KLEIN IST DAS NEUE GROSS

Es ist ein herrlicher Sonntag im Februar! Die Sonne scheint grell, es sind angenehme 15 Grad auf dem Thermometer und ich habe frei. 
Gerade noch habe ich Stephan beim Umzug aus seiner kleinen Wohnung in Schöneberg ins neue Domizil geholfen und ich genieße den Luxus irgendwas machen zu können, das mir einfach nur Spaß macht. 
Schnell reift der Entschluss zu einem Amateurfußballspiel zu gehen. Aber wohin nur? Es ist doch schon 14 Uhr und bekanntlich finden die meisten Spiele der unteren Ligen am Vormittag bis zum Nachmittag statt. Da wir im Jahr 2019 leben, ist es ein Kinderspiel herauszufinden, wo ich noch in den Genuss eines Spiels komme. Einfach das Telefon aus der Tasche gezogen, die App „Fussball.de“ gestartet und dann das Bundesland „Berlin“ ausgewählt. Schon habe ich den Überblick über alle Ligen des Berliner Amateurfußballs. Mit allem Pipapo: Altersklassen, Spielplänen, Tabellen, Sportplätze, Statistiken und und und. 

Nach dem Ausschlussverfahren aller möglichen Umstände wie Anstoßzeit, Anfahrtsweg und dem Geldautomat unterwegs, werde ich durch die App zur Partie BSV Al-Dersimspor gegen SD Croatia in der Berlin-Liga, der siebthöchsten Liga, geleitet. Spielort: der Fußballplatz am Askanischen Platz, direkt auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs in Kreuzberg. 

Also los nach Kreuzberg und schnell noch an der Friedrichstraße nen Zehner aus dem Automaten gerettet. Aus der S-Bahn am Anhalter Bahnhof gestiegen, erhebt sich vor meinem Auge das große „Zelt“ des Tempodroms, in dem gerade eine Schlagerparty von Antenne Brandenburg stattfindet. Einmal kurz nach links gedreht, stehe ich auch schon vor dem Kunstrasenplatz, der von einem Gitterzaun umringt ist. An einem Eingangstor steht ein Plastiktisch und ein Vereinsbetreuer von Dersimspor verkauft mir eine kleine Eintrittskarte für schlanke 6 Euro. Geld also noch genug vorhanden, um mir vor dem Eintritt noch an der Imbissbude ein Bierchen zu kaufen. In der Bude verkauft ein älteres türkisches Pärchen allerlei Spezialitäten wie Sucuk und andere Köstlichkeiten. Ich entscheide mich wie erwähnt für das Gebraute aus Bremen und betrete den Sportplatz. Einmal hinter dem Tor vorbei, setze ich mich auf die Gegengerade und bin etwa 2 Meter von der Seitenauslinie entfernt. 

Das Spiel beginnt und sogleich sehe ich wie beide Teams mit den Tücken des Kunstrasenbelags zu kämpfen haben. Der Ball springt wie ein Flummi hin und her und die Kontrolle des Spielgeräts gerät zu einer kleinen Meisterschaft. Die Kroaten, die in der Tabelle bislang im Niemandsland der Tabelle ein eher tristen Dasein pflegen, während sich Dersim gegen den drohenden Abstieg stemmt, übernehmen die Spielkontrolle. Schnelles und kontrolliertes Überbrücken des Mittelfelds bringt immer wieder Torgefahr und die türkische Heimmannschaft wiederum findet kein Mittel außer lange Bälle, die von der gegnerischen Verteidigung souverän abgefangen werden. 

Lange Rede, kurzer Sinn: Croatia gelingt das 0:1 und mit diesem Ergebnis endet auch die erste Halbzeit. Rein sportlich ist diese Partie kein Leckerbissen, aber dennoch genieße ich neben dem Sonnenschein und dem Umstand, im Februar so einen angenehmen Nachmittag verbringen zu können, die Direktheit, die mir in den großen Stadien dieser Welt nur noch selten begegnet. Einmal rufe ich laut „Das war doch Abseits!“, aber der Schiedsrichterassistent pfeift mir kurz zurück „Es war der andere Spieler!“. Mit einem Mal habe ich das Gefühl nicht mehr nur zahlender Beobachter einer Fußballpartie zu sein, sondern irgendwie auch teilzunehmen. Die Versuchung war plötzlich sehr groß, diese Unmittelbarkeit für die Heimmannschaft auszunutzen und einen gepflegten Trashtalk mit dem Offiziellen zu beginnen, aber gleichzeitig tat mir der junge Mann auch wieder leid. Wie oft muss er sich wohl Woche für Woche Pöbeleien und Beschimpfungen anhören und wie selten erhält er nicht die Anerkennung, die er für seine Arbeit verdient? Ich entscheide mich, mich etwas zurück zu halten. Diese Entscheidung erleichtert auch, dass zur zweiten Halbzeit, meine bessere Hälfte dazu kommt und ich mich vor ihr auch nicht wie ein grölender Urwaldaffe benehmen will.

Mit ihr zusammen erlebe ich die zweite Halbzeit, die vor allem dreierlei kennzeichnet: Dersimspor nimmt das Heft des Handelns immer mehr in die Hand und kommt dank technischer Überlegenheit und Kampfgeist ein ums andere Mal gefährlich vor Croatias Tor, scheitert aber ein ums andere Mal an Courage und Unvermögen. Des Weiteren beweist der Gast die Kunst des Zeitspiels und baumgroße Verteidiger, vollbärtig und muskolös, lassen sich selbst bei der kleinsten Berührung mit schmerzverzerrter Miene zu Boden fallen. Und dann sind da noch drittens die drei Jungs im Alter von ungefähr Mitte 20, die die Halbzeit damit verbringen die Spieler von Croatia mit Häme und Spott zu überziehen, was uns extrem unterhielt. 

Das Schöne an diesem Nachmittag auf dem Fußballplatz war die Gesamtheit an Eindrücken. Nicht dass es besonders schön anzusehen war, was da auf dem Platz passierte oder es besonders stimmungsvoll auf der Tribüne war. Vielmehr war es ein Genuss wieder so entschleunigt zu werden. Keine Werbejingles, keine Musik aus den Boxen, die alles überschallt, keine aufdringlichen Werbebotschaften, die mich zum Kauf irgendwelcher Produkte animieren sollte, keine Ultras und keine Capos auf irgendwelchen Zäunen, keine Ganzkörperdurchsuchungen und keine pöbelnden und sich gegenseitig provozierenden Fangruppierungen. Nein, einfach nur zwei Fußballmannschaften an einem sonnigen Februarsonntag, die um Punkte kämpfen, eine schöne Frau zu meiner Linken und ein kühles Bierchen zu meiner Rechten und das wohlige Gefühl, dass der Sport noch lebt. Alles etwas kleiner als bei den großen Clubs, aber dafür friedlicher, fröhlicher und entspannter. Irgendwie war dieses „klein“ ein gefühltes neues „groß“, nachdem ich in den letzten Monaten vom Fußball so entnervt und gefrustet war, in dem es nur noch um Geld und Politik zu gehen schien. 
(mt)

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