ROSTIGER STAHL

Zum Tag der Arbeit habe ich meine Frau und mich ins Auto gesetzt und wir sind nach Brandenburg an der Havel gefahren. Bis aufs Umsteigen am Bahnhof, irgendwann Mitte der 90er Jahre, war uns die Stadt sehr unbekannt. Also hinein in den Citroen und auf über malerische Landstraßen nach Brandenburg City.

In einer wie ausgestorben wirkenden Altstadt mit extremen Leerstand, mal von einem Pub und einem Büro der Schuldnerberatung abgesehen, fanden wir dann doch ein lauschiges Plätzchen in einem Lokal namens “Werft”, direkt an der Havel. In der schönsten Nachmittagssonne gab es Spargel aus der Region. Ein Schmaus!

Als wir mit dem Speisen fertig waren, erinnerte ich mich daran, dass Brandenburg mal Heimat eines DDR-Oberligisten war, der in der Saison 1986/87 sogar mal zwei Runden im UEFA-Cup gespielt und gegen den späteren Sieger IFK Göteborg aus Schweden ausschied. In der DDR kam man nie über einen vierten Platz hinaus und in der ewigen Tabelle der Oberliga belegt die BSG Stahl Brandenburg einen respektablen 20. Platz.

Als die Mauer fiel, zerbrach der DDR-Fußball innerhalb weniger Jahre. Von den 14 Teams der letzten Saison jener Liga, die ihre letzte Saison noch unter dem Dach des ostdeutschen Deutschen Fußballverbandes (DFV), jedoch schon als Teil der Bundesrepublik Deutschland austrug, war es bis heute mit Dynamo Dresden, Hansa Rostock und dem 1. FC Lok Leipzig (als VfB Leipzig) nur vier Vereinen vergönnt in der 1. Fußball-Bundesliga zu spielen. Allen anderen Clubs war die Eliteliga verwehrt und teilweise der Untergangs geweiht. Sachsen Leipzig, Stahl Eisenhüttenstadt gibt es nicht mehr und ebenso musste die Betriebsportgemeinschaft Stahl eine turbulente Reise durch die Zeit mit schlechtem Ende auf sich nehmen. Im Juli 1990 benannte sich die BSG zum BSV Stahl Brandenburg um und spielte, wie erwähnt, in der letzten DDR-Oberligasaison mit, die ein wahres “Rattenrennen” war. Während die ersten zwei Plätze die Qualifikation für die erste Bundesliga 1991/92 bedeuteten, ermöglichten die Plätze 3 bis 8 die Teilnahme an der zweigleisigen zweiten Bundesliga. Diese Saison bot ein irrsinniges Aufrüsten und sich Überbieten der Clubs, um in das Himmelreich Profifußball in der BRD zu kommen. Die meisten Clubs wirtschafteten am Rande ihrer Kapazitäten, bzw. darüber hinaus, vertrauten windigen westdeutschen Sponsoren, Gönnern und alternden Bundesligaspielern. Das Resultat war, dass Traditionsvereine wie der 1. FC Magdeburg auf Jahrzehnte dem Profisport fern bleiben mussten und selbst Seriensieger BFC Dynamo Berlin konnte als umbenannter FC Berlin den glücklichen ersten acht Teams nur gratulieren und hat es bis heute zu nichts mehr gebracht. Heute dümpelt der Verein als umbenannter BFC Dynamo in Liga vier herum und unterhält im Sportforum Hohenschönhausen ein Klientel des rechten Sektors.

Auch Stahl Brandenburg gelang der Gang in Liga zwei, musste aber nach nur einem Jahr den Gang in die dritte Liga antreten. Zu unschönen Ruhm gelangte die Zweitligapartie in der Saison 91/92 gegen Bayer Uerdingen, die heute als Skandalspiel in trauriger Erinnerung bleibt. Eine zweifelhafte Schiedsrichterleistung des Berliner Michael Schulz brachte die Havelländer an den Rand der Verzweiflung. Drei Rote Karten dezimierten den BSV. Eine rote Karte davon ging an Torwart Wolfgang Wiesner. Zu allem Überfluss traten die Krefelder zwei Brandenburger vom Platz, so dass Stahl das Spiel mit nur fünf Feldspielern beenden musste und das “Spiel” mit 0:3 verlor. Ungeklärt bis heute, ob die Partie verschoben war. Ein Indiz für ein nicht astreines Spiel war, dass Uerdingens Trainer Friedhelm Funkel drei Minuten auf dem Spielfeld stehen konnte, um mit dem Schiedsrichter zu sprechen, während ein Bayer-Spieler behandelt werden musste.

Die Brandenburger Reise im Amateurfußball endete 1998 jäh, nachdem der BSV Pleite ging und sich auflösen musste.

