Steffens Gleichung

Steffen Freund parlierte am vergangenen Sonntag im “Doppelpass” über die Herkunft der Schalker Harit und Bentaleb und was diese mit ihrem Verhalten zu tun hätten. Ein Kommentar.

Wie sagte einst Roger Willemsen so schön: “Manche Prominente merken erst, dass sie eine Meinung haben, wenn sie gedruckt wird.” Im Falle von Steffen Freund fiel dieser Stein der Erkenntnis offenbar in einer Werbepause des Sonntagstalk Doppelpass. Da lief der Shitstorm schon durch das Internet und Freund versuchte im Anschluss verzweifelt seine zuvor getätigte Aussage, die bei Schalke suspendierten Harit und Bentaleb hätten ein bestimmtes tadelhaftes Verhalten, weil sie eine arabisch-französische Herkunft hätten, zu korrigieren. Im Falle von Bentaleb brachte Freund in seiner Kaskade vorher Begriffsvermischungen wie “algerisch-französische Herkunft” mit “einer gewissen Aggressivität und Disziplinlosigkeit” zusammen, nämlich dann “wenn er nicht derjenige ist, der gesetzt ist”. Und natürlich stellte er die urschalker Eigenschaft des “Malochen” gegenüber. 

Dummerweise sprach Freund diese Worte nicht unter vier Augen in einer Situation, wo man als Zuhörer Gegenrede und Widerwort oder zumindest Nachfrage leisten kann, sondern im Sexy Clip-TV des Doppelpass‘. Der Ort, der davon lebt, dass im Affekt Überschriften und Meinungen generiert werden, die im Nachhinein den Talkern um die Ohren fliegen. Leider hat sich die sonntägliche Talkrunde inzwischen als Rückzugsort für schräge Vögel wie Effenberg, Basler und Calmund etabliert, die genau wissen, dass die Erregung auf ihre Worte im Doppelpass maximal bis zum Ende der Sendung reicht. Da passt es leider inzwischen auch gut, dass rassistische Parolen über Araber, ihre vermeintliche Faulheit und Aggressivität in dieser Sendung ihren Platz finden und sich neben sexistische und frauenfeindliche Polemik gesellen können. 

Es ist der Vorwurf an die Talkrunde und deren Moderator, dass man solche Äußerungen nicht sofort angreift und verurteilt 

Als wäre es in der letzten Sendung nicht schlimm genug gewesen, dass Steffen Freund derart ungebremst Vorurteile und Klischees bedient, misslang sein anschließender Korrekturversuch gründlich. Statt es bei einem Bitten um Verzeihung für diese dumme Äußerung zu belassen und den Rest der Sendung zu schweigen, amplifizierte er seine These, in dem er meinte, dass es schon eine Bedeutung habe, wo man aufwachse: „Und wie deine Mentalität ist. In Tottenham, wenn ihm das Spiel nicht gefallen hat, hat er das Spielfeld einfach verlassen“. Also geht es weiterhin um die Formel: Du kommst aus einem arabisch geprägten Millieu, Du bist dadurch eher geltungssüchtig, aggressiv und kannst schlecht verlieren. Ach ja, da Du nicht malochst wie die, die nicht aus diesem sozialen Umfeld stammen, musst Du damit leben, dass man Dich für faul erklärt. 

Im Jahr 2020 gibt es leider einen fruchtbaren Boden, auf den solche Parolen fallen können und schon in der gestrigen Talkrunde konnte sich Steffen Freund darauf verlassen, dass niemand Zivilcourage zeigt und ihn auf ein Normalmaß zurecht stutzt. Ganz im Gegenteil: unaufgefordert gab es Zustimmung, Relativierungen und Ergänzungen. Das ist der Vorwurf an die Talkrunde und deren Moderator, dass man solche Äußerungen nicht sofort angreift und verurteilt. 

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Steffen Freund inzwischen auf Twitter um Schadensbegrenzung bemüht ist:

Wie schon Clemens Tönnies im vergangenen Jahr, versucht sich Steffen Freund selbst zu entschuldigen, anstatt die betroffenen Spieler Harit und Bentaleb um Verzeihung zu bitten. Wo da der Unterschied ist, kann man hier noch mal nachlesen. 

si tacuisses, philosophus mansisses

Gut, wenn man es wörtlich nimmt: er möchte sich entschuldigen, jedoch bittet er nicht um Verzeihung. Aber lassen wir mal 33 gerade sein. 

Was bleibt? Der Doppelpass wird kein Ort der sachlichen Auseinandersetzung mehr und versucht auch nicht in irgendeiner Form politisch korrekt zu sein. Steffen Freund wiederum möchte man zurufen “si tacuisses, philosophus mansisses”: Hättetst Du geschwiegen, wärest Du ein Philosoph geblieben.

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