PAPA WAR WEG UND DANN KAM DER FUSSBALL – DIE SAISON 1986/87

Wie eine Fußball-Bundesligasaison Mitte der Achtzigerjahre einen jungen Menschen prägt, verändert und inspiriert, erzählt unser Autor Martin Tetzlaff hier in einer besonders langen persönlichen Rückblende. Eine Erinnerung an eine frühe Fußballsozialisierung und die Spielzeit 1986/87, die Altmeister aus grauer Vorzeit, wie auch spätere Weltstars als Jungspieler sah und auch voller Skandale und zwielichtiger Gestalten war.

Meine früheste Kindheitserinnerung an den Fußball war nicht, wie bei vielen anderen, der erste Stadiongang mit dem Vater, der einen die Liebe zu einem bestimmten Verein an die Hand gab. Mein Vater war und ist Bayern-Fan. Im West-Berlin der frühen 80er Jahre existierte kein Verein, der meinen Vater elektrisierte und daher hatte er keinen lokalen Bezug zum Fußball, den er mir mitgeben konnte (und vielleicht auch wollte). In der „halben Stadt, die es nicht mehr gibt“ (Grüße an Ulrike Sterblich) gab es keinen strahlenden Bundesligisten, sondern mit Hertha BSC eine Skandalnudel, die nicht wusste, ob sie in die Bundesliga oder in die Oberliga gehörte, mit Tennis Borussia einen Verein der Westberliner Schickeria um Jack White und Hans Rosenthal und mit Blau-Weiß 90 etwas ambitioniertes und nach einem Glas Schultheiß duftendes, das nicht ins Herz, sondern mit aller Macht und ohne große Emotionen in die Bundesliga wollte.

1984 zog mein Vater aus und meiner Mutter war das ganz recht, unter anderem, weil damit das Thema „Fußball“ aus dem Hause verschwand. Sie ahnte nicht, dass das Jahr 1986 das wieder ändern sollte. War die Fußballbegeisterung meines Vaters wie eine erste große Welle, die sich mit seinem Auszug wieder zurück zog, wurde die Faszination, die bis dato für mich nicht existierte, wie ein Tsunami, der alles in sich verschlang und den Fußball auf einem viel krasseren Niveau und mit Nachdruck in unserem Haus installierte. Er übernahm die Macht.

Aber was war passiert? Hatte ich vorher nie Notiz von großen Turnieren genommen, war für mich die Fußballweltmeisterschaft 1986 in Mexiko der Startpunkt zu einem neuen Leben. Die Bilder sind in meiner Erinnerung glasklar abgespeichert. Im Wohnzimmer unserer Neuköllner Wohnung stand direkt am Balkon, ganz hinten rechts, der alte Röhrenfernseher. Nicht mal eine Fernbedienung hatte der, sondern nur Knöpfe und die Sender musste man über ein Rädchen einstellen.

Es war der 4. Juni 1986. In Queretaro in Mexiko trafen die Nationalmannschaften von Deutschland und Uruguay aufeinander. Deutschland im selben Outfit wie später im Finale gegen Argentinien mit grünen Trikots und weißen Hosen und einer Mannschaft von ungelenken Kämpfern und martialisch anmutenden Kriegern gegen ein Team aus Uruguay, das brutal foulte, hart bolzte und den Begriff „Schönheit“ aus dem Spiel radierte. In der prallen Sonne zerlegten beide Mannschaften den Rasen und Uruguay ging in der 4. Minute der ersten Halbzeit in Führung, nachdem Lothar Matthäus, der als 6er oder 8er agierte, vor der eigenen Trainerbank nach einer Kurzpass-Stafette aus unerklärlichem Grund einen Diagonalrückpass vor den eigenen Strafraum schlug und Alzamendi aus Uruguay Toni Schumacher umspielte und den Ball gegen die Latte hämmerte, von wo er hinter der Linie aufschlug. Hans-Peter Briegels Fallrückzieher beförderte den Ball zwar wieder aus dem Tor heraus, aber der Treffer zählte.

Dann setzte irgendwo zwischen Queretaro und Neukölln ein Gewitter ein und die Liveübertragung kollabierte und ein Rauschen füllte den Fernseher. Erst zur zweiten Halbzeit kehrte das Bild zurück und die Aufholjagd der Deutschen begann. Uruguay verlegte sich in den eigenen Strafraum und versuchte das knappe Ergebnis über die Zeit zu retten. Dramatische und an Schwanensee erinnernde Aktionen von gleichzeitig zum Kopfball steigenden Spielern aus Südamerika und Mitteleuropa bestimmten die Szenerie in der 84. Minute, als ein lang geschlagener Ball aus dem Mittelfeld empor stieg, die gesammelte Verteidigung und angreifende Meute überflog und Klaus Allofs vor die Füße fiel, der endlich das Spielgerät im Tor Uruguays versenkte.

Diese packende Schlussphase muss als Geburtsstunde meiner Begeisterung für das Spiel gelten. Der Rest des Turniers hatte die üblichen, altersbedingten und oft erlebten Folgen: Paniniheft, Zeitungsschnipsel sammeln, Trikot kaufen und alles gucken, was mit WM zu tun hat. Diese Sozialisation erklärt, warum mir heutzutage Vor- und Nachberichterstattungen keinerlei Schmerzen bereiten und ich die Nachlesen von Spielen sogar bis zum unsäglichen Machotalk von Waldemar Hartmann und Markus Lanz überlebe.

Dann endete die Weltmeisterschaft, die Titelmusik von lustigen, mexikanischen Trompeten, geschrammelten Gitarren und ganz viel Ayayayayay, die ARD und ZDF zum Beginn und Ende jeder Übertragung spielte, verstummte für immer und meine Mutter hoffte, dass es dann mit mir und dem Fußball auch wieder gewesen sei. Welch ein Irrtum!

Es folgte die Bundesliga-Saison 1986/87. Diese Saison ist für mich die perfekte Spielzeit. Eine Ansammlung von großen Trainern und Spielern, die teilweise letztmalig die Bühne Bundesliga betraten und heute längst als Legenden des Sports gelten. Vereine, die heute entweder nicht mehr existieren, teils im Niemandsland der Amateurklassen verschwunden sind und Vereine, die heute eine große Nummer sind, damals aber hart gegen die Existenz kämpften. Dazu kalte Betonschüsseln, die ein Amalgam aus Fußball- und Leichtathletikstadion sein wollten und daneben reine Fußballtempel in Kaiserslautern, Bochum, Dortmund und Mönchengladbach. Es gab große Skandale, die den Sport erschütterten und viele wunderschöne Tore und einfach gehaltene Trikots, die noch nicht jenen Augenkrebs auslösten, wie ihre bunten Nachfahren aus den Neunzigerjahren. Und selbstverständlich noch eine TV-Berichterstattung, die in Gänze durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen geschah und darum seinerzeit den Sport und das Spiel im Zentrum behielt und nicht, was „ran“ einführte, das Geschehen neben dem Platz. Das Spiel schien noch den wirklichen Fußballfans und nicht dem Boulevard zu gehören.

