, stehen die Spieler dann eben möglichst am Mittelkreis herum, bevor sie klatschend das Feld im Schneckentempo verlassen.

Was könnte also getan werden, um dieser, man muss es klar so nennen, krassen Unsportlichkeit Herr zu werden. Hier ein paar konstruktive Vorschläge:

  • Der Schiedsrichter unterbricht per Pfiff das Spiel, um den Spielertausch zu ermöglichen und ab diesem Moment bleibt dem wechselnden Team 15 Sekunden, in denen der Spieler das Feld verlassen muss. Lässt er sich zu lange Zeit, setzt der Schiedsrichter das Spiel mit einem Spieler weniger fort und der Einwechselspieler darf erst zur nächsten Spielunterbrechung (Pfiff des Schiedsrichters, Ball fliegt ins Aus) am Spielgeschehen teilnehmen. Der klare Vorteil: es ist absolut im Interesse des wechselnden Teams, dass der Spieler schnell den Platz verlässt. 
  • Während der Auswechslung stoppt der Schiedsrichter die Uhr und der Wechsel benachteiligt zeitmäßig kein Team. Um einen Spielfluß aufrecht zu erhalten, sollte auch hier eine zeitliche Grenze gelten, beispielsweise von 20 Sekunden. 

Selbst in der urdeutschen Sportart Handball kann der Schiedsrichter die Uhr anhalten, weswegen man von Traditionalistenseite nicht behaupten kann, dass ein Anhalten der Uhr gegen europäische Gewohnheiten geht.

Ein weiteres Phänomen im Fußball sind auftretende Krämpfe und Wehwehchen gegen Ende eines Spiels. Auch an diese Bilder hat man sich leider schon gewöhnen müssen, auch wenn mein eigener Magen immer wieder nach spontaner Entleerung schreit, wenn wieder einmal in der 89. Minute eines Spiels die Wade zwickt, der Kopf schmerzt, der Fuß drückt und das vereinsinterne Ambulanzteam anrücken muss, um mit irgendwelchen Sprays und Kühlpads schnellere Linderung zu ermöglichen. 

So geschah auch gestern wieder Erstaunliches, als beim Gastspiel des FC Bayern in Anfield bei Jürgen Klopps Liverpool F.C. kurz vor Feierabend Javi Martinez ein Krampf ereilte, der spontan aus der Wade entweichen musste und der Schiedsrichter Müller-Wohlfarths Ärzteexpress rief. Was bei dem sicher kraftraubenden Defensivspektakel, das die Bayern gestern abliefern mussten, um nicht in Liverpool gegen die Zauberzwerge Mané, Salah und Keita unterzugehen, mir nicht besonders auffiel. Was mir aber heute die Zornesröte ins Gesicht brachte, war die unverfrorene Dreistheit von Niko Kovac, der ungeniert den Betrug des Zeitspiels zugab und das ganze noch herunterspielte, indem er Martinez‘ Schauspieleinlage bagatellisierte, da dieser „auch ein bisschen die Ruhe“ reinbrächte, denn „Dafür haben sie die Erfahrung.“

Mal ganz abgesehen, dass ich das von einem Fair-Play-Preisträger nicht erwartet hätte, ist dieser offene Betrug nicht mehr oder weniger ein Aufruf zukünftig zu schinden, wo es nur geht. 

Der Fußball hat eine Vorbildfunktion gegenüber allen Teilnehmern der Gesellschaft, vor allem aber vor den Kindern, die ihre Kleiderschränke aufrüsten mit den Trikots der Superstars. Man sagt den Kleinen direkt: „Mach mit! Mach’s nach! Mach’s noch schmutziger!“ Muss man sich schon lange nicht mehr wundern, dass die bolzenden Kids auf allen Plätzen dieser Welt die Posen der Stars imitieren, indem sie sich breitbeinig auf Freistöße vorbereiten, Tore bejubeln wie die Griezmänner und Lewandowskis dieser Welt oder betend den Platz betreten, so werden den Hütern der Fußballwerte und den Verteidigern einer romantischen Fußballkultur die Argumente ausgehen, wenn sie den Jungspunden zukünftig sagen, dass sie kein Zeitspiel betreiben sollen, da der Trainer des FC Bayerns Betrug mit Schlitzohrigkeit gleichsetzt. 

