SCHÖNER EISERN OHNE NAZIS

In den letzten Monaten haben einige erschreckende Rassismus-Vorkommnisse in den Fan-Kurven der Republik für Schlagzeilen gesorgt. Leider ist das Problem in der guten Stube “Alte Försterei” vorhanden. Davon weiß Ralf Politz zu berichten.

Über den Wursthersteller aus Gelsenkirchen und seine rassischen Ausfälle wurde ja bereits ausgiebig berichtet und soll an dieser Stelle nicht noch einmal thematisiert werden. Man muss festhalten: offenbar existiert ein Rassismus-Problem in vielen Schichten der deutschen Fußballlandschaft.

Allgegenwärtig sind drei Beispiele aus Deutschland, die in den vergangenen Wochen durch die Medien gingen:

4. Februar 2020, Gelsenkirchen:
Während des Pokalspiels von Schalke gegen die olle Tante aus Charlottenburg, wurde während des Spiels Herthas 22-jähriger Verteidiger Jordan Torunarigha – übrigens ein gebürtiger Chemnitzer, der von der U16 bis zur U20 seine Knochen für Deutschland hingehalten hat und es auch noch tut – mehrfach und ausdauernd von Schalkern während der gesamten Spielzeit mit Affengeräuschen rassistisch beleidigt und das, obwohl der Verein erst wenige Tage vorher Anti-Rassismus-Wochen ausgerufen hat. Reaktion der umstehenden Fans: dieser Rassist wurde weder aufgehalten noch der Kurve verwiesen. Zumindest ist nichts bekannt. Haben sich also Umstehende, die diesem zutiefts widerwärtigen Ausfällen nicht Einhalt geboten haben, mit schuldig gemacht? 

14. Februar 2020, Münster:
Während des Drittligaspiels der Würzburger Kickers beim SC Preußen Münster wird der Würzburger Spieler Leroy Kwadwo – wie auch der Herthaner Torunarigha gebürtiger Deutscher – von einem Preußen-Fan ähnlich wie Torunarigha mit rassistischen Affenlauten beleidigt. Die Unparteiische Karin Rafalski, die durch Spieler beider Mannschaften auf diesen Rassisten aufmerksam gemacht wurde, unterbrach umgehend das Spiel. Reaktion der Fans: Umstehende zeigten auf diesen Typen, sodass er beim Verlassen des Stadions festgenommen werden konnte. Das ganze Stadion quittierte diese Aktion mit einhelligen und lauten „Nazis Raus“-Rufen. 

20. Februar 2020, Frankfurt/M.:
Vor dem Anpfiff des Europa League Spiel der Frankfurter Eintracht gegen den FC Salzburg, seines Zeichens gehörend zum Dosenimperium eines Dietrich Mateschitz, der in seinem Fernsehsender gerne auch einmal blau-braunen Nazis eine ausschweifende Kommunikationsbühne bietet, gibt es in Gedenken an die von einem Rassisten ermordeten Deutschen in Hanau eine Gedenkminute. Diese Gedenkminute wird aus der Dosenkurve von mehreren Salzburgern mit Zwischenrufen gestört. Die Reaktion der Frankfurter-Fans: ein gellendes Pfeifkonzert nebst anschließendem gemeinsam gebrüllten Standpunkt in Richtung der Dosenkurve: „Nazis Raus“.

Alles Vorfälle der letzten 3 Wochen aus einigen Stadien der Republik. Wie in den sozialen Medien und der Berichterstattung der Presse zu entnehmen ist, sind das keine Einzelfälle und geht hinunter bis in die untersten Ligen und Altersgruppen. Aber wie sieht es nun dazu bei uns im Stadion aus bzw. wie verhalten sich Unioner diesbezüglich? Hier möchte ich nicht selbst etwas nacherzählen, sondern die Betroffene zu Wort kommen lassen, die ihr Erlebtes per Social Media öffentlich machte und sich nach unserem Auswärtsspiel in Bremen bzw. im Zug am 08. Februar zugetragen hat:

„Hello 1. FC Union Berlin, hello liebe Fanbetreuer. Glückwunsch erstmal zum Auswärtssieg! Glücklicherweise kenne ich liebenswürdige Fans ausm Stadion An der Alten Försterei, denen ich das auch wirklich gönnen. Fair, entspannt, easy. Im Jetzt und Hier ist allerdings derartig Abartiges, was ich gestern im 2h lang im Bordrestaurant des ICE 699 Richtung München erleben musste, völlig inakzeptabel. Whatch out and mind your people! Einstieg Hamburg Hbf: 20, gut angesoffene Unioner Fans, mutmaßlich ein Fanclub, nehmen Platz. Neben mir noch 1 Lady ggü. Am Tisch. Nach nem Auswärtssieg is der Nachhauseweg ja meist wie ne Kohlfahrt, jegliches Geprolle nachvollziehbar. Die Gesänge schlugen schnell in Gepöbel um. Auf das Gebrüll „Wo steigen wir denn aus?“ „Na, Ausschwitz!“ folgte Johlen und anerkennendes Raunen. Mehrfach. Ein Hitlergruß war auch dabei. Von Vietnamesen-Votzen und Schlitzi-Fraß war die Rede. Gepaart mit sexistischer Kackscheisse all over the place. Als sich der 2-Meter-familienvater-Schrank im Kaschmirpulli zu mir an den Tisch setzte und mich wegen meiner FC St. Pauli-Mütze anschockte: „Ach, deshalb stinkt das hier im Abteil so.“ „Euch Pack wird man auch nie los.“ „Verpiss dich hier!“ „Spätestens Spandau fliegste raus!“ war ich völlig baff. Der Hinweis, dass seine Leute sich hier mit Hitlergruß postierten, wurde von seinen inzwischen 3 Unterstützern weggelächelt. „Sie hat dich Dreckswichser genannt, haste gehört?“ Mir ist nichts passiert. Aber ich war 2h wie gelähmt. Es gab keine Chance auf unterstützendes Commitments von Menschen. 20 Ochsen hypen sich gegenseitig mit derartigem Nazi-Gehabe. Ich hatte Angst vor einem Haufen Arschlöcher. So nicht. 1. FC Union Berlin! Auf Allerkeinsten Niemals.“

Sollten zufälliger Weise diese „Unioner“ diese Zeilen hier lesen, dann lasst euch gesagt sein: ihr habt es nicht verdient unsere Farben zu tragen, ihr habt es nicht verdient „Unioner“ genannt zu werden, ihr habt es nicht verdient unser Stadion zu betreten und ihr habt die Mitgliedschaft in unserem Verein nicht verdient. Ihr habt bereits mit einem Bruchteil des oben genannten Verhaltens gegen unsere Satzung verstoßen. Denn da heißt es in §2 Absatz 1: „…Er (der Verein) ist in seinem Handeln demokratischen und humanistischen Grundwerten verpflichtet.“ Möge euch der Ruf „Nazis Raus“ stets verfolgen. Sollte euch das noch nicht ausreichen, dann werft einmal einen Blick in unser Strafgesetzbuch. Dort heißt es unter § 86a „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“, dass u.a. das Zeigen des sogenannten Hitlergrußes mit einer Freiheitsstrafe mit bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet wird. 

Ein Einzelfall? Leider nein. Letztes Heimspiel unseres FC Union Wundervoll am 15. Februar 2020. In der 83. Minute schießt Leverkusen Moussa Diaby das 1 zu 2 für Bayer – ausgerechnet auf unser Zuckertor vor der Waldseite. Damit aber noch nicht genug. Mit provozierenden Gesten Richtung Waldseite feiert der Leverkusener Diaby sein Tor direkt vor uns. Das in diesem Augenblick der groben Unsportlichkeit – die eigentlich mit einer gelben Karte hätte bestraft werden müssen – die Emotionen hochkochen und sich einen Weg nach außen suchen, kann ich durchaus verstehen. Entschuldigt aber nicht das Verhalten eines Fans in Sektor 2 / Block I (ungefähr dort Mittig), das den oben genannten rassischen Geschehnissen in keiner Weise nachsteht. Uns wurde der Vorgang im Detail durch einen Unioner beschrieben – nennen wir ihn einfach Matti Langstrumpf (der richtige Name ist uns bekannt) – der regelmäßig im gleichen Block steht.