Da einfach zu viel passierte in dieser Spielzeit, was mich so unfassbar prägte, soll die Saison aller Clubs kurz zusammengefasst werden und den vielen Geschichten und Protagonisten Rechnung getragen werden.

Bayern München

Es war die letzte Saison von Udo Lattek als Trainer der Bayern. Nachdem er in den zwei Saisons zuvor den Titel brachte, gelang es nun zum dritten Mal in der Geschichte der noch jungen Bundesliga einem Verein dreimal nacheinander die Meisterschaft einzutüten. Was neben der heutigen Dominanz der Münchner mit sieben auseinander folgenden Triumphen putzig wirkt, war seinerzeit eine totale Demonstration der Macht. Diese wurde mit einer unglaublichen Saison mit nur einer Niederlage in 34 Spielen fett unterstrichen. Gegen Bayer Leverkusen setzte es die einzige Pleite im Olympiastadion mit einem 0:3 in einem kühlen Flutlichtspiel im November. Überhaupt konnten die Bayern nicht ein einziges Mal „ausverkauft“ melden. So waren die 80er Jahre selbst in München ein schwieriges Jahrzehnt, um die Leute ins Stadion zu locken.

Unvergessen in der Münchner Saison war der Einzig ins Finale des Landesmeisterpokals, das sie als haushoher Favorit im Wiener Praterstadion mit 1:2 gegen den FC Porto überraschend verloren. Niemand vergisst den Hackentreffer des Algeriers Rabah Madjer, der Bayerns Torhüter Jean-Marie Pfaff bezwang und den Verein in den folgenden Wochen rat- und fassungslos zurück ließ. Erst 12 Jahre später, 1999, schaffte es der Verein wieder ins Finale des inzwischen in Champions League umbenannten und umstrukturierten Wettbewerbs.

Hamburger SV

Bayerns ärgster Verfolger hatte unter Trainer-Guru Ernst Happel die erfolgreichste Epoche gerade hinter sich, als es den Hanseaten letztmalig gelang mit ihrer alternden Truppe um Manfred Kaltz, Dietmar Jakobs und jungen Talenten wie Dietmar Beiersdorfer und Manfred Kastl ins Titelrennen einzugreifen. Lange konnte der HSV mithalten, verspielte aber wichtige Punkte mit schmerzhaften Pleiten bei Werder Bremen oder beim intensiven 3:4 bei Borussia Dortmund. So kam es im Frühjahr 1987 zum Duell gegen die Bayern im heimischen Volksparkstadion. Neben den Lederhosen hatte der HSV einen zweiten Gegner: den Wind. Es zog eine steife Brise durchs Rund und lange Pässe gerieten zu einer Lotterie und so waren die Münchner am Ende nervenstärker, glücklicher beim Wind und Uli Stein, der gerne in seiner aktiven Karriere oft den Arm frühzeitig hob, wenn er erkannte, dass ein Ball ins Aus und nicht ins Tor flog, zu arrogant und sein Team zu ängstlich.

Die Saison, die von Ernst Happels Medienboykott begleitet wurde, nahm für Hamburg mit dem 3:1-Sieg im DFB-Pokal gegen Zweitligist Stuttgarter Kickers ein glückliches Ende. Niemand konnte jedoch ahnen, dass es der letzte Titel bis heute sein würde. Der ewige Grantler Happel ging nach der Saison zurück in seine Heimat Österreich und der Jugoslawe Josip Skoblar kam. Uli Stein schlug im folgenden Supercupspiel Bayerns neuen Stürmer Jürgen Wegmann mit einem Faustschlag („Stein-Schlag“) um und musste den Verein verlassen. Ersetzt wurde er vom wohl schlechtesten Keeper der Bundesligageschichte Mladen Pralija, der selbst das Ende der kommenden Saison 87/88 nicht mehr beim HSV erlebte, wie auch Skoblar.

Borussia Mönchengladbach

Die Fohlen starteten mäßig in die Spielzeit. Dümpelten sie nach der Hinrunde mit Platz 9 im Mittelfeld der Tabelle herum, gelang ihnen in der Rückrunde eine noch nie dagewesene Siegesserie von 10 Siegen und 20:0 Punkten. Neben ihren Goalgettern Hans-Jörg Criens und Günter Thiele war es vor allem Uwe Rahn, der der große Star der Mannschaft war und mit 24 Toren folgerichtig Torschützenkönig der Bundesliga wurde. Offenbar war Uwe Rahn der Rummel im Profifußball zu viel, denn lange lebte er völlig zurückgezogen dem Vernehmen nach irgendwo in Italien und gab nicht mal Interviews, noch existierten aktuelle Bilder von ihm. Anfang Mai dann trat Uwe Rahn wieder in der Öffentlichkeit auf, um seine Torjägerkanone, die er nie erhalten hatte, in Empfang zu nehmen.

Die Borussia war in jenen Jahren dafür berühmt immer wieder irrwitzig viele Tore zu schießen und jeder erinnert sich an das 12:0 gegen Dortmund 1978. Auch in der Saison 86/87 mussten mit Mannheim (8:2) und Werder Bremen (1:7) Gegner diese Torwut erleiden. Nach dem 34. Spieltag und der Qualifikation für den UEFA-Cup dank Platz 3 ging Trainer Jupp Heynckes nach 8 Jahren fort und begann seine erste Episode bei den Münchner Bayern. Sein Nachfolger wurde der kürzlich verstorbene Wolf Werner, der die erfolgreiche Ära Heynckes‘ nicht fortführen konnte.

Borussia Dortmund 

Waren die Mannen vom Borsigplatz in der Vorsaison erst in der Nachspielzeit des zweiten Relegationsspieles gegen Fortuna Köln dem Abstieg entgangen und mit einem 8:0 im entscheidenen dritten Spiel endgültig in der Liga verblieben, konnten sie eine totale Kehrtwende vollziehen und mit Platz 4 Tickets für den UEFA-Cup buchen. Dabei begann die Saison kurios. Am ersten Spieltag musste man zum FC Bayern reisen und die neue Saison war erst wenige Minuten alt, als Neuzugang Frank Mill Bayern-Torwart Jean-Marie Pfaff umkurvte und plötzlichvor dem leeren Tor mit dem Ball stand. Bis heute ist nicht geklärt, was im Kopf von Mill in diesem ablief. Völlig freistehend setzte er den Ball aus wenigen Zentimetern an den Pfosten und das Ende der Geschichte ist, dass Mill heutzutage, YouTube sei dank, überall auf der Welt auf diesen Patzer angesprochen wird und es auch nicht mehr sehr lustig findet.

Eine weitere Kuriosität ereignete sich in der Nacht vor dem Heimspiel gegen den HSV, als Unbekannte ein Zeichen gegen die 87er Volkszählung setzen wollten und den Rasen mit einem riesigen „BOYKOTTIERT UND SABOTIERT DIE VOLKSZÄHLUNG“ beschmierten. Um eine Spielabsage vermeiden zu können, griffen die Dortmunder Platzwarte zu einem Trick und ergänzten die Botschaft um ein „DER BUNDESPRÄSIDENT:“ vor und „NICHT“ nach der Schmiererei.

