MAN MUSS AUCH MAL DANKE SAGEN

Innerhalb von nur 24 Stunden bietet das Sommerloch tiefe Einblicke in einen diffusen schwarzen Schlund, der, wir wollen unseren Plattsport-Claim nicht vergessen, so viel neuen Hass bietet, dass wir an verschiedene Stellen im kommerziellen Fußballbusiness einen großen Dank aussprechen wollen, denn Ihr, ja Ihr, wisst, dass wir Euch brauchen, denn Ihr liefert unserer liebenswerten Hass-Maschinerie so viel Treibstoff, dass wir uns für die kommenden Jahrzehnte keine Sorgen machen müssen, dass wir nicht wissen könnten, worüber wir sprechen und schreiben sollen.

Wollen wir unsere Hass-Dankesrede beginnen!

Danke, lieber Gianni Infantino, dass Du nicht so tust, als würde es einen demokratischen Prozess um Deine erneute Kandidatur um das höchste Amt im Fußball geben. Es gibt neben Dir keinen Gegenkandidaten und damit es zumindest nach etwas Populismus riecht, nennst Du Deine erneute Inthronisierung „Wahl“. Selten so gelacht. Dann machst Du aber auch schon ein Ende mit zu viel vorgespieltem Pluralismus, denn die Leute, die Dich heute erneut zu FIFA-Präsidenten machen, müssen nicht umständlich einen Wahlzettel in die Hand nehmen, einen Kugelschreiber öffnen, mit zittriger Hand einen „Wahl“-Zettel ankreuzen, auf dem eh nur Dein Name stünde, dann aufstehen, um zur „Wahl“-Urne zu gehen und den Zettel dann mühevoll in einen Metallkasten zu werfen. Das wäre doch viel zu anstrengend. Nein, Du machst es einfacher und der einmaligen Gloria Deiner selbst entsprechend: Du wirst mit Applaus gewählt! Akklamation nennt man das. Zustimmung per Applaus. Wir wissen es nicht genau und sind auch zu faul nun extra zu recherchieren, aber bei Kim-Jong-Uns „Wahl“ wurde wahrscheinlich geheimer und freier „gewählt“.

Danke, lieber DFB, dass Du bei diesem Schauerspiel mitmachst. Nicht nur, dass Du aktuell relativ führungs- und ziellos durch die Meere des Sports schipperst. Nein, Du konntest Dich nicht mal dazu hinreißen lassen, Dich bei Infantinos diktatorischer erneuter Machterhaltung zu enthalten. Die sportpolitischen Beweggründe bleiben undurchsichtig und schwammig und Du verpasst es leider auch Transparenz in Dein Handeln zu bringen. Weil Du einfach nichts weiter tust, als Deine Unterstützung für den glatzköpfigen Schweizer auszudrücken und es nicht erklärst, trittst Du den Ball der Spekulationen in die Spielhälfte der Skeptiker, Kritiker, Medien und enttäuschten Fans und die Mutmaßungen, die von Korruption, Unterwerfungen bis zu kommerziellen Absichten reichen, sprießen wie Unkraut in die Köpfe aller Menschen, die sich mit diesem Thema befassen. Wo bleibt der offene Widerstand gegen die Aufblähung der Weltmeisterschaft, gegen die gigantomanische Klub-WM, gegen die Übervorteilung der kleineren Verbände, die von all dem nichts haben werden, da sie, wie Reinhard Grindel ja in seinem verheerenden Interview mit der Deutschen Welle klar stellte, kein (Werbe-)Geld in die neuen Wettbewerbe pumpen können und, wie der zurückgetretene Grindel sagte, das Geld dahin fließen soll, wo es auch hergekommen ist. Unverständlich, dass sich auch eine Konföderation wie Ozeanien nach all dem Wissen dennoch zu einer Unterstützung Infantinos bereit erklären konnte.

Danke, lieber SC Paderborn, dass Du Dich quasi zum Farmteam der Blubberbrauseballisten aus dem Großraum Halle (Saale) machst. Hast Du in der Rückrunde der vergangenen Spielzeit in der 2. Liga allen Sportfreunden und -romantikern gezeigt, dass auch die ganz kleinen Clubs eine Chance haben können mit ehrlicher Arbeit und begeisternden Leistungen den Durchmarsch von der dritten Liga ins Oberhaus zu schaffen, in Zeiten, in denen Geld die Fußballwelt dominiert, hast Du nichts besseres zu tun, als einen Pakt mit dem steirischen Limonadenherrscher einzugehen. Fortan wird ein Geschmäckle kaum zu vermeiden sein, wenn der Spielplan die Teams, der gestern verkündeten Kooperation, auf den selben Fußballplatz bringen wird. Gewiss ist es schmerzhaft den Schöpfer des Paderborner Fußballmärchens an die neue Konkurrenz zu verlieren, aber als Gegenleistung sich in so eine Abhängigkeit zu bringen, entzweit nicht nur Deine eigene Fanszene, wie man gestern in den sozialen Medien bereits mitverfolgen konnte, sondern hinterlässt die Frage, ob derartige Deals zwischen zwei Mannschaften, die in einer Liga spielen, überhaupt möglich sein dürfen.