Um den rassischen Vorfall im Detail darstellen zu können, lassen wir an dieser Stelle einfach Matti selbst berichten, der uns auch ein Foto des Rassisten zur Verfügung gestellt hat, das wir aus datenschutztechnischen Gründen nicht veröffentlichen werden: „Wir bemerken das Problem seit einiger Zeit. Mittlerweile bekommen andere Unioner, darunter natürlich auch leicht beeinflussbare Jugendliche, aber auch jede Menge Kinder, und wir jedes Heimspiel solche Beschimpfungen um die Ohren geballert. Neben den sonstigen 2-3 Spezialisten dafür hatten sich beim letzten Heimspiel gegen Leverkusen sich auch direkt hinter uns ein Pärchen Exilunioner aus Sachsen niedergelassen. Eigentlich war alles noch im Rahmen oder zumindest haben wir nichts mitbekommen. Bis zur 83. Minute als Diaby das 1:2 Führungstor schoß. Natürlich war das eine hässliche Aktion, direkt vor unserer Ecke zu rennen und diese unsportliche Geste zu machen. Als Ergebnis dessen flogen jede Menge Kommentare Richtung Spielfeld, aber die Beiden hinter uns reichte das nicht und beschimpften Diaby als „Scheiss Neger“ und baten ihn in sein Land zurückzugehen. Daraufhin bin ich zu unserem Gast aus Sachsen gegangen und habe ihn gefragt, ob er das eben gesagt habe. Daraufhin kam nur ein Lächeln und seine Partnerin meinte „Er habe doch Recht“. Dann habe ich sein Exilunioner-Wappen auf der Brust gesehen und meinte „Er solle bitte zurück in sein Land gehen. Wir wollen euch hier nicht.“ Er lächelte nur. Seine Partnerin hingegen war sehr nervös und hatte anscheinend nicht mit einem Kontra gerechnet. Dann wies sie mich darauf hin, dass mein Kommentar sehr oberflächlich war. Mit verschränkten Armen wurde ich von ihm aufgefordert mich umzudrehen, was ich verneinte. Er lächelte weiterhin und sie wurde nervöser. Mit zitternder Stimme fragte sie mich, warum ich das tue. Ich sagte nichts. Nachdem sie mich noch einmal lautstark aufforderte mich umzudrehen, fragte ich sie, warum sie so ausrastet, anscheinend wüsste sie, dass ihr Partner etwas Falsches getan hätte. Es wurde verneint. Er lächelte weiterhin.“ Aber was taten die umstehenden Fans, die auf diese Situation aufmerksam geworden sind: „Im Übrigen hatten die üblichen angesprochenen Spezialisten bemerkt, dass sie wieder mit uns Vorlieb nehmen mussten, worauf hin der Eine zum Anderen sagte „Dann müssen wir ja heute auf unser Vokabular achten“ … „

Bevor sich jetzt wieder alle darauf berufen, dass man das ja mal sagen dürfe, wir haben ja schließlich Meinungsfreiheit, sei euch gesagt: nein, dass dürft ihr nicht. Rassismus ist keine Meinungsäußerung, sondern eine Straftat. Ein weiterer Blick in unser Strafgesetzbuch gibt Klarheit darüber und ist in dieser Beziehung sehr eindeutig. Im Paragrafen 130 heißt es, „wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet“, werde mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

Abschließend muss man fragen: Hat Union ein Rassismus-Problem? Hier würde ich aktuell noch verneinen. Es sind alles Einzelfälle aber davon sind es mittlerweile zu viele und das bestätigt Matti auch aus seinen Beobachtungen im Block, dass viele der bisher stummen Unioner es auch ok finden, sich wie oben beschrieben zu äußern. Der Verein wird nicht umhinkommen in Zukunft sich dem Thema intensiver zu zuwenden und seinen Einfluss zu den Fans in Sektor 2 und 3 dafür zu nutzen sich dieser Bewegung entgegenzustellen. Sonst haben wir recht bald tatsächlich ein Rassismus-Problem in unserem Wohnzimmer Alte Försterei. Es darf dazu keine zwei Meinungen geben. Deshalb gilt auch in Zukunft „Nazis raus aus nen Stadien“ sowie „Schöner Eisern Ohne Nazis“ – ohne Wenn und Aber.

19 Kommentare

  1. Hallo,
    ist der Bericht über Unioner im Zug verifizierbar bzw. gibt es andere Zeugen?
    Warum wurde keine Strafanzeige gestellt?

    Warum wird nach solchen Ausfällen im Stadion nicht der Ordnungsdienst gerufen, statt es später in der Öffentlichkeit breitzutreten? Wer hat Interesse daran?

  2. Ich gehe ein halbes Leben schon in die AF und fahre auch ab und an mal auswärts. Aus den genannten Einzelfällen ein Rassismusproblem bei Union zu machen- also da kann ich nicht mitgehen. Ich hab sowas im Unionumfeld seit Jahren nicht mehr erlebt. Und Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel

  3. Im Virus-Zug während der Rückfahrt aus Gelsenkirchen lief ich durch einen Waggon, als mir (m, weiß) ein jungscher Typ den Weg versperrte und mir “Deutschland den Deutschen” ins Gesicht rief. Ich meinte nur “Ne du, einfach nein” und merkte dann beim Umherblicken, dass einige sportliche, große Typen grinsend zuschauten. Mir war die Situation zu bedrohlich und ich hab mich schnell verzogen. Ich werde nie wieder mit dem Sonderzug fahren.