Rein sportlich konnten sich die Spieler von Reinhard Saftig in bester Form zeigen und auch die Fans freuten sich über den neuen Sturm von Norbert Dickel, Frank Mill und Michael Zorc. Alle drei Spieler erzielten zusammen 51 Treffer.

Werder Bremen

Endete die Vorsaison mit einem Schock, als man am letzten Spieltag die Tabellenführung erstmals und final an Bayern München verlor, nachdem im vorletzten Spiel gegen eben jene Bayern Elfmeterexperte Michael Kutzop den Strafstoß, der Werders Meisterschaft besiegelt hätte, an den damals noch eckigen Torpfosten im Weserstadion setzte, konnte das Team von Otto Rehhagel mit Platz 5 eine respektable Spielzeit abschließen. In der letzten Bremer Saison mit Nationalstürmer Rudi Völler fehlte vielleicht etwas die Konstanz in den Leistungen, man denke an die Hinrundenniederlage beim Hamburger SV und das Heimdebakel gegen Mönchengladbach, war am Ende der Saison noch genug Benzin im Tank, damit es für Europa reichen konnte. Wieder einmal scharrte Otto der Große Fußballsenioren wie Dieter Burdenski, Mirko Votava, Benno Möhlmann, Bruno Pezzey oder Michael Kutzop um sich, die Talente wie Frank Ordenewitz und Thomas Schaaf führten und formten.

Wie erwähnt, ging Völler nach Italien zur AS Rom und wurde von einem Talent von der schwäbischen Alb ersetzt, das Rehhagel von Blau-Weiß 90 Berlin holte, mit dem im Jahr darauf endlich der zweite Titel Bremens in der Bundesliga-Geschichte gelingen sollte: Karlheinz Riedle.

Bayer Leverkusen 

Es klingt wie aus einer Zeit vor dem Krieg. Bayers Trainer hieß Erich Ribbeck und war noch nicht vollständig ergraut. Die BayArena war noch das Ulrich-Haberland-Stadion und ein zweckmäßiges Leichtathletikstadion. Die Mannschaft bestand aus groben Handwerkern wie Wolfgang Rolff, Thomas Hörster oder Falko Götz. Und auch, wenn unter dem Bayer-Kreuz, das seinerzeit noch groß auf der Brust für den Konzern warb, so war der Sport der Rheinländer zweckmäßig und in der Regel ergebnisorientiert. Im UEFA-Cup musste man gegen Dukla Prag in der zweiten Runde die Segel streichen und im DFB-Pokal war gegen den späteren Absteiger aus Düsseldorf ebenfalls nach zwei Runden Schicht im Bayerwerk.

Highlights der Saison waren zweifelsfrei der Auswärtserfolg in München, der Leverkusen kurzzeitig zum Tabellenführer machte, was am 20. Spieltag erneut gelang und latent die Hoffnung auf den großen Wurf nährte und der 4:1-Sieg am letzten Spieltag gegen den VfB Stuttgart. Bayer brauchte dringend einen Sieg, während Konkurrent Kaiserslautern zuhause gegen den sicheren Zweiten HSV einfach nur gewinnen musste. Da sich die roten Teufel mit einer 0:4-Klatsche selbst die Party versauten, konnte sich Bayer erneut für den UEFA-Cup qualifizieren, den sie im kommenden Jahr in zwei legendären Finalspielen gegen Espanyol Barcelona im Elfmeterschießen gewannen.

1. FC Kaiserslautern 

Wie gerade beschrieben, verpasste der FCK Europa denkbar knapp und bot das ganze Diagramm an Leistungen und Emotionen. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt war alles dabei. Verirren sich im Jahr 2019 noch ein paar Liebhaber und treue Seelen im Fritz-Walter-Stadion, war der Betzenberg gerade in den Achtzigern gefürchtet. Selbst ein harter Hund wie Paul Breitner hatte immer Schiss den Berg hoch zu fahren und die Atmosphäre war giftig, laut und erdrückend. Berühmt bis heute die meterhohen Flaggen in der Westkurve und die bengalischen Feuer, die das Stadion in eine wahrhafte Hölle für den Gegner machten.

Angeführt von Trainernovize Hannes Bongartz, kämpfte der FCK mit harten Knochen wie Wolfram Wuttke, Torjäger Harald Kohr oder Wolfgang Wolf sich durch das Tableau. Neuzugang Frank Hartmann, der am Ende der Saison sensationelle 17 Tore vorweisen konnte, machte ausgerechnet gegen seinen alten Verein Schalke 04 das Spiel seines Lebens. Beim 5:0-Heimsieg erzielte der Neuzugang alle fünf Tore und brachte den Betzenberg zum Beben.

Im Tor der Lauterer stand mit Gerald Ehrmann der Pfälzer Torwartgott schlechthin zwischen den Stangen und wusste durch seine sehr körperliche Spielweise Angst und Schrecken bei den gegnerischen Stürmern zu verbreiten. Nur beim Mannheimer Fritz Walter sollte das nicht der Fall sein. Dazu aber später mehr.

Bayer Uerdingen

Wer hätte ahnen können, dass die Krefelder mit Platz 8 zum Ende der Spielzeit letztmalig einen einstelligen Tabellenrang am Ende einer Bundesligasaison belegen würden? Die Vorzeichen standen zu gut, dass Uerdingen in der Gunst des finanzstarken Bayerkonzerns die Nase vor der Konkurrenz aus Leverkusen vorn hat. Zu erfolgreich war die jüngere Vergangenheit. 1985 der Sieg im DFB-Pokal gegen Bayern München, 1986 das Wunder von der Grotenburg, als man eine 0:2-Hinspielpleite im Europapokal der Pokalsieger bei Dynamo Dresden noch atemberaubend mit 7:3 im Rückspiel gewann, nachdem es zur Halbzeit bereits 3:1 aus Sicht der Sachsen stand und viele Fans zur Pause den Heimweg antraten. Am Ende der Saison 85/86 stand das Team von Coach Karl-Heinz Feldkamp sogar auf Platz 3, was heutzutage die Champions League bedeuten würde.

Auf dem Platz ein talentiertes Team um Nationalspieler Matthias Herget, den Funkel-Brüdern Werner und Friedhelm, Jungstars wie Marcel Witeczek oder ein gewisser Oliver Bierhoff und Torwart-Routinier Werner Vollack. Dass es nur für einen Platz im gesicherten Mittelfeld reichte, lag wohl auch vor allem an der eklatanten Abschlussschwäche der Stürmer. Bezeichnend, dass der beste Knipser der Saison Abwehrspieler Wolfgang Funkel mit 9 Toren war. Gewiss ein Tiefschlag das 2:9-Fiasko im DFB-Pokal bei Borussia Mönchengladbach, die den Krefeldern gehörig die Grenzen aufzeigten.

