Pro & Contra – Union Berlin und die Rückkehr der Fans

Das Stadion An der Alten Försterei 2017

Der 1. FC Union Berlin ist mit einem Plan in die Öffentlichkeit gegangen, der bundesweit heftig diskutiert wird: Die Rückkehr der Fans zu Spielen der Eisernen spätestens ab dem 1. Spieltag der neuen Bundesliga-Saison 2020/21. In der Plattsport-Redaktion werden die Pläne äußerst gespalten wahr genommen. Daher nun ein Pro & Contra zu diesem Komplex. Ralf Politz und Martin Tetzlaff, beide FCU-Vereinsmitglieder, sind da definitiv geteilter Meinung.

Pro von Ralf Politz

Sonnabend, 27. Juni, 15.30 Uhr, die Fortuna aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Duisburg kommt in die Alte Försterei, um gegen unsere rot-weißen Fußballgötter zu kicken. Das Ergebnis ist klar. Wir schlagen die Fortuna mit 3 zu 0 und schicken sie bei einem gleichzeitigen Sieg der Bremer in die zweite Bundesliga. So weit so klar.

Im dazugehörigen Programmheft zum Spiel, welches die Programmierer trotz Geisterspielkulisse vorbildlich und wie immer hochinformativ auflegen, äußert sich unser Präsi Dirk Zingler zur ersten absolvierten Bundesligasaison unseres Vereines. Kurz vor Schluss seines Vorwortes, das bereits mit der Überschrift versehen ist „Der einfache Weg war noch nie eine Option“, sagt Zingler: „Der 1. FC Union Berlin ist organisatorisch bereit, alles in seiner Kraft Stehende zu tun, um in seinem Stadion so bald wie möglich wieder Menschen ohne Abstand zueinander zu empfangen. Der einfache Weg war für Union noch nie eine Option.“ Der Aufschrei: blieb aus.

Bereits 11 Tage zuvor, am 16. Juni – Union hat gerade Paderborn 1 zu 0 besiegt und den vorzeitigen Klassenerhalt erreicht – tritt Dirk Zingler kurz vor Mitternacht vor die Alte Försterei zu den noch feiernden Fans und erklärt lautstark: „Jetzt machen wir Pause. Wir gehen zwei Monate in die Pause. Und dann werden wir uns dafür einsetzten, dass Fußball wieder mit Menschen stattfindet! Eisern Union!“ Der Aufschrei: blieb aus.

Am 10. Juli erklärt Union in einem offiziellem Statement, alles daran zu setzen wollen, dass ab dem ersten Spieltag der neuen Saison – also Mitte September 2020 – wieder vor vollen Rängen ohne Abstand zu spielen, dafür ein Konzept vorlegen zu wollen und – als kleines Sahnehäubchen oben drauf – die Kosten für den Test von 22.012 Stadiongängern übernehmen zu wollen. Dieser Test darf keine 24 Stunden alt sein und – um Zugang zum Stadion zu bekommen – muss negativ ausfallen. Auf einmal überschlagen sich die Reaktionen: „Zingler bringt seine Fans in Gefahr“, „Ihr seid nicht besser als andere. Der Verein leugnet am liebsten Corona…“ waren noch die harmlosesten Äußerungen. Aber warum dieser Aufschrei? Warum erst jetzt?

Ich brauche an dieser Stelle nicht zu betonen, welche Bedeutung die Fans für unseren Verein haben: sie gehören genauso zur DNA des Vereins wie die Stehplätze, die Bratwurst vom Holzkohlegrill (!!), das Singen, das Brüllen, das Springen und die Mitbestimmung in den Gremien. Nach den ersten Geisterspielen, die ein Großteil der Unioner grundsätzlich ablehnen, war zu sehen, wie sehr der Faktor „Fan“ bei Heimspielen ausschlaggebend war. Ohne das ständige nach vorne peitschen der Fans fehlte der Mannschaft irgendwie der letzte entscheidende Ansporn, um Spiele in typischer Unionmanier durchzuziehen. Ich weiß auch, dass Vereine, die es gewohnt sind vor fast leeren Zuschauerrängen zu spielen, das nicht verstehen können. Wie sollten sie auch?  

