SO VIELE MOTZKIS

Plattsport-Chefredakteur Martin Tetzlaff wünscht sich nach den letzten Wochen weniger Meckern im und um den Fußball herum. Der Common Sense des Nörgeln ist dem Sport nicht dienlich, findet er. 

Dieses Gemeckere im deutschen Profifußball kann einem aber auch ganz schön auf die Nerven gehen. Ob auf dem Platz, direkt daneben, bei Twitter, bei Sky90, auf der Tribüne, bei Pressekonferenzen. Ich bekomme gerade vermittelt: alle haben sich während der Sommerpause nicht auf den Sport, rollende Bälle und spannende Spiele mit vielen schönen Toren gefreut, sondern darauf mal endlich wieder richtig mosern, meckern, palavern und krakeelen zu können.

Da ist das wieder aufgeflammte Torhüterduell zwischen Manuel Neuer (Bayern München) und Marc-André Ter Stegen (FC Barcelona). Ter Stegen nutzte nun die Medien, um sich seinen Frust über zwei Qualifikationsspiele ohne Einsatz von der Seele zu sprechen. Aber was sagt er da? Löw habe ihm etwas anderes zugesagt und dann offenbar sein Versprechen nicht gehalten. Ter Stegen könnte ein nicht gehaltenes Wort auch konsequent sanktionieren und aus der Nationalmannschaft zurück treten. Macht er aber nicht und spielt den Stinkstiefel, der nicht mitspielen durfte. Sachlich wird aber landauf landab nicht diskutiert. Löw, den ich persönlich auch kritisch sehe, hatte nach dem verlorenen Spiel gegen die Niederlande Druck. Jetzt die Nordiren als dahergelaufenen Testspielgegner sehen und den Torwart wechseln, hätte unter Umständen den Kontrahenten von der irischen Insel nur unnötig angestachelt. Es ist sportlich auch nachvollziehbar nicht zu wechseln. Neuer spielt stark und zeigt keinerlei Schwächen. Ter Stegen wiederum spielt auch stark, aber hat einen mehrmaligen Welttorhüter vor der Brust. Statt die Enttäuschung in Motivation umzuwandeln, um sich für die Nummer 1 im Team zu bewerben, nun also Geheule und Stänkern. Nun ja, ist ja nicht so, als wenn der DFB gerade händeringend nach neuen Brandherden gesucht hat.

Das leidige Thema Video Assistent Referee: Ja, es gibt Fehler. Ja, Technik kann versagen, nicht 100%ige Klarheit in manchen Situationen schaffen, mancher spricht von sogenannten “Schwarzweiß-Entscheidungen”, Schiedsrichter auf und neben dem Platz können irren. Geschenkt. Errare humanum est. Daraus hat sich aber in den letzten zwei Jahren ein Volkssport des Lamentierens entwickelt, der in meiner Wahrnehmung schlimmer ist als die Mängel des VAR. Union Berlin-Kapitän Christopher Trimmel mahnte direkt und schlau nach Spielschluss: “Wenn du in jeder Situation den Video-Schiedsrichter forderst, eine Rote Karte forderst, einen Elfmeter forderst, dann wird es irgendwann verrückt, und es ist ständig der Finger des Schiedsrichters am Ohr. Wir alle müssen dem Schiedsrichter helfen.” Wie wahr diese Worte. Hinzu kommt, dass auch die Medien mit ihrer penetranten Schlaumeierei zum Regelwerk und VAR, als auch die Fans mit ihrer Erwartungshaltung, der VAR müsse innerhalb weniger Sekunden eine 100%ig korrekte Entscheidung servieren und deswegen bei einem minutenlangen Suchen nach der Wahrheit auf die Barrikaden gehen, dem Sport und dem Spaß daran einen Bärendienst erweisen. Hier etwas fürs Phrasenschwein: Gut Ding will Weile haben. 

Beim VAR zeigt sich aber auch, wie aus einem emotionalen Schwarm unfair gewichtet wird: ein Schiedsrichter braucht zwei Minuten, um eine Entscheidung zu finden: Das geht nicht! Viel zu lange! Ein Spieler wird ausgewechselt und klatscht noch beim Rausgehen jeden Mitspieler ab und braucht eine gefühlte Ewigkeit. Hintergrund: sein Team führt und er schindet Zeit und das Spiel, das Fans in permamenter Bewegung, konträr zum Stop and Go beim American Football, sehen wollen, wird jäh unterbrochen: daran hat man sich gewöhnt und kein Sturm der Entrüstung bricht los. Dieses zweierlei Maß, was dieses Thema Spielunterbrechung angeht und wie unterschiedlich gejammert wird, nervt mich extrem. 

Ein anderer Ansatz: statt zu meckern, wäre es doch auch drin das eigene Team zu hinterfragen, warum es nicht ein Tor mehr als der Gegner erzielt hat. Der Schiedsrichter jedoch eignet sich qua Amt viel besser als Sündenbock, weil man seine eigenen Helden nicht hinterfragen muss. 

Grüße auch an den Boss des FC Augsburg, der jenen VAR kritisiert, den die Liga so in seiner Opazität gewollt hat. Da auch der FCA Teil dieser Liga ist, und damit auch quasi Gesellschafter des Unternehmens ist, das a) die Bedingungen des VAR definiert und b) den DFB mit der Ausführung beauftragt, kritisiert sich Klaus Hofmann im Grunde selbst. Der durchschnittliche Medienkonsument bekommt aber wieder den Eindruck: Himmel, sind die vom DFB doof. Die machen unseren Fußball kaputt!

Dann das Gejaule über die neuen Regeln. Wer schon mal in Berührung mit Regeln in anderen Lebensbereichen gekommen ist, weiß, dass die Auslegung ein heikles Thema ist. Warum sollte es also beim Fußball anders sein. Die neuen Handspielregeln lösen die alten ab, die wiederum vieles im Unklaren und Diffusen ließen.  Auch ein Fernsehliebling wie Arnd Zeigler verschwendet zu viel Sendezeit mit dem Reklamieren über den VAR. Statt schöne Kacktore oder andere Kuriositäten zu zeigen, beklagt er wöchentlich den Videoassistenten und dessen Ausführung. 

Es wäre schön, wenn wir alle mehr Geduld mit der neuen Technik hätten. In anderen Sportarten existiert auch Videotechnik, entstehen Fehler, aber der Meckergrad ist angenehm gering. Und ich persönlich möchte nicht mehr die Zeiten zurück, als Andreas Möller drei Meter von Dirk Schuster zu Boden fällt und Elfmeter bekommt. Oder wer erinnert sich nicht an Kießlings Nichttor durchs Außennetz oder oder oder. 

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