Nachdem die Bayer AG Uerdingen die Unterstützung 1995 entzog und sich vom Verein trennte, benannte man sich in KFC Uerdingen um und ist Stand heute nach einer langen Reise durch die Niederungen des Amateurfußballs 2018 erstmals in der 3. Liga nach Jahren wieder im Profifußball angekommen. Jedoch hängen die Uerdinger am finanziellen Tropf des dubiosen russischen Investors Mikael Ponomarev und waren zum einen die Skandalnudel ihrer Liga, nach diversen sinnlosen Trainerentlassungen, und zum anderen ist man aktuell heimatlos, weil die Grotenburg-Kampfbahn zu marode für den Profifußball ist und man zuletzt im Duisburger und kommende Saison im Düsseldorfer Stadion Asyl findet, was den dortigen Fans äußerst übel aufstößt. Ob man Uerdingen zukünftig in der Beletage des deutschen Fußballs erleben kann, wird davon abhängen, ob sich Uerdingen in der dritten Liga konsolidiert und etabliert und der Investor tatsächlich am Ball bleibt und den Verein behutsam aufbaut.

1. FC Nürnberg

Das Team von Trainer Heinz Höher bewerkstelligte diese Saison mit Bravour. Im Prinzip fanden die Clubberer genau die Leistungsfähigkeit, die man von ihr erwartete. Neben großen Talenten wie Torwart Andreas Köpke, Verteidiger Stefan Reuter, Roland Grahammer und Stürmer Jörn Andersen und Dieter Eckstein, bildeten solide Recken wie die Brunner-Brüder, Dieter Lieberwirth, Anders Giske, Manfred Schwabl und Günter Güttler eine Mannschaft, die sich früh vom Abstiegskampf befreien und die nächste Spielzeit souverän in Planung geben konnte, die mit der überraschenden Qualifikation für den Europapokal endete. Das war auch die Zeit, als man den Umbau des alten Frankenstadions begann, das im Grunde bis auf wenige Umbauten für die Weltmeisterschaft 2006 heute noch so exisistiert und als eine der letzten Profifußballstadien eine Tartanbahn bietet und so noch etwas den Geist der „guten“ alten Fußballzeit verbreitet, als Stadien noch keine Arenen waren.

Kleiner „Fun-Fact“ am Rande: die Saison 1986/87 war die letzte Spielzeit, in der der FC Bayern noch nicht alleiniger Rekordmeister war. Zu Beginn der Runde hatten beide Vereine 9 Meisterschaften auf dem Briefpapier verewigt und die Nürnberger waren sich ihrer Titel zwischen 1920 und 1968 gewahr, wobei der letzte zum Abpfiff der Saison 86/87 auch schon wieder 19 Jahre her war.

1. FC Köln 

Anpfiff“ war der Abpfiff für die scheinbar ewig währende Liebesbeziehung zwischen dem 1. FC Köln und Torhüter Harald „Toni“ Schumacher. Der „Tünn“ schrieb in seinem ersten Buch vom Dopingmissbrauch in der Bundesliga, Sexorgien der Nationalmannschaft während der WM 1982 in Mexiko, bezeichnete etwa Olaf Thon von Schalke 04 als faul und dumm und beförderte sich damit aus der Bundesauswahl, für die er nie wieder spielen durfte und wurde aus seinem Herzensverein verbannt. Dass Schumacher auch fast visionäre Gedanken formulierte, die den Fußball der Zukunft, und wie man ihn heute kennt, vorzeichnete, geriet dabei vollkommen in den Hintergrund. Nachfolger Schumachers in Köln wurde sein junger Ersatztorwart Bodo Illgner, der damit zu einer Weltkarriere ansetzte, die ihn zum Weltmeister und Champions League-Sieger mit Real Madrid machte. Schumacher selbst landete zur neuen Saison ausgerechnet bei Thons Verein Schalke 04 und stieg im darauffolgenden Jahr aus der ersten Liga ab. Thon ging zu den Bayern und Schumachers Odyssee setzte sich bei Fenerbahçe Istanbul fort, wo er zum Publikumsliebling und Kapitän entwickelte.

Die Kölner selbst konnten diese Horrorsaison mit viel Krampf und Kampf auf Rang 10 beenden. Die erste Saison ohne Dribbelkönig Pierre Littbarski, der zu Racing Club Paris ging und nach nur einem Jahr reumütig zurück kehrte, begann denkbar schlecht. Man fand sich nach ein paar Spielen zunächst auf dem letzten Platz wieder und mühte sich über die Saison zumindest zum sicheren Erhält der Klasse. Trainer Georg Keßler, ein wahrer General des ganz alten Schlags, konnte an die Erfolge der jüngeren Vergangenheit, als man es bis ins UEFA-Cupfinale 1986 gegen Real Madrid schaffte, nicht mehr anknüpfen und wurde nach sieben Spielen auf Platz 16 liegend von seinem Trainerlehrling und Co ersetzt. Der Name des wilden Nobodys: Christoph Daum.

Die letzte Saison von Stürmer Klaus Allofs, der zu Olympique Marseille wechselte, enttäuschte deswegen so sehr, weil der Kader so namhaft besetzt war, dass man sich aufgrund der vorhandenen Qualität deutlich mehr ausgerechnet hatte. Ein Auszug: Morten Olsen, Thomas Häßler, die Allofs-Brüder, das starke Torhütergespann, Uwe Bein, Hans-Peter Lehnhoff, Tony Woodcock oder auch Paul Steiner.

VfL Bochum

Der Tiger Hermann Gerland hatte schon immer einen besonderen Draht zu seinen Spielern. So auch in seiner ersten Station als Cheftrainer in Bochum. In seiner zweiten Saison im Ruhrstadion coachte Gerland eine hochinteressante Mannschaft um Altstars wie Klaus Fischer, Jupp Tenhagen, Ata Lameck und Lothar Woelck und jungen Leuten wie Enfant Terrible Thorsten Legat, Stürmer Uwe Leifeld, Rob Reekers, Peter Knäbel und formte sie zu einer verschworenen Einheit. Es war wohl die beständigste Zeit der „Unabsteigbaren“ und eigentlich hatte der VfL nie etwas mit dem Abstieg zu tun. Konstanz auf allen Ebenen und irgendwie in guter Bedeutung eine graue Maus der Liga. Freilich gab es rauschende Feste wie das 6:1 gegen Waldhof Mannheim oder das 5:1 gegen Blau-Weiß 90, aber 14 Unentschieden machten aus einer grundsätzlich sehr guten Saison eine durchschnittliche. Auch der Zuschauerschnitt von knapp über 16.000 zeigt, dass man in dieser Spielzeit vom VfL kein Feuerwerk zu sehen bekam.

Im Tor der Westfalen stand übrigens zu dieser Zeit der ewige Ralf Zumdick, der in seiner Bochumer Ära 283 Spiele absolvierte und in der Saison 86/87 seinem Konkurrenten Andreas Wessels nicht eine Spielminute gönnte. Als einer von nur wenigen Torhütern in der Bundesligageschichte konnte Zumdick im darauffolgenden Jahr sogar per Elfmeter ein Tor erzielen.

