Ohne uns? Ohne mich!

Foto: Jan Budde

In einem Gastkommentar schreibt Jan Budde vom Mainz 05-Podcast “Hinterhofsänger” und dem Fußballmagazin FUMS warum er nach dem vergangenen Geisterspieltag der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga die Nase gestrichen voll hat.

Ich verliere den Spaß am Fußball. Keine Pointe. Kein Witz. 

Nach einem Geisterspieltag ernst gemeinte Kommentare hören und lesen zu müssen, in denen gesagt wird, dass es ja gar nicht so schlimm war, ist für mich die traurige Gewissheit, dass es immer genug Einweg-Gibbons geben wird, die sich auch noch in der Wüste auf den letzten vertrockneten Busch schwingen und sagen werden: „Geil, ein Baum.“ 

Da kann ich mir auch einmal das Gesicht bügeln, um die Quarantäne-Blässe zu kaschieren. Was ist bei euch passiv Denkern eigentlich kaputt? Muss man euch mal schütteln, damit das lose Zahnrad wieder an die richtige Stelle rutscht, oder was? Wem beim Geisterspielgucken nicht die Füße einschlafen, hat den Fußball nie geliebt. 

„Es ist wichtig für den Fußball, sonst gibt es ein paar Vereine bald nicht mehr.“ Ja, weiße wat? Shit happens. Fußball will doch behandelt werden, wie jeder andere Geschäftszweig, dann frag mal ein paar Selbstständige. Hasse‘ bei Oma Gerdas Eckladen, bei dem es immer die warme Dosenmilch gab, auch rumgeheult, als der sich nicht mehr halten konnte, weil ein paar jutegebeutelte Trendbehinderte die Mieten in der Gegend hochgejazzt haben? Nur um dann zwei Jahre später im Retrowahn warme Dosenmilch zu verkaufen – aber diesmal in teuer. Nein!? Also! Geh mir weg. 

Bei Sky beschwerte man sich kürzlich noch über Anti-Hopp Plakate und Fan-Proteste und konnte das Narrativ vom kriminellen Fan nicht schnell genug erzählen. Und jetzt? Jetzt spielt man bei Frankfurt gegen Gladbach Hurensohn-Gesänge ein. Der Fan ist halt nur noch Mittel zum Zweck. 

Oder wie Fredi Bobic im aktuellen Sportstudio so schön sagte, die Meinung und Haltung der Fans sei „nur ein Reflex und ich glaube, dass sie sich auch daran (Geisterspiele) gewöhnen.“ 

Wenn man dem Fußballgeschäft und dem in ihm beschäftigten Personen zu nahe kommt, stellt man in relativ kurzer Zeit fest, das ein großer Prozentsatz davon, selbst in den verantwortungsvollsten Positionen, zu oft mit dem Klammerbeutel gepudert wurde. Gottfried Benn sagte mal, Glück wäre, dumm zu sein und einen Job zu haben. Und wir Fans, deren Abwesenheit ja gar nicht so schlimm ist, finanzieren diese Hohlroller? Leck mich anne Füße.

Das Traurige ist: Wir Fans regen uns alle über die Kommerzialisierung auf, aber wenn dann Dose gegen Radkappe auf leere Ränge spielt, tragen wir Aluhut-Merch. Puh, Leudde. Sorry, aber jetzt ist richtig Obst im Haus. Witzig, ne?! 

Nein, es geht mir nicht darum, als Fan nicht wertgeschätzt zu werden. Es geht mir um Folgendes: der Fußball gehört uns allen! Allen! Ich bin mehr als Kunde und Werbeobjekt eines Produkts. Ich bin Teil einer Kultur und Kultur geht Hand in Hand mit Gesellschaft. Und es wird sie immer geben – die Spannungen zwischen Kultur und Kommerz, zwischen Hungertuch und Überfluss. Denn der Unterschied zwischen Kultur und Kommerz ist, Kultur kann man angehörig sein, Kommerz gehört jemandem. Clubs stammen aus Regionen und begreifen sich als Repräsentanten dieser Regionen, womit die meisten Fans sie als Teil ihrer Kultur verstehen. Damit kann ein Unternehmen, Konzern oder Verein immer nur so gut sein, wie die Kultur, die vorgelebt wird.

Jochen Malmsheimer sagte so schön, wer einen Sportler etwas fragen würde, der solle sich nicht über einen Antwortversuch wundern. Das sei Physik. Das ist richtig. Aber während Fangruppierungen landauf landab sich sozial engagieren, meinen einige im Paralleluniversum partizipierende Lederkugeltreter und Lederkugeltretertrainer auf ihrer an der Gesellschaft vorbeisegelnden Flugbahn im intellektuellen Trägheitsmoment, wäre alles nur halb so wild ohne Fans. Gut – dann kickt doch wieder für lau im Park, quasi als darbender Künstler und wir Fans treffen uns einfach so zu Tausenden und singen eine Runde. 

Die Kernfrage ist: Wollen wir Kultur kommerzialisieren so wie die warme, teure Dosenmilch oder lieber Kommerz kultivieren, in dem wir ein Miteinander praktizieren? Diese Frage sollten sich alle mal stellen, vom Spieler bis zum klickgeilen Redakteur. 

Manno Meter. Bis dahin findet ihr mich in der Bunten-Liga beim sozialanerkannten Frusttreten.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*