KEHRWOCHE – Der Bundesliga-Newsletter zum 28. Spieltag

Jeden Donnerstag veröffentlichen wir an dieser Stelle den Teil aus der KEHRWOCHE, der sich auf den 1. FC Union Berlin und Hertha BSC bezieht. Kehrwoche ist ein kostenloser Bundesliga-Newsletter made by @KaesekopfDE, der einmal die Woche die News aller 18 Bundesligisten aus der Sicht von 18 Fans, Blogger:innen, Podcaster:innen zu ihren Vereinen wiedergibt – aus einer definitiv nicht von den Vereinspressestellen glattgebügelten Sichtweise. Für Union Berlin schreibt Plattsportler @EisernRalf und für Hertha @sogenannter, der sich auch Aktiv für @Hertha_Stadion @Herthakneipe einsetzt und vor allem bei @HBASE1892 zu hören ist.

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UNION BERLIN

Rückschau: Am Ostersonntag war es 18 Uhr in der Alten Försterei soweit: Die alte Dame aus Charlottenburg gastierte zum Rückspiel der aktuellen Bundesligasaison in Oberschöneweide. Hertha kam durch den durchaus überlegenen 3:0- Sieg gegen Bayer 04 mit breiter Brust in die Ate Försterei und bereit, die Köpenicker mit mindestens 0:2 abzufertigen und ein Feuerwerk an Fußballkunst abzufeuern – soweit zumindest der (wahrscheinliche) Plan der Blau-Weißen. Bereits mit Anpfiff des Spieles wurde deutlich, dass das Feuerwerk nicht von den Herthanern auf dem Platz kam, sondern vom Dach des Stadions. Fans zeigten zu Recht, dass Pyrotechnik kein Verbrechen ist und zu einem emotionalen Derby einfach dazugehört, aber leider mit einem kleinen Schönheitsfehler: die Lüftungsanlage eines darunterliegenden Biercontainers fing Feuer, was aber schnell gelöscht werden konnte. Scheinbar scheinen sich auch die Kommentatoren der privaten übertragenden Sender so sehr an die Ruhe in den Stadien gewöhnt zu haben – trotz der ständigen Beteuerungen, wie sehr die aktive Fanszene in den Stadien fehlt – das sie sich auf einmal komplett gestört fühlen, nur weil knappe 3 Minuten etwas Krach das weite Rund “störte”. Wie schlimm muss es dann für den Sky-Kommentator sein, wenn das Stadion mit 22.000 Fans wieder gefüllt ist: Körperverletzung fürs Ohr?

Nach dem dreiminütigen Feuerwerk auf dem Dach wurde auch auf dem Spielfeld zumindest ansatzweise ein kleineres Feuerwerk abgebrannt, aber auch da wieder hatte es die Farben rot-weiß. Die Köpenicker versuchten von Beginn an die Herthaner unter Druck zu setzen und konnten durch Robert Andrich mit einem schönen Schuss in der 10‘ aus knapp 20 Metern mit 1:0 in Führung gehen. Nach einer guten Viertelstunde kam auch die Hertha etwas besser ins Spiel und konnte mit einigen gute Aktionen für etwas Gefahr am Sechzehner der Köpenicker sorgen. Etwas Zählbares sprang dabei jedoch nicht heraus. Bis zur 35‘ als Guendouzi – der kurz vorher nach einem Foul an Grischa Prömel (dunkel)gelb gesehen hat – von Marvin Friedrich im Strafraum der Köpenicker am Fuß getroffen wurde und Schiri Stegemann auf den 11-Meter-Punkt zeigte. Den Strafstoß verwandelte Lukebakio für die Hertha sicher. Mit einem 1:1 ging‘s in die Kabine.

Die zweite Halbzeit fing wie die Erste an: Union versuchte mehr Druck aufzubauen, konnte aber die dicht gestaffelte Abwehr der Charlottenburger nicht überwinden. Hertha selbst stellte jegliche Offensive komplett ein. Kein Torschuss der alten Tante auf das Tor der Eisernen in Halbzeit 2. So standen sich am Ende 13 Torschüsse der Unioner und 4 Torschüssen der Herthaner gegenüber sowie ein Ballbesitz von 59 % für die Köpenicker. Dennoch endete das Spiel nur 1:1. „Pal Dardai hatte im Derby eine Mannschaft gesehen, die von Anfang an voll da war. Die den Gegner unter Druck setzte und zu Fehlern zwang. Die in den Zweikämpfen bissig war. Das Problem aus Sicht des Trainers von Hertha BSC: Diese Mannschaft war der 1. FC Union.“ Schreibt der Tagesspiegel treffend als Analyse zum Spiel. Die inoffizielle Stadtmeisterschaft für diese Saison geht an Hertha BSC, aber Union ist im 13. Heimspiel nacheinander ungeschlagen und Hertha muss nach wie vor die Abstiegsplätze klar im Blickfeld behalten.