Überhaupt ist es keine schöne Vorstellung das Parkhaus der sächsisch-österreichischen Zweckgesellschaft zu sein. Und das Netz, dass der Brausekonzern global spannt, ist schon so offenbar einzig und allein der Geldmehrung nützlich, mit den Nebeneffekten, dass man Talente fördert und ein paar enttäuschten Ostdeutschen, die auch mal in der Bundesliga mitmachen wollten, um es denen da drüben im Westen mal ordentlich zeigen zu können. Schaut man sich jenes Netz an, mit dem der österreichische Konzern global auf Talentefischerei geht, dann wird einem langsam bewusst, dass dieses Gebilde kein kurzfristiges Phänomen im heutigen Fußball ist, sondern uns Sportliebhaber noch lange begleiten wird und die Befürchtung nährt, dass es zukünftig noch schlimmer wird: Red Bull Salzburg in der österreichischen Bundesliga und dessen Farmteam in der zweiten Liga vom Salzburger Stadtteil „Liefering“ (Nomen est Omen), New York Red Bulls in der Major League Soccer, Red Bull Brasil in der Stadt Campinas, die dank der Übernahme des Teams aus Bragantino nun aufgelöst wurde und nun ist der SC Paderborn zumindest Helfershelfer. Mehr ist bislang nicht bekannt.

Danke, auch an Dich, lieber Ralf Rangnick, denn Du ersparst uns jetzt zumindest Platzstürme, um den Schiedsrichtern Dein neuestes iPhone-Modell zu zeigen, schlechter Verlierer zu sein (DFB-Pokalfinale) und der Welt vorzugaukeln, wie entflochten die Red Bull-Familie doch sei. Nun wirst Du nicht mehr Interimstrainer und Sportdirektor in Ostdeutschland sein und verlässt Dein „Lebenswerk“, wie Du es nun nennst. Aber der Tapetenwechsel wird keine neuen Clubfarben hervorbringen, denn als „Head of Sport and Development Soccer“ wirst Du am Ungetüm aus Salzburg weiter werkeln und kontinuierlich die Werte des Fußballs mit Füßen treten und ihn für „Club Mateschitz“ systematisch ausbeuten.

Danke, lieber Pierre-Michel Lasogga, denn im Land der ausgebeuteten Zwangsarbeiter, Katar, war offenbar schon immer ein Plätzchen für Dich frei. Wir haben damit nicht gerechnet. Als wärest Du nicht schon in Liga zwei beim HSV überdotiert gewesen. Jetzt also ab in die Wüste. Und aus unserer Redaktion kommt nun eine wilde Phantasie: wenn im November 2022 das Weltturnier in Deiner neuen Wahlheimat angepfiffen wird, wirst Du junge 32 Jahre alt sein. Und Katar hat mit seiner Handball-Nationalmannschaft schon einmal gezeigt, wer alles Vorfahren im Emirat hat: Serben, Montenegriner, Franzosen, Kubaner, Bosnier, Spanier. Sicherlich kommen 2022 noch Brasilianer und Argentinier hinzu, die es in ihren Heimatländern nicht in die Nationalmannschaft gepackt haben und nun mit Dir, lieber PML, in dreieinhalb Jahren um die Weltmeisterschaft kicken werden. Damit soll es bei der Phantasie bleiben. Fraglich bleibt weiterhin, warum sich so wenige Fußballer, die nach China oder in den nahen Osten wechseln, zugeben, dass ihnen der Sport vollkommen egal ist und sie nur auf das Geld scharf sind.

Last but not least…

Danke, lieber Oliver Mintzlaff, Du Aushängeschild der ganzen BWL-Athleten (bei Dir passt der Name ja), die seit einigen Jahren Sportämter bekleiden und die Vereine den Gesetzen der Marktwirtschaft unterwerfen und Fans nicht mehr als leidenschaftliche Anhänger, sondern als Kunden sehen, denen man ein „Produkt“ verkaufen muss. Dafür müssen Emotionen „kreiert“ werden. Eure Emotionen, lieber Oliver, sind aber trostlos und nicht nachhaltig. Deine BWL-Kolonnen, die inzwischen in allen Bereichen der Gesellschaft Kultur vernichten und Firmen und Sportvereine totrationalisieren, müssen gestoppt werden. Der Fußball braucht gewiss Leute in ihren Führungsabteilungen, die die Vereine vernünftig und mit Augenmaß leiten und die auch mit Geld umgehen können. Vielmehr braucht es aber Leute, die Fachkompetenz im Sport haben. Du hast sie in der Leichtathletik, aus der Du stammst, aber, und deswegen danken wir auch Dir, bitte sage nicht noch einmal, wie Du es gestern bei der Verkündung der neuen Kooperation getan hast, dass Paderborn noch nie in der Bundesliga gespielt hat!

Danke!

(mt)

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5 Kommentare

  1. Danke. Wenn man das ganze etwas wohlwollend betrachtet, könnte man ihm zugute halten, dass seine Aussage auf die Personen im Management bezogen waren (wobei ich nicht weiss, ob die tatsächlich alle so neu sind).

    • Er sagt: “Da gibt’s ein komplett neues Management-Team, ein neues Gremium in Paderborn, die noch nie in der Bundesliga gespielt haben wie das bei uns auch der Fall war. Als wir letztendlich aufgestiegen sind, haben wir mit vielen Vereinen gesprochen, die uns geholfen haben.”

      Er stellt selbst den Bezug her zu seinem “Verein”, der noch nie die Bundesliga gesehen hatte. Und dass ein Gremium oder ein Management-Team in der Bundesliga spielt war uns auch neu.
      Der Mann hat sich bis jetzt nie mit der Geschichte des SCP auseinander gesetzt.

      Überhaupt nun so eine Pressekonferenz zu geben und eine Kooperation zu erklären und zu verkünden, ist neu und zeigt, dass da nicht nur ne Datenbank mit Talentspielern ausgetauscht wird. Ist schon sehr staatstragend. Interessant auch, dass Rangnick selbst in dieser PK von “Red Bull Leipzig” spricht.

  2. Absolut. Das mit dem “spielen” hat mich überzeugt.

    Erschreckend ist auch, mit was für einer Selbstverständlichkeit das alles erklärt wird.

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