Was kann man nun tun, um den Lieblingssport der Deutschen wieder erträglich zu machen? Mein Appell: Schafft die 90 Minuten ab, die gnadenlos vor sich hin laufen und den Gaunern die Möglichkeit geben unredlich zu sein und führt eine Nettospielzeit von 60 Minuten ein! Dieser Idee ist nicht neu. Die Initiative „Play Fair!“ brachte 2017 ein Strategiepapier in die Welt, das den Fußball revolutionieren sollte. Neben einigen kruden Fantasien, war aber auch die Idee der Halbzeit von 30 Minuten dabei. Und noch einmal: warum soll in Europa nicht funktionieren, was in Amerika geht? Da nach einer Analyse des kickerdie durchschnittliche Nettospielzeit in der Bundesliga-Saison 2016/17 eh bei 56 Minuten und 5 Sekunden lag, würde man sich zeitlich nicht groß verändern. Mit der Einführung des Videoassistenten (VAR) sollte sich diese Nettospielzeit dank der deutlich längeren Nachspielzeiten in der vergangenen Saison noch mal verlängert haben. 

Was meiner Meinung dagegen spricht? Die verkrustete Ansicht vieler Traditionalisten, dass man damit den Charakter des Spiels töten würde. Ich halte das für unfundierte Angstmacherei. Offenbar ist die Betrügeritis besser als ein faires Spiel, in dem sich am Boden wälzende und apathisch applaudierende Fußballer nicht mehr wohl fühlen. Und die Lobby der Hüter der Schummeleien ist stark. Man kann sie in jeder Fußball-Talkrunde sehen und ihnen zuhören, wie sie jede Veränderung pauschal ablehnen. Man muss nur die selbstgefälligen und stupiden Argumente gegen die technische Kontrolle des Spiels hören. Zu den Lautsprechern dieser Lobby gesellt sich dann auch noch der Stammtisch in der Fußballkneipe, der dieser Ablehnung zur Weiterentwicklung populär und stimmgewaltig Unterstützung liefert.

Man muss aber natürlich, um kurz den VAR anzureißen, sagen, dass die Planung, Kommunikation und Umsetzung eine schwere Katastrophe ist. Das Projekt „Videoschiedsrichter“ kann auch nicht gelingen, wenn es derart schlecht umgesetzt wird. Wie man es besser macht, sieht man in Amerika. Dort gibt es einen gewachsenen Respekt gegenüber den Spielleitern, die die Zuschauer mitnehmen (was auch teilweise sehr unterhaltsam sein kann). Es gibt klare Regeln, wann die Videotechnik eingreift und die Schiris verkünden und erklären ihre Entscheidungen per Mikrofon und vor laufender Kamera. Während beim Fußball der Schiedsrichter vor aller Welt allein und ohne Beratung seiner Assistenten vor einem Monitor steht und mit einer Erwartungshaltung des Publikums nach einer möglichst schnellen Entscheidung nebenbei auch noch einen gewissen psychischen Drucks auszuhalten hat, sitzt beim Football ein Oberschiedsrichter in einer warmen Loge des Stadions und lässt sich Zeit. Wie man in den Halbfinales der abgelaufenen NFL-Saison sehen konnte, kann es auch dort immer wieder zu schmerzhaften Fehlentscheidungen kommen, aber grundsätzlich herrscht in Amerika ein anderes „Mind-Set“ vor. 

Davon sind wir in Europa und vor allem in Deutschland noch weit entfernt. Und so müssen wir, wenn wir nicht bereit sind mit dem Sport in die Zukunft zu gehen, akzeptieren, dass Zeit geschunden wird und Fairplay nichts weiter ist als eine leere Worthülse. Und so scheint es, als sei im Fußball irgendwie die Zeit stehen geblieben. 
(mt)

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