Aber entscheidend ist, dass ICH diese Mannschaft, dieses Stadion – mein Wohnzimmer – meine Bezugsgruppe, den Duft des Stadions und alles andere wahnsinnig vermisse. Und ja: ICH möchte so schnell wie möglich wieder ins Stadion zurück, sofern es die Pandemie irgendwie zulässt. Was ist also falsch daran Konzepte zu entwickeln, die das unter Einhaltung aller der dann gültigen Hygienevorgaben und der Zustimmung des örtlichen Gesundheitsamtes möglich machen sollen? Nichts. Bereits seit langem wird zwischen Politik und DFL diskutiert, wie unter bestimmten Bedingungen Fans in die Stadien zurückkehren können: sitzend wohlgemerkt.

Dem geneigten Leser ist vielleicht eingangs aufgefallen, dass die Alte Försterei zu ¾ aus Stehplätzen besteht. Eine Diskussion, die ausschließlich auf die Rückkehr auf Sitzplätze abzielt, geht damit komplett an Vereinen wie Union vorbei und diese könnten in der gesamten Angelegenheit hinten herunterfallen. Selbstverständlich haben die Kritiker Recht, dass Dirk Zingler nach so einem Statement eigentlich ein fertiges Konzept vorlegen sollte, um sein Vorhaben mit Fakten zu untermauern. Und auch das ist richtig: die Tests für alle Stadionbesucher bezahlen zu wollen, erscheint mir nach jetzigem Kenntnisstand der Finanzen des Verein utopisch und nicht machbar – es sei denn, der reiche Westonkel kommt noch mit einem prall gefüllten Geldkoffer vorbei, denn wir lassen uns ja neuerdings auch vom Westen kaufen – was auch einer der viel zitierten Vorhaltungen im Netz war.

Ein weiterer Vorwurf: Zingler würde mit dem geplanten Massentest von 22.012 Fans anderen, durchaus wichtigeren Bereichen der Gesellschaft die Tests wegnehmen, ist einfach Schwachsinn und ein Todschlagargument, ganz nach dem Motto: fällt mir nichts mehr ein, ziehe ich diese Karte. Dass das absoluter Quatsch ist, beweist ein Blick in die Zahlen. Wie die Berliner Gesundheitsverwaltung am 12. Juni mitteilt, hat Berlin zum Beispiel in der Kalenderwoche 21 (18. – 24. Mai) ca. 22.500 Test durchgeführt und damit gerade einmal 39% der vorhandenen Kapazität ausgenutzt. Selbst zur Pandemiehochzeit im März waren es gerade einmal 47% der gesamten möglichen Kapazitäten. Mittlerweile sind wohl 57.000 Tests je Woche möglich. Hier nimmt also keiner jemanden irgendetwas weg. Wie eine Testung von 22.012 Fans innerhalb von einem Tag gemacht und wie das umgesetzt werden soll, muss Dirk Zingler noch beantworten.

Auch das Thema der unsicheren Tests und das vermeintlich negative Testergebnisse auch positiv sein können, liegt auf der Hand. Auch hier muss der Verein erklären, wie er sich dieser Problematik nähern will. Aber: Mitte August werden in Berlin und Brandenburg wieder alle Schulen OHNE die bisherigen Abstandsregeln für alle Schüler wieder geöffnet – ohne zu erklären, wie das gehen soll. Sportarten wie Basketball, Eishockey und Handball – man beachte: Hallensportarten – arbeiten an Konzepten zur Rückkehr der Fans. Warum nicht auch der Fußball? Übrigens erklärte heute der Manager der Eisbären Berlin, Peter John Lee, Unions Plan für ein volles Stadion als Vorbild für die Eisbären zu nehmen. Ebenso begrüßte Berlins Innen- und Sportsenator Andreas Geisel die Denkspiele von Dirk Zingler. Eine Umfrage des Sportmagazins “kicker” belegt im Übrigen die Sehnsucht der Fans, nach einer Rückkehr in die Stadien. Dort erklärten 67,16 % wieder ins Stadion gehen zu wollen.

Auch die Fernsehanstalten berichten von dramatischen Zuschauerrückgängen bei der Übertragung von Geisterspielen. Diese will einfach niemand im Fernsehen sehen. Deshalb ist der Vorstoß von Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union Berlin, vollkommen richtig und wichtig. Er stößt eine längst überfällige Diskussion der Rückkehr der Fans in die Stadien an. Nicht mehr und nicht weniger. Nun haben DFL-Funktionäre, Politiker und Gesundheitsämter Zeit, mit den Vereinen ein tragfähiges und akzeptiertes Konzept zur Rückkehr der Fans in die Stadien zu erarbeiten. Ein weiter so mit Geisterspielen darf es nicht geben. Ziel erreicht – danke Dirk Zingler. 

