LÄNDERSPIELPAUSE – NA UND? FUSSBALL IST IN DIESEN TAGEN NEBENSACHE

Diese Länderspielpause wird von schlimmen Dingen auf und abseits des Fußballplatzes überschattet. Unter anderem auch der Terroranschlag in Halle, der von einem Rechtsradikalen verübt wurde. Was dieser mit Fußball zu tun hat, weiß Ralf Politz.

Als ich mir überlegt habe das Thema Länderspielpause hier an dieser Stelle einmal zu thematisieren und wie man diese zumindest bundesligafreie Zeit für sich durchaus sinnvoll nutzen kann, durchkreuzte mein Vorhaben ein irrer Neonazi, der in meiner Heimatstadt Halle mit 4 Kilo Sprengstoff und einer größeren Anzahl von selbstgebauten Waffen ein Blutbad unter den jüdischen Besuchern der Halleschen Synagoge anrichten wollte. Da ihm das nicht gelang, entschloss sich dieser Neonazi, wahllos Menschen auf der Straße zu töten, was mich persönlich in ein Gefühl versetzt, das man zwischen absoluter Sprachlosigkeit, Wut und Ohnmacht verorten kann.

Ich selbst kann es nicht richtig beschreiben. Auf der einen Seite würde ich diesem Typen sehr gerne einmal tief in die Augen schauen, aber auf der anderen Seite müsste man mich mit Sicherheit festhalten, um nicht selbst unüberlegte Dinge zu tun. Wie gesagt, das alles ist nur ein Gefühl. Was das alles mit Fußball zu tun hat? Sogar mehr als wir denken. Einerseits war einer der beiden Getöteten ein Mitglied und Fan des Halleschen Fußballclub. 20 Jahre jung, der lediglich seine Mittagspause im betroffenen Döner-Imbiss einnehmen wollte. Einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Andererseits sind gerade Fußballstadien willkommene Nährböden für Nazis jeglicher Couleur. Warum? Weil gerade in unseren Kurven gegenseitiger Respekt oft nur eine Worthülse ist und Beleidigungen der Gegenspieler in Antisemitismus und Rassismus entgleiten und dann damit entschuldigt wird „so etwas doch mal sagen zu dürfen”. Antisemitismus und Rassismus sind seit Jahren offen oder verdeckt Bestandteil unserer Fußballkultur – mal mehr, mal weniger deutlich. Vor allem seit 2015 hat eine immense Verrohung und Enttabuisierung unserer Sprache eingesetzt, so dass längst überwunden geglaubte Ressentiments wieder in unseren Stadien Einzug gehalten haben – befeuert, unterstützt, vorangetrieben durch und von einer Alternative, die keine ist. Ein Vertreter dieser sogenannten Alternative – Björn Hocke –darf sogar gerichtlich sanktioniert als Faschist bezeichnet werden (Aktenzeichen 2 E 1194/19 Me).

Das Ergebnis dieser ganzen Entwicklung haben wir mit dem Attentat in Halle alle nun gesehen. Es ist an uns selbst auf der Waldseite (im Stadion An der Alten Försterei), Gegengeraden, Familienblock und, ja, auch auf der Tribüne dafür zu sorgen, solchen Entwicklungen in unseren Reihen entgegenzutreten, den Mund aufzumachen und antisemitische sowie rassistische Äußerungen zu melden und notfalls auch sofort zur Anzeige zu bringen. Solche Äußerungen sind übrigens nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt, wie manche zu wissen glauben. Im Strafgesetzbuch werden rassistische Äußerungen als Volksverhetzung eingestuft und laut Paragraf 130 mit einer Freiheitsstrafe von 3 Monaten bis 5 Jahren bestraft.

Nach wie vor bin ich fest davon überzeugt, dass wir selbst genügend Selbstreinigungspotential in unseren Reihen haben, um solchen Entwicklungen erfolgreich entgegenzutreten. Antifaschismus sollte der Grundkonsens unserer Gesellschaft und unseres Vereins sein. Bevor jetzt wieder das Gerede von Antifaschismus = Linksterrorismus beginnt: Antifaschismus hat soviel mit „Links“ zu tun wie der Vergleich von Äpfeln und Birnen. Das von Union-Fans betriebene Netzwerk “Schöner Eisern Ohne Nazis” (SEON) stellt dazu klar: „…Wir sind keine Linken. Nicht in der Masse. Wir sind auch keine „Gutmenschen“. Wir sind vor allem Unioner – fanklubübergreifend. Bei uns gibt es Konservative, Rechte, Linke, Unpolitische und FDP-Wähler. Und wir sind offen. Offen für alle, die es ankotzt, dass Nazis unseren Verein, unser Logo, unser Stadion beschmutzen. Auch wenn diese Gestalten nur einen sehr kleinen Teil der Stadionbesucher ausmachen, ist jeder Nazi, egal ob an der AF oder auswärts bei Union einer zu viel.“ Damit ist alles dazu gesagt. Seien wir wachsam und sorgen wir selbst dafür, dass solches Gedankengut keinen Platz in unseren Reihen hat.

Ach so – es ist ja Länderspielpause. Deutschland hat übrigens im EM-Qualifikationsspiel in Estland 3:0 gewonnen. Das alles ist aber in Anbetracht des Attentats von Halle nur unwichtige Nebensache. In diesem Sinne immer und überall: SchönerEisernOhneNazis!

In Gedenken an Jana L. und Kevin S. – getötet von einem Neonazi am 9.10.2019 in Halle/Saale

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