Nun dachte ich mir, dass ich mir das Stadion mal ansehen könnte, das einst Zweitligafußball und Europapokal sah. Also rein in den kleinen Franzosen und hin zum Stadion am Quenz, das heute noch etwa 15.000 Zuschauern Platz bietet, aber in einem jämmerlichen Zustand ist. Rostige Torstangen, morsche Holzbänke und alte Zäune lassen nur noch in etwa erahnen, was für ein Ort des Sports das hier mal war. Heute spielt im Stadion der Nachfolgeverein des BSV Stahl, der FC Stahl Brandenburg. Längst vergangen sind die Zeiten als es hier noch die legendären Flutlichtmasten gab, unter denen Fußballgrößen wie Roy Präger, Steffen Freund, René Schneider, Ingo Nachtigall, Karsten Heine, Christian Beeck, Wilfried Klingbeil, Kay Wenschlag oder Markus Wuckel ihrem Sport nachgingen. Heute fristet Stahl in der Brandenburger Landesliga Nord als Siebtligist ein tristes Dasein. Als Tabellen-3. liegt man mit 37 Punkten nach 24 Spielen 27 Punkte hinter Tabellenführer RSV Eintracht 1949 aus Stahnsdorf in der Bedeutungslosigkeit des deutschen Amateurfußballs. Zum letzten Heimspiel kamen gerade mal 103 Zuschauer, um Stahl gegen den SV Zehdenick kicken zu sehen.

Mit einem Gefühl von Trauer und Hoffnungslosigkeit traten wir nach der kurzen Stippvisite die Reise nach Berlin an. Mit im Gepäck die Erinnerung an die DDR-Oberliga, die zwar nicht die Anziehungskraft der westdeutschen Bundesliga hatte, aber in den Zeiten vor 1989 für viele Menschen durch ihre Clubs und Vereine identitätsstiftend war und bis heute in den Standorten, die nicht untergingen, immer noch nachwirkt. Duelle zwischen den ehemaligen Kontrahenten sind immer noch ein Thema und wichtig für die Menschen im Osten. Ein Gebilde wie RB Leipzig kann vielleicht für Hungrige und Erfolgsfans eine neue Heimat bedeuten, den Glanz der Oberliga und die einmalige Historie der DDR-Clubs wird den Brauseboys mit ihrem gekauften Glanz niemals inne wohnen. Man kann nur hoffen, dass sich nicht zu viele Leute der Illusion hingeben, dass RBL ein würdiges Substitut ist.

(mt)

3 Kommentare

  1. Herzlichen Dank für Euren Kommentar auf meiner Seite, was wir beide nicht geschrieben haben: Im Stadion am Quenz kann man über eine Treppe auf dem Tribünendach stehen, eine wahre Seltenheit. Beste Grüße aus Göttingen
    Sascha

  2. Ich sag es mal ganz deutlich. Bis auf deinen Rückblick in die Geschichte ist der Text Schrott. Du versuchst förmlich von Anfang an den gewissen Depri Scham zu wahren. Ein Schuldnerberater und viele Kneipen. Auf Deutsch, wenn der Ossi nicht gerade am Saufen ist, dann muss er zusehen wie er an Geld kommt. Peinlich.
    Das die Anzeigetafel durch mühevoller Handarbeit betrieben wird, die Stadt kein Penny in die Restaurierung steckt, geschweige denn den eigentlichen Stadioneingang zu zeigen ( Original gehaltenes DDR Kassenhäusschen inkl. Stahl Stadion graffiti).

    Dein Auftrag war es von Anfang an eine gewisse Tristesse aufkommen zu lassen und zu erhalten. Leute wie du sind der Grund warum Wessi Hopper aus dem Stadion geführt werden.

    • Es tut uns für Dich leid, dass Du Dinge liest, die da nicht stehen. Weder direkt, noch indirekt.
      Ich habe den Text geschrieben und die Reise nach Brandenburg gemacht. Du überliest absichtlich folgende Zeilen: “In der schönsten Nachmittagssonne gab es Spargel aus der Region. Ein Schmaus!”
      Fakt ist weiterhin, dass das Stadion in einem schlechten Zustand ist, was man an den rostigen Torpfosten leicht ablesen kann. Die beigefügten Bilder vermitteln aber imho einen würdevollen Blick auf das Stadion und seine Umgebung mit dem nötigen Respekt vor der Vergangenheit und auch der Gegenwart.
      In der Innenstadt ist leider der Leerstand unübersehbar und die Verknüpfung mit saufenden Ossis empfindest Du exklusiv so.
      Wenn Du eine Story von einer florierenden Stadt mit einem sanierten Stadion lesen möchtest, bist Du hier falsch und dann verkennst Du die Realität. Brandenburg ist kein hässliches und graues Loch in dem nichts passiert, aber auch kein reiches Städtchen mit null Problemen. Das Leben ist einfach etwas komplexer als Du es mir unterstellen magst es zu transportieren.

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