VfB Stuttgart 

Nachdem der VfB vor der Saison einen neuen Trainer suchte, fand man im Co-Trainer des FC Bayern, Egon Coordes, einen interessanten Mann, dem man zutraute die hoch veranlagte Mannschaft um Neuzugang Eike Immel, Nationalspieler Guido Buchwald und Karl Allgöwer, Jungstar Jürgen Klinsmann, Routinier Asgeir Sigurvonsson und Abwehrurwerk Günther Schäfer wieder Richtung europäische Wettbewerbe entwickeln zu können. Doch nach Platz 5 im Vorjahr und der Teilnahme im Pokalfinale 86, wo man vom FC Bayern mit 5:2 vermöbelt wurde, stagnierte das Team nicht nur, es war extrem der Wurm drin. Zeitweise musste sich Egon Coordes Fragen einiger Journalisten stellen, ob das Team gegen den Trainer spiele. Und tatsächlich schien gerade zum Ende der Saison allen Beteiligten ein Gefallen getan, als man frühzeitig mit Arie Haan einen Nachfolger für die nächste Saison fand und in den letzten 10 Partien der Saison die schlechteste Mannschaft der Liga war. Dass es für den VfB nicht noch tiefer in der Tabelle ging, lag vor allem an den noch schlechteren Teams, die am Ende die Plätze 16-18 belegten.

Einzig Stürmer Jürgen Klinsmann bewies sich als zuverlässig treffendes Energiebündel, der mit 16 Treffern die Spielzeit abschloss und sich für seine zwei Jahre später beginnende internationale Karriere empfahl. Schon im Winter 1987 folgte das erste Länderspiel bei der Reise der Nationalmannschaft durch Südamerika und im Sommer 1989 der Wechsel zu Inter Mailand.

Egon Coordes wurde nach seinem Amt beim VfB nur noch einmal zum Bundesliga-Cheftrainer berufen, jedoch endete sein Engagement beim HSV 1992 nach 19 Spielen so frühzeitig wie auch jäh seine Bundesliga-Trainerkarriere.

FC Schalke 04

Die Fans von Schalke werden nicht gerne an die Achtzigerjahre zurückdenken. Dreimal musste Königsblau den traurigen Gang in die damals noch tristere 2. Bundesliga antreten. Und wer weiß, was mit dem legendären Club aus Gelsenkirchen passiert wäre, wenn im Jahr 1993 nicht ein gewisser Rudi Assauer die Arbeit aufgenommen hätte. Vorstellbar ist durchaus, dass S04 ein Schicksal von Rot-Weiß Essen, Saarbrücken oder anderen ehemaligen Traditionsvereinen ereilt hätte.

Im Sommer 1986 war die Heimat noch das zugige Betonmonster Parkstadion, der Trainer Schleifer Rolf Schafstall und das Personal ein teils alternder Haufen um den 42-jährigen Klaus Fichtel, Bernhard Dietz (39), Wilfried Hannes (30), talentierten Angreifern wie Olaf Thon und Jürgen Wegmann, der im Jahr zuvor noch Intimfeind Borussia Dortmund vor dem Abstieg rettete und Torwart Walter Junghans, der seine liebe Mühe hatte den durchschnittlichen Defensivverbund vor sich zu dirigieren.

Obwohl Schalke in dieser Saison konstant im selben Tabellenbereich wie der VfL Bochum rangierte, muss man die Saison ob des eigenen Selbstverständnisses als ernüchternd betrachten, was sich in der kommenden Saison noch verschlimmern sollte, als mit Torwart Harald Schumacher mit 84 Gegentoren der bislang letztmalige Abstieg aus der Bundesliga zu betrauern war. Satte drei Jahre musste Schalke damals im Unterhaus mitspielen und betrachtet man die sportliche, finanzielle und strukturelle Entwicklung seitdem, möchte man gar nicht glauben, was Schalke 04 Mitte der 80er für ein bedauernswerter Ruhrgebietsclub mit großer Vergangenheit war. Nur eines hat man sich in Gelsenkirchen bis heute bewahrt: sein Image als Skandalverein, den niemand von außen so recht verstehen will und kann.

Waldhof Mannheim

Zunächst die schlechte Nachricht: diese grottige Abwehr! Satte 71 Bälle mussten Torhüter Uwe Zimmermann und der leider zu früh verstorbene Gregor Quasten aus dem Tor holen. Trainer Klaus Schlappner fand kein Mittel die Angriffe der Gegner zuverlässig zu verteidigen. Konnte man in dieser Spielzeit auf die Dienste der späteren Nationalspieler wie Jürgen Kohler und Maurizio Gaudino in ihren frühen Jahren zurückgreifen, waren es vor allem der greise Günter Sebert (39) und Dimitrios Tsionanis aus Griechenland, die sinnbildlich für den unsortierten Hühnerhaufen in der Abwehr stehen.

Die gute Nachricht hieß Fritz Walter und ist nicht, wie der Name vermuten ließ, 1954 Weltmeister geworden, sondern war ein untersetzter Irrwisch, dem aus irgendeinem Grund der Weg zur Nationalmannschaft von Franz Beckenbauer verwehrt blieb, obwohl er mit seinen 157 Bundesligatoren einer der besten Knipser seiner Zeit war. Walter brachte es in der Saison 86/87 auf 23 Treffer und verpasste die Torjägerkanone hinter Uwe Rahn nur knapp. 1992 schaffte er dieses Ziel beim VfB Stuttgart in dessen Meistersaison.

Eine der irrwitzigsten Partien der Saison war das Duell Mannheim gegen die Rivalen aus der Pfalz Kaiserslautern. Das Spiel, das im Ludwigshafener Südweststadion stattfand, weil das eigentliche Waldhofstadion damals für die Bundesliga als zu klein nicht zugelassen war, sah eine Privatfehde zwischen Fritz Walter und Lauterns Muskelprotzkeeper Gerald Ehrmann, die Walter sportlich für sich entscheiden konnte. Beim 4:3-Erfolg der Waldhöfer erzielte Walter alle 4 Tore, wovon zwei Tore Elfmetertore waren. Zusätzlich verschoss Waldhof durch Jörg Neun und eben Fritz Walter zwei Strafstöße, jedoch konnte Kaiserslautern zum einen eine 3:2-Führung nicht halten und dann wurde ihnen kurz vor Schluss noch der 4:4-Ausgleich wegen einer Abseitsstellung nicht gegeben. Ehrmann wandelte am Rande eines Platzverweises und hätte Schiedsrichter Kautschor, der am letzten Spieltag nochmals in eine dramatische Szene verwickelt sein sollte (dazu gleich mehr), am liebsten wohl ins Krankenhaus befördert.

Trainer Schlappner nahm nach Saisonende seinen berühmten Pepitahut und schloss sich Darmstadt 98 an, wurde später Pionier für den chinesischen Fußball und für Waldhof war dies der Anfang vom bald folgenden Ende in der Bundesliga, aus der sie 1990 abstiegen und nie wieder zurückkehrten. Gerade haben die Waldhof-Buben endlich wieder die Rückkehr in den Profifußball mit dem Aufstieg in die dritte Liga geschafft und es bleibt abzuwarten, ob man sich mit seinem erstligareifen Carl-Benz-Stadion irgendwann wieder in den höchsten beiden Ligen zeigen darf.