News der Woche: Unions Nr. 5 Marvin Friedrich wird zwar aktuell noch von den Verantwortlichen der Nationalmannschaft mit Missachtung gestraft, steht aber aufgrund seiner herausragenden Leistungen auf dem Einkaufszettel einiger Klubs der BuLi. Wie Unions Geschäftsführer Sport bestätigt, hat Marvin Friedrich eine Ausstiegsklausel die ihm erlaubt, mit einer festgeschriebenen Ablösesumme den Verein zu verlassen. Ob er die zieht oder doch noch bleibt, steht wohl noch nicht fest. Wenn Union aber mit dem Abgang von Friedrich noch mitverdienen möchte, müsste er im Sommer die Klausel ziehen. Obwohl der Abgang von Friedrich noch im Dunstkreis der Gerüchte wabert, scheint Union bereits am Spielermarkt fündig geworden zu sein, um einen möglichen Abgang von Marvin Friedrich zu kompensieren. Wie einige polnische Sportmedien berichtet, bastelt Ruhnert bereits an einem möglichen Transfer von Tymoteusz Puchacz von Lech Posen. Der Linksverteidiger könnte der nächste Rekordtransfer der Köpenicker werden

Vorschau: Für den 1. FC Union Berlin kommen mit den nächsten Gegnern Mannschaften, in denen die Köpenicker schon von der Tabellenkonstellation her als Außenseiter den Platz betreten werden – ein Umstand, den die Köpenicker in der Zeit ihrer BuLi-Zugehörigkeit immer zu nutzen wussten. Am 10. April reisen die Unioner in die Münchner Arroganz-Arena, um 15.30 Uhr den Fußball-Club Bayern München e. V. herauszufordern. Von den bisher 3 Begegnungen konnten die Bayern zwar 2 gewinnen, ein Vergleich endete 1:1, aber so richtig überzeugen konnten die Bayern bei keinem der Spiele und das hatte einen Grund: die Kicker aus Köpenick standen ihren Gegenspielern meistens direkt auf dem Schlappen, ließen sie nicht ins schnelle Passspiel kommen und liefen mehr als der Gegner. Wenn sie es am kommenden Wochenende wieder so halten, könnten sie durchaus etwas zählbares aus München mitnehmen.  

HERTHA BSC

Rückschau: Auch wenn sich ein Derby ohne Fans noch unnatürlicher einfühlt, als ein normales Bundesliga-Spiel ohne Zuschauer, so muss man doch attestieren, dass dieses Spiel von besonderer Bedeutung für den Verein und seine Fans ist. Die Tatsache, dass Union zweifellos in den letzten Jahren im sportlichen Bereich gute Arbeit geleistet hat und tabellarisch dasteht, wo Hertha sich eigentlich sieht, macht den eigenen Abstiegskampf für viele Fans noch unerträglicher.

Trainer Pál Dárdai ging das Derby im erprobten 3-4-1-2 an, wobei kurzfristig Rune Jarstein, der sich bei einer der unsäglichen Länderspielreisen mit dem Coronavirus infizierte, sowie Innenverteidiger Marton Dardai ausfielen. Ersetzt wurden sie durch Schwolow und Torunarigha.

Das Derby begann für die blau-weißen horrormäßig. Union ließ Hertha wie eine Schulmannschaft aussehen und das Positivste nach den ersten 15 Minuten war, dass es nur 0:1 stand. Hertha kämpfte sich fortan ins Spiel und konnte sich bei den Unionern bedanken, die unerklärlicherweise plötzlich komplett passiv agierten. Durch einen Elfmeter von Dodi Lukebakio konnte Hertha dann ausgleichen, doch der erhoffte Schwung blieb aus. Das Derby plätscherte vor sich hin und Pál Dárdai erkannte relativ früh, dass hier heute nichts zu holen sei. Er brachte mit Santiago Ascacibar früh einen weiteren Sechser, nahm später auch noch Sami Khedira rein und machte so das Zentrum dicht. Union fiel nicht mehr viel ein, Hertha noch viel weniger und so muss man im Endeffekt froh sein, dass man mit so einer schlechten Tagesform trotzdem einen wichtigen Punkt im Abstiegskampf holt und sich nicht dem Rivalen aus Köpenick geschlagen geben muss.

News der Woche: Die Nachwehen des Derbys waren relativ schnell verdaut. Das Spiel gab nicht viel her und auch das Drumherum reichte nicht für echte Aufreger, auch wenn es natürlich einen kleinen Schmunzler wert war, dass man sich in Köpenick beim Pyro zünden den eigenen Kiosk ankokelt. Dass man bei Union von nichts weiß, ist nicht verwunderlich, für einen Skandal reicht es aber ebenso wenig wie Ascacibars „Arschloch-Eklat“.

