„Meine Mitspieler wünschen sich, dass ich auch mal einen Elfmeter festhalte“

Martin Männel (li.) - hier mit Jan Hochscheidt - ist Torhüter und Kapitän des FC Erzgebirge Aue.

Vor kurzem hat Martin Männel zwei Elfmeter in einem Spiel gehalten. Im Interview spricht der Torhüter des FC Erzgebirge Aue darüber, wie er sich auf Strafstöße vorbereitet, ob man solche Situationen überhaupt simulieren kann und er gibt Tipps für Amateurtorhüter.

Noch bevor das Gespräch losgeht, begrüßt mich mit Martin mit einem freundlichen „Glück auf“. Er spielt seit 2008 für den FC Erzgebirge und ist auch Kapitän des Teams. Martin, die Partie gegen den 1. FC Heidenheim, in der du zwei Elfmeter gehalten hast, ist jetzt ein paar Tage her. Ist das noch Spiel noch präsent bei dir oder ist das schon wieder vergessen?

Natürlich ist das noch so, dass man darauf angesprochen wird. Gerade weil man aktuell nicht so viele Menschen trifft, wird man von denen angesprochen, die man noch sieht. Aber grundsätzlich ist es eine extreme Situation, die man versucht schnell abzuhaken, weil sie nicht alltäglich ist. Ich versuche, den Kopf frei zu bekommen und auch diese positive Sache zu verdrängen, damit ich mich auf das nächste Spiel konzentrieren kann.

Du hast diese Saison bereits sieben von zwölf Elfmetern in der 2. Bundesliga gehalten. Zuvor warst du nicht unbedingt als Elfmeterkiller bekannt – Was ist anders in dieser Saison?

Jeder Elfmeter ist eine andere Situation. Aber ich kann mich an Zeiten als Nachwuchskicker erinnern. Da hatte ich schon einen Ruf als guter Keeper bei Strafstößen. Mit gehaltenen Elfmetern im Elfmeterschießen habe ich damals mein Team (Energie Cottbus, Anm. d. Red.) durchs Viertel- und Halbfinale der Deutschen Meisterschaft der B-Jugend gebracht. Da habe ich insgesamt fünf von sieben Elfmetern gehalten. Im Männerbereich habe ich gleich im ersten Spiel in Magdeburg einen Elfmeter halten können.

Also spielt auch der Zufall etwas rein….?

….es ist sicherlich immer viel Glück dabei – oder auch Pech, als ich im richtigen Eck war, aber der Ball zu gut getreten war. Ich glaube einfach, dass mit jedem gehaltenen Elfmeter das Bewusstsein beim Schützen da ist, dass die Aktion ins Auge gehen könnte. Und wenn der Schütze das Gefühl hat, er hat in dem Moment etwas zu verlieren, dann fängt es an zu rattern. Dann hat man als Torhüter eine noch größere Chance, dass der Ball nicht so perfekt geschossen ist und man eine Chance hat, wenn man ins richtige Eck springt. Zudem hat es viel mit der Vorbereitung auf die Schützen zu tun – und ein gewisses Bauchgefühl und eine Portion Glück, dass man sich richtig entscheidet.

“In der Situation rattert es schon ein bisschen im Kopf des Schützen”

Meinst du, dass Schützen eine Nervosität entwickeln, wenn sie auf einen Torhüter treffen, der viele Elfmeter gehalten hat?

Ich glaube, wenn man zum Elfmeterpunkt tritt, ist man sich seiner Sache schon relativ sicher. Aber man hat noch einige Momente Zeit zwischen dem Pfiff, dem Hinlegen des Balles und der Ausführung des Strafstoßes. Mittlerweile werden auch viele Situationen nochmal im Videokeller überprüft – das kostet auch Zeit. Ich glaube, in der Situation rattert es schon ein bisschen im Kopf des Schützen. Dann kann es eine Rolle spielen, dass derjenige es präsent hat, dass der Keeper schon den einen oder anderen Elfmeter gehalten hat. Das ist bei Manuel Riemann vom VfL Bochum auch nicht anders – er hat auch eine sehr gute Elfmeterbilanz. Ich glaube, die Nervosität spielt dann schon eine Rolle – nicht Angst direkt, aber ein Grübeln in der Situation.

Du hast gerade das Zeit-Phänomen angesprochen. Sprich: Die Zeit zwischen Pfiff und Ausführung des Elfmeters ist länger geworden – gerade im Vergleich zu vor fünf oder zehn Jahren. Das spielt euch Torhütern in die Karten, kann ich mir vorstellen.

Früher hat man die Ausführung mit anderen Mitteln versucht zu verschleppen: In dem zum Elfmeterpunkt geht und schaut, ob der Ball richtig liegt oder kurz mit dem Schiedsrichter diskutiert. Das ist jetzt fast überflüssig, weil durch die Überprüfung eh nochmal Zeit ins Land geht. Ja, es ist aktuell schon eine andere Situation im Vergleich zu vor ein paar Jahren – aber trotzdem hat es damals auch hinbekommen, Zeit zu schinden und den Gegenspieler ein bisschen zum Grübeln zu zwingen.

“Einige Trainingsspiele sind zu meinen Gunsten ausgegangen”

Hast du in der Vorbereitung auf Elfmeter in dieser Saison etwas geändert im Vergleich zu davor?