Eintracht Frankfurt

Die launische Diva vom Main. Ein fast zu schöner Slogan über die Eintracht der Achtziger. Ihren Tiefpunkt erreichte sie wohl in der Saison 86/87, als sie sich mit aller Kraft vor den Relegationsspielen retten konnte. Trainerurgestein Dietrich Weise, der die Eintracht für dortige Verhältnisse epische 1130 Tage trainieren durfte, nutzte sich mit der Zeit ab und konnte dem Team einfach keine Impulse mehr geben. Die Eintracht, zu dieser Zeit einer von vier Bundesligisten, die bis dato jede Bundesligasaison dabei waren (neben Köln, Kaiserslautern und Hamburg), hatte mit ihrer jungen Truppe um Altmeister Charly Körbel Schwierigkeiten in dieser Liga mitzuhalten. Große Talente wie Andreas Möller, Manfred Binz und Nationalspieler Thomas Berthold, der nach Saisonende nach Italien zu Hellas Verona wechselte, waren noch nicht in der Lage die Mannschaft zu führen und die gruselige Abschlussschwäche sorgte dafür, dass ein mäßig begabter Janusz Turowski mit 7 Treffern zum Top-Torschützen avancieren konnte.

Mit Wolfgang Kraus verpflichtete man einen alternden Mittelfeldmann aus Zürich, der mitten in der Saison das Kunststück fertig brachte sowohl Spieler als auch Manager der Eintracht zu sein, um dann nach 15 Spielen seine aktive Karriere zu beenden. Kraus wiederum gelang es zur neuen Saison Boxkämpfer Uli Stein, Trainer Karl-Heinz Feldkamp aus Uerdingen und Stürmerstar Lajos Détári von Honved Budapest zu verpflichten und den Kader zu formen, der im kommenden Jahr den DFB-Pokal holen sollte und die Liga auf einem stabilen 9. Rang abschloss.

In der Saison 86/87 jedoch war die Eintracht so schlecht, dass Dietrich Weise gehen musste und man mit Timo Zahnleiter das Spieljahr beendete.

FC Homburg 

Mit den Saarländern begrüßte die Bundesliga einen äußerst ambitionierten Neuling, der in der vergangenen Saison als Meister der zweiten Liga für Aufsehen sorgte. Unterstützt vom Investor Manfred Ommer als Präsident, der bereits in dieser Zeit von einer Umwandlung des Vereins in eine Kapitalgesellschaft und einem gewinnorientierten Leihspielermodell sprach, formte zusammen mit dem 1. Vorsitzenden Udo Geitlinger eine Mannschaft, die die Hoffnung auf das Saisonziel Platz 14 nährten. Aus Polen wurden für damalige preisintensive 1,5 Millionen Mark die Nationalspieler Andrej Buncol und Roman Wojcicki und dazu noch Bundesliga-Routine durch Jimmy Hartwig und Wolfgang Schäfer, der 1985 Bayer Uerdingen zum Pokalsieger schoss, verpflichtet und der Mannschaft, die zum großen Teil aus Halbprofis bestand, beigefügt. Talente wie Thomas Stickroth und Uwe Fuchs nutzten die Chance hier eine veritable Bundesligakarriere zu starten.

Aufstiegstrainer Fritz Fuchs genoss aber nicht die Geduld von Präsidium und Vorstand und wurde nach nur 3 Spielen beurlaubt, weil man ihn für zu weich gegenüber der Mannschaft empfand. Die Wahrheit war wohl vielmehr, dass man Angst hatte die Investitionen in Beine und Steine (das Homburger Waldstadion wurde für die 1. Liga runderneuert) nicht in barer Münze zurückerhalten würde. Und tatsächlich wurde die Saison ein harter Abstiegskampf und nachdem Fritz Fuchs die Härte des jungen Erstligageschäfts zu spüren bekam, musste nach 26 weiteren Partien auch dessen Nachfolger Udo Klug die Koffer packen. Geschäftsführer Gerd Schwickert übernahm interimsmäßig bis zum Ende der Saison und rettete  den FC 08 in zwei knappen Relegationsspielen gegen den FC St. Pauli die Klasse. Rein sportlich war die Bundesliga schon in diesem Spieljahr eigentlich eine Nummer zu groß für die Homburger und 79 Gegentore sind nur deswegen kein Garant für den Abstieg gewesen, weil es zwei Teams gab, die noch schlechter waren.

Saisonhöhepunkt für die Saarländer war das 2:2 daheim gegen den FC Bayern, der noch vollkommen unter Schock stehend nur 3 Tage nach dem bitteren 1:2 im Finale des Landesmeistercups gegen Porto wieder Federn ließ und Homburg einen wichtigen Zähler gegen den direkten Abstieg schenkte.

Heute verweilt der FC Homburg in der Regionalliga Südwest, nachdem man vorletzte Saison sogar in die fünftklassige Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar gehen musste. Potentiell wäre er sogar in der Lage ein Gastspiel in der 3. und 2. Liga zu bestreiten, aber die fetten Jahre haben die Homburger zu lange über ihren Verhältnissen leben und fühlen lassen und so ist es dem Ehrenamt von Udo Geitlinger, der im Januar 2018 starb und jahrzehntelang den Verein lenkte, zu verdanken, dass man nicht gänzlich in der Versenkung verschwand und wenigstens seit 1999 zuverlässig im oberen Amateurbereich stattfinden und mit dem großen Rivalen aus Saarbrücken auf Augenhöhe existieren kann.

Fortuna Düsseldorf 

Exorbitant gruselig. Man könnte das Spieljahr der Fortuna mit diesen zwei Worten beschreiben. Alternativ nennt man das Problem beim Namen: Düsseldorf verstand es nicht die Routiniers und Talente zu einer verschworenen Einheit zu formen. Im Tor der spätere Kunstmaler Rudi Kargus, der vom heranreifenden Jörg Schmadtke zwar einen ambitionierten Anheizer hatte, aber der Rest des Teams, war mit den Aufgaben auf und neben dem Platz vollkommen überfordert. Trotz guter Männer wie Manfred Bockenfeld, Holger Fach, Ralf Dusend oder dem jungen Michael Preetz, gab es kein System, dass die Flut von 91 (!) Gegentoren verhindern konnte. Zu allem Überfluss hatte Fortuna mit Gerd Zewe, Kalle Del‘Haye und Josef Weikl Senioren im Team, die weder mit Spielidee, Erfahrung und Kraft weiterhelfen konnten und wollten.

Dass man im Tabellenkeller versackte, lag mitunter auch an der zu späten Trennung von Trainer Dieter Brei, der mangels Erfahrung vollkommen überfordert und viel zu spät Anfang April 1987 durch Interimslösung Gerd Meyer ersetzt wurde. Zur neuen Spielzeit wurde dann Aleksandar Ristic Coach und prägte eine stabile Phase der Fortuna.