Problematischer waren da schon die Äußerungen des Berliner Torwarttrainers, die am Montag die Runde machten. Einer ungarischen Zeitung gegenüber äußerte Herthas Zsolt Petry, dass er wenig Verständnis dafür habe, dass Leipzigs Peter Gulasci öffentlich seine sozialpolitische Meinung äußere und sich für die Rechte von Homo- und Transsexuellen Menschen einsetze. Warum Petry seinen eigenen Rat, sich zu diesen Themen nicht zu äußern, selbst nicht beherzigte, bleibt vermutlich sein Geheimnis. So beließ er es nicht bei Ratschlägen in Richtung Peter Gulasci, sondern beklagte auch noch den „moralischen Niedergang des christlichen Europas“, welches ausgelöst sei durch die Einwanderungspolitik, welche ein „Überschwemmen Europas durch sehr viele Kriminelle“ ermögliche. Wenn man sowas äußere, werde man natürlich gleich in die rechte Ecke gestellt.

Nun muss man sich als liberaler Mensch, mit anderen Ansichten zu diesem Thema, nicht der Illusion hingeben, dass man diese Meinungen einfach loswird, wenn man Menschen, die solche Thesen vertreten, dafür abstraft. In Ungarn, wo Petrys Meinung sicher nicht nur von einer kleinen Minderheit geteilt wird, wird man sich auf Grund der massiven negativen Reaktionen auf Petrys Interview gestärkt darin fühlen, dass es in Deutschland und bei diesen „linksgrünversifften“ nicht weit her sei, mit der Meinungsfreiheit. Und so wichtig es sein mag, sich nicht in seiner heilen Bubble zu verschließen und jegliche andere Meinung als abstoßend und diskussionsunwürdig zu bewerten, so klar ist halt auch, dass Hertha hier keine andere Reaktion blieb, als Zsolt Petry freizustellen.

Das Recht, seine Meinung frei zu äußern, ist nicht gleichbedeutend damit, dass jede Äußerung ohne Konsequenzen bleibt. Zsolt Petry ist Angestellter bei einem Verein, der sich seit Jahren glaubhaft Themen wie Vielfalt und Diversität auf die Fahne schreibt. So bunt wie Berlin. Ein nicht autorisiertes Interview zu führen, in welchem Aussagen getätigt werden, die diese Werte mit Füßen treten – da reicht es nicht zu sagen, dass man das nicht gut findet, aber auch das zur Vielfalt gehört. Ja, man muss sich mit Intoleranz auseinandersetzen und zwar idealerweise bevor Meinungen derart festgefahren sind, wie es bei Zsolt Petry der Fall zu sein scheint. Aber Toleranz beinhaltet nicht, dass jede Intoleranz akzeptiert werden muss. Welches Zeichen hätte man damit an die Spieler und Jugendspieler, an die Mitarbeiter und Fans gesetzt, die selbst einen Migrationshintergrund haben, selbst aus Kriegen nach Deutschland und Berlin geflohen sind, sich selbst als Homo- oder Transsexuell definieren oder diesen Schritt noch nicht gegangen sind, weil Meinungen wie Zsolt Petrys akzeptiert werden und „Ihr könnt auf uns zählen“ doch nur ein Lippenbekenntnis war?

Hertha entschied sich, dass man die eigenen Werte lebt. Ein Lackmus-Test für den Verein und sein Umfeld. Und wieder zeigt sich: Der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Vorschau: Nach dem enttäuschenden Derby weiß bei Hertha wohl nicht einmal Pál Dárdai, wo man aktuell steht. Zumeist solide Leistungen werden immer mal durch nicht erklärbare Auftritte, wie der der zweiten Halbzeit in Stuttgart oder in Dortmund sowie dem gehemmten Derby-Auftritt, garniert. Mit Borussia Mönchengladbach kommt nun eine Mannschaft ins Berliner Olympiastadion, welche in Folge des bevorstehenden Rose-Abgangs eine lange Negativserie hingelegt hat, diese aber nun durch Siege gegen Schalke und Freiburg vorerst beenden konnte. Da aber Siege gegen Schalke selbst beim Weglassen aller Häme momentan ohne große Aussagekraft sind und der Sieg gegen Freiburg auch nicht zwingend souverän war, ist noch unklar, ob Gladbach hier wirklich wieder zu sich selbst gefunden hat und noch in der Lage ist, die Europa League Plätze anzugreifen. Hertha hingegen dürfte ein Gegner, der an sich offensiv denkt und Punkte benötigt, im Kopf aber nicht ganz frei ist, deutlich besser liegen, als ein Gegner wie Union. Ob man an eine Leistung wie gegen Leverkusen, welche unter ähnlichen Vorzeichen zu Stande kam, ist zwar fraglich, aber angesichts der Umstände ist in diesem schwer vorherzusagenden Spiel Gladbach zumindest nicht der klare Favorit.

 

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