Über den Zeitraum von 13 Jahren, die ich hier im Verein bin, hat sich das etwas gewandelt. Anfangs bin ich relativ unbedarft an Elfmeter herangegangen. Damals waren auch die ganzen Analysetools, die man jetzt als Verein zur Verfügung hat, noch gar nicht bezahlbar. Daher habe ich mich zu dieser Zeit nicht so intensiv auf die Elfmeter vorbereitet. Heute ist es zum einen so, dass ich über die lange Zeit als Profi schon viele Spieler beim Elfmeterschießen gesehen habe – zum Beispiel auch im Fernsehen. Zum anderen bereite ich mich heutzutage auf die möglichen Schützen der Teams explizit vor.

Wie ist das im Training bei euch? Übt ihr regelmäßig Elfmeterschießen – oder nur vor Pokalspielen?

Es ist kein explizites Element im Training, was wir ständig machen. Aber wenn mal ein Trainingsspiel am Ende unentschieden ausgeht, soll auch ein Sieger im Elfmeterschießen ermittelt werden. Da sind einige Spiele in den vergangenen Jahren zu meinen Gunsten ausgegangen (schmunzelt).

Martin Männel spielt seit 2013 für den FC Erzgebirge Aue. Foto: FC Erzgebirge Aue

Gibt es bei den eigenen Teamkollegen eine Art „Nervenflattern“? Nach dem Motto: Jetzt muss ich gegen den Elfmeterkiller im eigenen Team antreten. Gibt es da auch mal lustige Sprüche in der Kabine?

Ich glaube, die Feldspieler wünschen sich, dass ich auch mal einen Elfmeter festhalte und nicht immer eine Ecke draus wird. Da kommt schon mal der eine oder andere Spruch – ist ja alles spaßig gemeint. Im Training ist es auch mit keinem Druck verbunden, da entscheidet nicht der eine Schuss über keinen, einen Zähler bzw. drei Punkte. Daher ist bei den Kollegen keine Angst da. Aber logischerweise wollen die Spieler mit ihrem Team die Trainingspartie gewinnen und ärgern sich auch, wenn ein Elfmeter verschossen wurde.

“Die meisten Schützen haben eine Lieblingsecke”

Kann man im Training überhaupt Elfmeter üben bzw. bringt das etwas, die Elfmeter der eigenen Teamkollegen zu halten? Die Situation ist schließlich eine ganz andere.

Gewisse Sachen lassen sich schon trainieren – gerade was die Schusshaltung anbetrifft, da sind bei einigen Spielertypen die Abläufe ähnlich. Trotzdem ist der Anlauf, die Ausholbewegung und die Stellung zum Ball ist sehr individuell. Sicher kann man manche Situationen simulieren, bei einigen Spielern gibt es gewisse Ähnlichkeiten. Grundsätzlich ist es aber wichtiger, sich die möglichen Elfmeterschützen des kommenden Gegners in der Vorbereitung auf das Spiel anzuschauen.

Hast du bestimmte Abläufe bei einem Elfmeter? Guckst du zum Beispiel dem Schützen in die Augen und können daher erahnen, wo der Schuss hingeht?

Eigentlich nicht. Bei der Analyse der Videobilder suche ich nach Zeichen der Schützen, die er vielleicht unbewusst sendet und immer wieder vorkommen – ohne da jetzt zu viel darüber verraten zu wollen. Die meisten Schützen haben eine Lieblingsecke. Und wenn sie davon abweichen, gibt es meist klare Anzeichen dafür. Auch wenn man die dann vielleicht im Spiel nicht mitbekommt, erkenne ich es dann später bei der Videoanalyse. Es ist schon immer wieder trotzdem bemerkenswert, wie berechenbar ein Elfmeter wird, wenn man sich im Vorhinein vieles im Detail anschaut.

“Dem Gegner so wenig wie möglich zu zeigen”

Kannst du Tipps für Amateurtorhüter bei Elfmetern geben?

Das Wichtigste ist, dass man sich nicht zu früh bewegt. Auch in den unteren Ligen gibt es viele gute Schützen. Die gucken auch, was der Torwart macht, ob er sich zu früh bewegt und dann sind viele Schützen noch in der Lage, das Bein herumzuziehen und in die andere Ecke zu zielen. Mittlerweile müssen wir Torhüter mit einem Fuß auf der Linie bleiben. Was uns einerseits einschränkt, andererseits aber verhindert, dass man sich zu früh in eine Richtung bewegt. Es ist das Wichtigste, dass man versucht, dem Gegner so wenig wie möglich zu zeigen.

Kannst du weitere Tricks verraten?

Es gibt auch den Ansatz, den Schützen ein wenig die Ecke vorzugeben. Entweder in dem man sich etwas mehr in eine Ecke stellt und dann in die andere springt. Oder mit dem Arm anzeigt, in welches Eck er schießen soll und dann selbst dorthin springt. Es ist dann manchmal sehr lustig anzusehen, obwohl man einer Ecke steht und noch mit dem Arm in die Richtung zeigt, der Gegner trotzdem genau in das Eck schießt und nicht in das lange freie. Es ist ein bisschen Psychologie (lacht). Kurzum: Lange stehen bleiben, sich aufs Bauchgefühl verlassen und dann mit allem, was man hat, sich für ein Eck entscheiden und durchziehen.

Letzte Frage: Hast du eigentlich ein Vorbild, an dem du dich in Sachen Elfmeter orientierst?

Nein, eigentlich nicht. Es ist immer wieder ein bisschen Glückssache. Gerade durch die Regeländerungen kann man die Elfmeter und deren Ablauf auch gar nicht vergleichen mit denen vor fünf oder zehn Jahren, als man noch etwas vortippeln konnte und dann etwas weiter vor der Torlinie stand und sich dann für ein Eck entschieden hat.

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