Die absolute Kuriosität der Saison ereignete sich am letzten Spieltag beim Auswärtsspiel der Fortuna beim längst geretteten VfL Bochum am 17. Juni 1987. Beim Stand von 0:1 für Düsseldorf entschied der oben bereits erwähnte Schiedsrichter Kautschor auf Eckstoß, nachdem der Bochumer Schulz zu Boden gerissen wurde. Dieser fing darauf eine Diskussion mit dem Unparteiischen an, um Elfmeter zu fördern und lenkte ihn damit ab. Während beide debattierten, flog der noch nicht freigegebene Eckball in den Strafraum und Uwe Wegmann beförderte ihn ins Düsseldorfer Tor. Da der Tabellen-16. FC Homburg zur gleichen Zeit nur 2:2 beim bereits feststehenden Absteiger aus Berlin spielte, hätten die Düsseldorfer noch mit drei Toren Unterschied gewinnen müssen. Nach diesem Treffer jedoch kippte das Spiel und endete 2:2 und Düsseldorf stieg ab. Jedoch protestierte die Fortuna beim DFB gegen die Wertung des Spiels und zur Überraschung aller gab der DFB am 19. Juni dem Protest statt und setzte die Partie Bochum gegen Fortuna erneut an. Zu diesem Zeitpunkt waren jedoch die Relegationsspiele des FC Homburg gegen den FC St. Pauli bereits terminiert (21. & 24.6.). Es bricht das blanke Chaos aus: Bochum und Düsseldorf holen ihre Spieler aus dem Urlaub zurück. Die Homburger ihrerseits protestieren gegen die Neuansetzung, nicht wissend, ob die Relegationsspiele einen Wert haben würden. Es kommt zum Showdown vor Gericht. Es gibt nur zwei Optionen. Entweder steigt Düsseldorf ab oder die Bundesliga wird zur nächsten Saison auf 20 Teams aufgestockt. Da Schiedsrichter Kautschor nun vor Gericht seine zunächst geäußerte Einschätzung, den Eckball nicht freigegeben zu haben, revidiert, fehlt der Fortuna jedes Argument und steigt am 25. Juni endgültig ab.

Blau-Weiß 90 Berlin

Was von der blau-weißen Bundesligazeit wohl in alle Ewigkeit in Erinnerung bleiben wird, ist der Song, den Schlagerbarde Bernhard Brink mit der Aufsteigermannschaft aufgenommen und im Aktuellen Sportstudio aufgeführt hat. „Wir sind heiß auf Blau-Weiß“ bedient alle Fremdschamsynapsen und der bedauernswerte Leo Bunk, der vor Saisonbeginn zum VfB Stuttgart ging, bewies, dass er mit Rhythmusgefühl so viel zu tun hatte wie mit dem Ballgefühl von Diego Maradona.

1986 stand Berlins Fußballwelt Kopf. Blau-Weiß qualifizierte sich hinter Homburg für die erste Liga, während Tennis Borussia und Hertha BSC gleichzeitig aus der zweiten Liga in die drittklassige Oberliga abstiegen. Die Welt innerhalb der Berliner Mauer schien euphorisiert, da mit Blau-Weiß ein Club antrat, der Hoffnung auf Konstanz und weniger Skandale aufkeimen ließ. Die Menschen in der Sektorenstadt waren von den rumpeligen Auftritten der alten Platzhirsche nur noch genervt und Blau-Weiß 90 bot nun endlich wieder die große Fußballgesellschaft. Leider war der Aufstieg nicht ganz so geräuschlos, wie es hätte sein sollen. Man hatte sich dem windigen Geschäftsmann Konrad Kropatschek 1983 anvertraut, der seinerzeit Geld für teure Transfers vorstreckte und damit die Rückkehr aus der Landesliga in die zweite Bundesliga anschob. Leider war Kropatschek verurteilter Kreditbetrüger und wurde gar von „Aktenzeichen XY ungelöst“ Ende der Siebziger im Fernsehen gesucht. Als Blau-Weiß 90 in die erste Liga Aufstieg kündigte der Verein Kropatschek, der dort mit 1,3 Millionen D-Mark in der Kreide stand, und wurde selbst von einem Gläubiger Kropatscheks gerettet.

Da nun für die Ausstattung des Erstligakaders kaum noch Geld beisammen war, fielen die Sommertransfers vermeintlich zurückhaltend aus und Blau-Weiß musste kleinere Schrippen backen. Eine davon jedoch geriet äußerst schmackhaft und sollte aus Berlin-Mariendorf zur Weltkarriere starten: Karlheinz Riedle, der ablösefrei vom FC Augsburg aus der Bayernliga kam. Mit insgesamt 10 Toren, war er der beste Angreifer und empfahl sich für höhere Leistungsbereiche. Im Sommer 87 ging die Reise nach Bremen weiter. Für 1,3 Millionen D-Mark sicherte sich Werder Riedles Dienste und der Rest von seinem Werdegang ist allgemein bekannt: Deutscher Meister 1988, Olympiabronze 1988, 1990 Weltmeister, 1995 & 1996 Deutscher Meister und 1997 Gewinner der Champions League.

Zurück zu Blau-Weiß: konnte man zwar am dritten Spieltag zuhause 3:2 gegen Borussia Mönchengladbach noch gewinnen, so folgte der nächste doppelte Punktgewinn erst am 26. Spieltag bei Eintracht Frankfurt mit einem 1:3 und dann erst wieder am 32. Spieltag mit dem höchsten Saisonsieg der blau-weißen Bundesligageschichte, als man an einem dunklen Mittwochabend Mitte Juni Waldhof Mannheim mit 4:1 schlug und so noch einmal den letzten Hoffnungsschimmer auf den Klassenerhalt erhielt. Doch so überraschend die Mannschaft von Trainer Bernd Hoss in die Beletage stürmte, so trist ging es nach nur einer Runde wieder runter in Liga 2. Am vorletzten Spieltag gastierte Blau-Weiß 90 beim Hamburger SV, der keiner Chance mehr auf die Deutsche Meisterschaft hatte. In der 78. gelang Wolfgang Schüler der viel umjubelte Ausgleich zum 1:1 und das Spiel schien eine Wendung zu einem blau-weißen Wunder zu nehmen. Die Freude währte jedoch nur kurz, denn der 168 Zentimeter kleine Peter Lux vom HSV bekam nur 120 Sekunden nach dem Ausgleich irgendwo im Mittelfeld den Ball und drosch ihn auf das Tor von Torwart Reinhard Mager, der den Strich von einem Schuss jedoch nicht mehr erreichen konnte. Das Spielgerät schlug im Winkel ein und die tapferen Berliner aus allen Träumen. Mit dem Abpfiff war die Abenteuerreise  Bundesliga jäh beendet und es ging wieder ins Unterhaus.