Contra von Martin Tetzlaff

Es ist ja nicht so, als würde sich Union Berlin grundlegend irgendwas einfach machen. Letzten Sommer traten die Köpenicker mit einem neuen Hauptsponsor namens “Aroundtown” in die Öffentlichkeit, der für teuren Wohnraum steht, für die Beschleunigung der Gentrifizierung. Gleichzeitig war dieses Unternehmen still und heimlich bereits seit einiger Zeit Geldgeber im Jugendbereich des Vereins. Leicht haben sie es sich mit dieser Entscheidung nicht gemacht an der Alten Försterei: vor den eigenen Fans. Schnell war vom Ausverkauf der Vereinsseele die Rede. Kritiker und Spötter des Vereins krakelten schnell: “Von wegen, Ihr lasst Euch nicht vom Westen kaufen!”. Gleichzeitig macht es sich der 1. FC Union auch nicht einfach, im kommerziellen Betrieb des Profifußballs zu überleben: vor der eigenen Wirtschaftlichkeit. Keine Werbetrailer in der Halbzeit, kein verkaufter Stadionname, keine gesponserten Eckstöße einer lokalen Brauerei oder Ähnliches.

Nun wollen sich die Mannen um Präsident Dirk Zingler also an einer Herkulesaufgabe versuchen. In Zeiten der Coronavirus-Pandemie und im Grundgefühl der trügerischen Sicherheit von stabil geringen Neuinfektionszahlen, spätestens ab dem 1. Spieltag der neuen Saison, Spiele im heimischen Stadion vor 22.012 Zuschauern aus zu tragen.

Die Rahmenbedingungen?

  • Corona-Tests für alle Ticketinhaber (Zutritt erhält nur, wer innerhalb von 24 Stunden zum Zeitpunkt der Stadionschließung negativ getestet wurde)
  • Der Verein bezahlt alle Tests

Ausgehend vom erfolgreichen DFL-Konzept zur Ermöglichung von sogenannten “Geisterspielen” möchte die Vereinsführung also 22.012 Menschen exklusive seiner kickenden und sonst wie arbeitenden Angestellten auf das Coronavirus testen lassen. Dabei stelle ich mir folgende Fragen:

  • Aus welchen Mitteln möchte der Verein das bezahlen? Vorstellbar ist das meiner Meinung nur mit von Sponsoren bezahlten Geldern oder dem eigentlichen Zweck entfremdeten Eintrittsgeldern
  • Wie viele Testzentren soll es geben, dass binnen 24 Stunden eine derart große Zahl an Menschen getestet werden kann?
  • Wie viel Personal ist dafür vonnöten?

  • Welches Personal soll das fachgerecht erledigen?
  • Was passiert im Testzentrum, vor dem sich wahrscheinlich viele Menschen in einer Schlange anstellen werden, wenn jemand positiv getestet wird?
  • Was passiert, wenn jemand falsch-negativ getestet wird und sich dann ins Stadion mit dem Beleg einer negativen Testung zwischen tausende Menschen in den Block im Stadion stellt?
  • Was passiert eigentlich, wenn jemand, der nichts mit dem Spiel zu tun hat, unbemerkt mit dem Coronavirus erkrankt ist und zufällig in der S-Bahn nach Köpenick sitzt, dutzende Menschen ansteckt?
  • Während Spieler vor Spielen in der nun abgelaufenen Saison zweimal negativ getestet werden mussten, sollen Fans nur einmal getestet werden. Warum und wer garantiert dann einen sicheren Stadionbesuch?
  • Wer haftet im Fall einer Masseninfektion?
  • Warum mutet es der Verein seinen Fans zu, zu Teilnehmern eines großes Experiments zu sein?

Es lassen sich weiter viele Fragen stellen, die der Verein sich und allen anderen beantworten muss. In der nun laufenden Diskussion ist es meiner Meinung vollkommen unerheblich, ob die aktuell geringen Infektionszahlen in Berlin eine derart mutige Aktion erlauben, denn schon ein Infizierter kann schnell eine rasant sich ausbreitende Infektionskette auslösen. Außerdem können wir nur spekulieren, wie die Situation Mitte September in Berlin und Brandenburg sein wird.