  4. Sehr gut geschriebener Artikel!
    Leider wird keiner von uns sagen können, dass er das noch nie im Stadion erlebt hätte.
    Gerade in diesen Zeiten müssen wir viel entschiedener auftreten und uns denen entgegen stellen.
    Wäre auch schön, wenn sich der Verein deutlicher positionieren würde.
    #schönereisernohnenazis
    Eiserne Grüße aus Hamburg
    Stefan

  5. Alle Berichte der Vergangenheit zusammengefasst ist es doch so, dass sich Menschen im Namen von Union Berlin ganz besonders auswärts scheiße rechtsradikal verhalten. Sahnehäubchen dann das nur auswärts aufgehängte crimark-banner. Ich finde, der Verein muss etwas gegen Leute tun, die den Ruf des ganzen Vereins außerhalb des eigenen Stadions kaputtmachen. Gewisse Dinge kann man mal ignorieren, aber die Masse der Vorfälle, auf die in Summe nicht reagiert wird, wundert doch sehr.

  6. Hallo. Diese Gruppe der exilunioner fällt auch mir schon länger sehr unangenehm auf… es geht von bibi du fotze bis zu obigem beschriebenem. Völlig unangenehme Truppe, die wenn man was sagt, zusammen steht und unbelehrbar ist. „wer bist du denn, seit wann gehst du zu Union…“ sind dann so die Konter. Also wenn Matti langstrumpf Partner braucht, sehr sehr gerne. Ich trage eine rote wollmütze und steh praktisch vor ihnen.
    Niemals vergessen.

    Elias

  7. @ Stefan
    Idioten gibt es überall und der Verein positioniert sich bereits eindeutig.

    Unioner ist für mich übrigens, wer so etwas intern klärt, anstatt den Verein öffentlichkeitswirksam mit solchen Vorkommnissen in Verbindung zu bringen.
    Zumal diese nicht einmal verifiziert sind – siehe ganz oben.
    Das verstehen aber wohl nur Berliner…

    • Erklärst Du bitte, wer hier den Verein in Verbindung bringt mit den rassistischen Ausfällen?
      Es ist eher anders rum so, dass sich genannte Rassisten selbst mit Union in Verbindung bringen, indem sie Farben, Devotionalien und Insignien des Vereins tragen. Jeder, der sich die Farben und so weiter von Union umhängt, macht sich zum Repräsentanten des Vereins.
      Also nicht die Dinge verdrehen, bitte.

    • Selten so gelacht. Sind wir jetzt also bei der Diskussion ob ich ein richtiger Unioner bin oder nicht, weil ich einen längeren Anfahrtsweg zu den Heimspielen habe.
      Nun gut, lassen wir das mal so stehen. Dann sage ich es ganz allgemein:
      Wehren wir uns gegen Rassisten, homophobe Arschlöcher und Sexisten überall!
      Und wenn uns dabei unsere jeweiligen Vereine, denen wir vielleicht angehören, unterstützen, umso besser!

  8. BVB, 2. Pokalspiel – ein älteres Semester neben uns im Oberrang beschimpft Marco Reus als Juden. Nach Intervention von uns hält er irgendwann schmollend die Klappe. Immerhin.

  9. Rassistische Äusserungen hab ich leider auch schon erlebt…in und vor der AF…einfach Scheisse…Punkt…und lieber Karsten, ob das von “Urberlinern” oder Neuberlinern kommt ist mir herzlich egal…deshalb für mich…
    …Nazis raus aus dem Stadion, ob in Berlin oder sonstwo in der Republik…

  10. @Stefan
    Vielleicht brauchst Du noch Nachhilfe im Textverständnis.

    Ich bezog mich auf interne statt öffentliche Klärung, aber das ist semiprofessionellen “Journalisten” sowieso egal, die wollen sich mit allen Mitteln profilieren, selbst wenn am eigenen Verein etwas hängenbleibt – das sind für mich keine Unioner!

    • Du glaubst doch nicht, dass es ausreicht sowas intern zu klären! Das gehört an die ganz große Glocke damit sich zukünftig kein Beleidigter mehr unsicher fühlen muss. Das ist ein gesellschaftliches Problem.

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