Woran lag es, dass die Blau-Weiß 90-Ligazugehörigkeit nur ein Jahr dauerte? Am mangelnden Zuschauerinteresse sicher nicht. In der Spielzeit 86/87 lag Blau-Weiß mit 20.949 Zuschauer im Schnitt auf Platz 8 der ganzen Liga noch vor Vereinen wie Frankfurt, Stuttgart und Mönchengladbach. Gewiss haben die Bilder vom leeren Olympiastadion damals eher Mitleid erregt, aber dennoch wollten die Berlinerinnen und Berliner endlich wieder Profifußball. Es lag viel mehr am Spielpech, denn mit 12 Unentschieden könnte man doppelte so viele Remis‘ vorweisen als Düsseldorf. Ausgenommen von Kalle Riedle hatte man einen extrem harmlosen Sturm (36 Saisontore) und eine Bundesliga-unerfahrene Mannschaft. Mit dem Einkauf von Mittelfeldspieler René Vandereycken, der 1980 noch Vizeeuropameister mit Belgien wurde und WM-Sommer 1986 zwei Spiele für sein Heimatland absolvieren konnte, waren größere Erwartungen verknüpft. Vandereyckens Leistungsdaten sind erhellend wie ernüchternd: 24 Spiele, 0 Tore, 4 gelbe Karten und die einzige rote Karte in der Bundesligageschichte von Blau-Weiß 90 Berlin.

Nach dem Abstieg in die zweite Liga versuchte Blau-Weiß noch ein paar Male wieder oben anzugreifen, aber durch die Wiedererstarkung von Hertha BSC gingen sowohl die Geldeinnahmen als auch die Zuschauerzahlen bergab. 1992 kam, was kommen musste: in der zweigleisigen zweiten Liga, kam Blau-Weiß 90 in der Abstiegsrunde auf den drittletzten Platz der Staffel Nord, was zur Relegation gegen Havelse und 1860 München verholfen hätte, aber der DFB entzog den überschuldeten Mariendorfern die Lizenz und der Verein ging bald darauf Konkurs und wurde aus dem Vereinsregister gestrichen.

Der Nachfolgeverein SV Blau-Weiß Berlin hatte und hat juristisch nix mehr mit dem ehemaligen Bundesligisten zu tun, benannte sich jedoch 2015 in Blau-Weiß 90 Berlin um und übernahm dann auch das alte Vereinswappen und greift aktuell in der fünftklassigen NOFV-Oberliga Nord unter Trainer Marco Gebhardt (Ex-Eintracht Frankfurt) an, um in den nächsten Jahren in die Viertklassigkeit zu kommen.

Das Pokalfinale

Hier setzt sich wieder meine persönliche Geschichte fort. Mein Vater, der 1984 auszog, nutzte sein Besuchsrecht und machte mir den Fußball, der 1986 mein Herz eroberte, immer weiter schmackhaft. Und wie man das bei Kindern so macht: mit verführerischen Bestechungen. Zunächst bekam ich nach der WM 86 den offiziellen Spielball „adidas azteca“ und dann begannen für mich die Spiele. Mein erstes Fußballspiel war das oben beschriebene Heimspiel von Blau-Weiß 90 gegen Waldhof Mannheim und damit kann ich mit Fug und Recht behaupten Zeuge des höchsten Bundesligasieges der Berliner zu sein. Das Highlight jedoch war ein anderes. Am Tag vor dem Pokalfinale ging mein Vater in den Neuköllner Sportartikelladen „Sport Mader“ und kaufte für 50,- D-Mark das Stück zwei Tickets für das Endspiel im Berliner Olympiastadion. Nicht irgendwelche Plätze waren das, sondern zwei Sitze auf der Haupttribüne direkt neben der Ehrentribüne. Wir betraten das Stadion und sahen zunächst das Pokalfinale der Damen TSV Siegen mit der großen Silvia Neid gegen den STV Lövenich. Die Siegenerinnen gewannen die Partie klar mit 5:2 und dann füllte sich auch immer mehr das Stadion. Seinerzeit fingen die Finalspiele immer schon um 18 Uhr an, weswegen die TV-Bilder ausschließlich Tageslicht zeigten. Im Finale trafen der große Hamburger SV und Underdog und Zweitligist Stuttgarter Kickers aufeinander. Ich will jetzt nicht der 100.000. sein, der einen Spielbericht des letzten Hamburger Titelgewinns sein. Ich fasse es kurz: das Spiel endete 3:1

Für mich viel bedeutenderer waren die Szenen nach dem Abpfiff. Die Siegerehrung, die links über meinem Vater und mir auf der Haupttribüne stattfanden, sorgte dafür, dass alle Spieler und Trainer auf dem Weg nach unten auch an uns vorbei mussten. So konnte ich einigen Spielern, Siegern und Verlierern die Hände schütteln und meine kleinen Kinderaugen waren ganz dolle groß. Es wurde aber noch besser. Einer der letzten Hamburger, die als Letzte geehrt wurden, kam an mir vorbei, blieb stehen, gab mir die Hand, öffnete seine Trainingsjacke, gab sie mir und ging weiter. Zurück blieb ein kleiner Junge, der vollkommen paralysiert und voller Endorphine mit einer viel zu großen Spielerjacke da stand und nicht wusste wohin mit seiner Freude. 

Heute, 33 Jahre danach, stehe ich vor einem Rätsel. Die Trainingsjacke ziert neben dem BP-Sponsoraufnäher und der HSV-Raute die Spielernummer 10. Diese gehörte damals dem polnischen Nationalspieler und Mittelfelddirigenten Miroslav Okonski und meine Verehrung für den geschmeidig spielenden Polen kannte keine Grenzen und so war ich auch zu Tode betrübt, als Okonski 1988 den HSV Richtung AEK Athen nach Griechenland verließ. Meiner Liebe für Okonski tat das aber keinen Abbruch. Es dauerte einige Jahre bis mir die Jacke passte und inzwischen bin ich auch aus ihr heraus gewachsen. Nun aber zum Rätsel! Inzwischen haben wir ja alle das Internet und damit ein gigantisches Archiv an Bildern und Berichten und selbstverständlich wollte ich irgendwann mehr über das Finale erfahren und meine Jacke auf irgendwelchen Fotos oder Filmaufnahmen entdecken. Leider war ich bis jetzt auch erfolglos. Wie das so ist im Leben: man sucht etwas und findet etwas anderes. Zu meinem Entsetzen entdeckte ich ein Foto, das Miroslav Okonski bei der Pokalübergabe auf der Haupttribüne zeigte, nur wenige Sekunden bevor er an mir vorbei gekommen ist. Jedoch trägt Okonski nicht die Trainingsjacke, die seit 1987 in meinem Kleiderschrank hängt, sondern nur sein Spielertrikot. Das große Rätsel, das ich nur zu gerne noch Lebzeiten lösen möchte, ist: wer war der Spieler, der den kleinen Jungen mit den großen Augen sah und ihm die Trainingsjacke gab? Sollte irgendwer das hier lesen, der sachdienliche Hinweise auf meinen Fall geben kann, möge mir bitte schreiben. 

War mit der WM 86 die Saat gesetzt, die mein Leben mit dem Fußball zum Blühen brachte, so waren an jenem 20. Juni 1987 alle Dämme gebrochen und dieser Sport Teil meiner Identität und meines Denkens. Seit dem ist einfach alles anders und diese einzigartige Liebe zu diesem Spiel, mit all ihren Tälern und Gipfeln, Siegen und Niederlagen, nicht am Reißbrett zu planen und kühl kalkulierend umsetzbar. Liebe entsteht in der Unvorhersehbarkeit des Moments und mein Moment war, als das Spiel Deutschland gegen Uruguay im fernen Queretaro angepfiffen wurde.

(mt)

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*