Für mich ist die Argumentationslinie, dass der Verein damit eine Diskussion anstößt über die Machbarkeit von Bundesligaspielen mit Fans und dass die anderen Vereine zu zaghaft handelten und überhaupt nicht groß genug denken, ein Verschieben der Realitäten. Es macht das sorgsame und vorsichtige Organisieren eines Spielbetriebs zu einer Angsthasenarbeitsweise der anderen und führt zu einer Überhöhung der eigenen Fähigkeiten. Für mich klingt es für ein Versprechen, das nicht gehalten werden kann. Und ob der Verein damit tatsächlich eine Diskussion anstößt, die zwingend nötig sei oder nicht nicht zum Gespött für andere macht, ist zumindest in den Raum zu stellen als Grundlage einer weiteren Metadiskussion.

Ich selbst bin ja auch Mitglied im Verein und die Emotionalisierung der Vereinserklärung, dass das Stadion An der Alten Försterei für viele lebenswichtig sei, erfüllt nicht die Anforderungen mich zu überzeugen. Fußball ist nicht Wasser, Brot, Sauerstoff und ein Dach über dem Kopf. Paradox ist des weiteren, dass einige, die vor zwei Monaten klagten, dass der Fußball sich in seiner Gier einfach zu wichtig nähme und Testkapazitäten raube, die woanders dringernder benötigt würden, nun lauthals feiern “Das ist mein Verein! Wie toll, dass wir wieder ins Stadion sollen!”. Wohlgemerkt, 22.012 PCR-Tests, damit ein Stadion wieder voll ist. Welche Labore diese Tests in 24 Stunden sorgfältig auswerten sollen, bedarf einer dringenden Antwort.

Überhaupt finde ich, dass eine sachbezogene Diskussion nicht auf der emotionalen Ebene geführt werden darf wie es mein Verein in seiner Ankündigung tut. Die wirtschaftlichen (wahren) Gründe wiegen jedoch deutlich schwerer:

  • Die Gehälter der Vereinsangestellten abseits des Rasens müssen bezahlt werden
  • der Cashflow muss wieder in Schwung kommen, damit Fans mehr Merchandise am Spieltag erwerben können, nebst Bier und Wurst
  • die Geisterspiele haben nicht im Ansatz das Geld eingebracht, die ausverkaufte Spiele generiert hätten
  • Der ganze Laden muss wieder zum Kacken gebracht werden

Warum versucht der Verein nicht virtuelle Tickets zu kaufen an Spieltagen? Wenn Fans bereits sind, ihren Club zu helfen, sind es doch die Unioner. Es werden doch auch virtuelle Biere und Würste verkauft. Ein Versuch wäre es wert. Lässt man der Fantasie freien Lauf: wie wäre es mit einem Stadionerlebnis zuhause? Fans in voller Montur posten sich feiernd und singen in die sozialen Netzwerke, wo der Verein doch inzwischen sehr aktiv ist. In einigen Stadien konnten sich Fans auf Monitore streamen und ihr Team anfeuern. Die Zeit der Pandemie ist eine Zeit voller Entbehrungen und des permanenten Verzichts. Da müssen wir aber zum Wohl unserer Mitmenschen nun mal einfach durch. Auch wenn es sehr schwer fällt.

Damit man mich nicht falsch versteht. Ich vermisse den Geruch des Rasens an Spieltagen. Ich vermisse die Gesänge. Ich vermisse die Menschen. Ich vermisse es, dass Bier durch die Luft fliegt. Ich vermisse es, im Tunnel den Stein von Karsten zu berühren. Es macht mich tieftraurig auf all das verzichten zu müssen. Ich habe jedoch noch weniger Lust auf eine zweite Welle. Ich selbst will nicht krank werden. Die Sorge ist da, dass meine liebsten Menschen krank werden könnten, mit allen grausamen Folgen. Für mich ist es fatal ohne fertiges Konzept und nur mit einer vagen Idee die Öffentlichkeit medial zu beschallen . In sozialen Netzwerken spalten sich die Fans in zwei kaum vereinbare Gruppen auf: 1. “Mein Verein denkt an seine Fans!” und 2. “Mein Verein riskiert die Gesundheit mindestens seiner Fans!”.

Ob sich der 1. FC Union gerade einen Gefallen tut wieder zu zeigen, dass er seinen eigenen eigenwilligen Weg gehen muss, damit seine Fans weiter das Gefühl bekommen, dass es ein anderer Verein ist als die anderen? Ich habe da meine Zweifel und wünsche mir in diesem Moment, dass wir (der FCU) einfach ein ganz stinknormaler Verein sein können.

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