JETZT HABEN WIR DIE BRAUSE

Nun ist es passiert. Der Leipziger Club, der im Mai vor 10 Jahren erfunden wurde, hat es tatsächlich erstmals ins DFB-Pokalfinale geschafft. Am gestrigen Dienstag wurde im Hamburger Volksparkstadion der HSV mit 3:1 besiegt und die Mannen um Ralf Rangnick erwarten am 25. Mai im Berliner Olympiastadion den Sieger des heutigen Halbfinals Werder Bremen gegen Bayern München. Halb Fußballdeutschland musste gestern ganz tief Luft holen als der Leipziger Sieg besiegelt war.

Es scheint zumindest so, dass 50% der deutschen Fußballfans in der Leipziger Mannschaft das vollendete Böse sehen. Den Dolchstoß für eine Epoche, in der zwar meistens der reichste Verein gewann (FC Bayern), aber die Ligenzusammenstellung das Ergebnis eines fairen Wettbewerbs war. Gut, es gibt seit Dekaden Betriebssportmannschaften mit Aspirin plus C und Golf Turbo, aber irgendwie existierten diese Teams seit Jahren wie Familienmitglieder, die man gottlob nur einmal im Jahr zuhause haben musste und froh war, wenn sie wieder weg sind. Seit mehr als 10 Jahren tümmeln sich die Sinsheimer Hoppboys in der Bundesliga, die auch arg subventioniert in die Beletage empor stiegen. Aber selbst dort kann man mit viel Wohlwollen sagen, dass es den Verein seit 1899 gibt. Sprich: ein Jahr länger als den ruhmreichen FC Bayern und 10 Jahre länger als Borussia Dortmund. Dass diese Clubs Wettbewerbsvorteile genießen, sei geschenkt. Die Geschichte der Bundesliga ist nicht arm an Vereinen, die zu Ihrer Zeit dank finanzstarker Mäzene und Liebhaber entweder an der Bundesliga teilnehmen (Wattenscheid 09) oder diese gar gewinnen konnten (1. FC Köln 1964). Diese Ausreißer hat es also schon immer gegeben und wird es auch weiter geben.

Das Problem mit der Leipziger Bundesligamannschaft beginnt mit der Idee des Bullenbrausenmeisters, viel früher als sächsische Fußballfreunde den Namen “Rasenballsport” überhaupt buchstabieren mussten. Zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte der Salzburger Club SV Austria mit derben Problemen zu kämpfen. Resultierend aus einer desaströsen Finanzpolitik und dem Umstand, ein zu großes Stadion zu haben, das die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz hervorbrachte, dümpelte Austria im Niemandsland der ersten österreichischen Bundesliga herum und drohte kläglich abzustürzen. Um die Leidensgeschichte des SVA abzukürzen: 2005 übernahm die Red Bull GmbH 100% der Anteile des Vereins und drehte ihn komplett auf links. Gänzlich neu konstituiert, nannte sich der neue Verein “FC Red Bull Salzburg” und tilgte Vereinswappen und -farben der Austria.

Das Ende der Geschichte: die Austria-Fans waren gezwungen sich einen neuen Verein zu suchen und gründeten ihn gleich neu. Seit dem Turnaround dominiert der FC RB Salzburg die österreichische Liga nach Belieben und sicherte sich 9 der letzten 14 Meisterschaften. Wie das Schicksal so will, muss der Club jedoch alljährlich mit dem Fluch leben, nie die Qualifikation zur Champions League erfolgreich zu gestalten. Bereits elfmal in Folge war an der Einlasstür zur europäischen Eliteklasse Endstation. Unvergessen die Blamage 2012, als man an der luxemburgischen Mannschaft vom F91 Düdelingen scheiterte.

Zurück nach Deutschland. Hier versuchte Red Bull schon bald ebenfalls auf den Fußballmarkt zu drängen. Versuche 1860 München, den FC St. Pauli oder Fortuna Düsseldorf zu übernehmen liefen ins Leere. Weiter gediegen waren dann schon die Verhandlungen mit dem sächsischen Viertligisten FC Sachsen Leipzig. Wohl das Zentralstadion im Auge, präferierte die Red Bull GmbH diesen Standort. Sachsen Leipzig stand vor dem finanziellen Kollaps, aber dennoch konnte dieser Deal nicht über die Bühne gehen. Zum einen war der Fanprotest zu groß und zum anderen erlaubte der DFB seinerzeit nicht die feindliche Übernahme, weil die Statuten verboten, dass ein Club seinen Sponsornamen im Logo und Vereinsnamen trägt.

Also begab sich eine österreichische Delegation ins Leipziger Hinterland und fand mit dem SSV Markranstädt einen willigen Verein, der sich gegen Geld das Startrecht für die damals fünftklassige Oberliga abkaufen ließ. Hierzu wurde eigens der Verein RB Leipzig gegründet. Um auf die Initialen des Energiedrinks hinzuweisen, erfand die Leipziger Marketingabteilung das krude Wortmonster “Rasenballsport” und war damit beim nordostdeutschen Fußballverband NOFV vorstellig geworden. Für den NOFV ergaben sich keine weiteren Probleme und der neu erfundene Verein konnte in der fünften Liga den Spielbetrieb aufnehmen.

Der RBL war in den Jahren, in denen er in den Amateurklassen kicken musste, einer nie da gewesenen Gewalt und Aggression der gegnerischen Fans ausgesetzt. Von Sabotage der Leipziger Spielstätte bis hin zu wüsten Beschimpfungen der Spieler war das ganze Potenzial an Hass aufgeboten worden. Zu klar war vielen Anhängern der anderen Clubs, dass mit diesem Verein, der von Beginn an keine Mitbestimmung an einem Vereinsleben für Fans zu ließ und ausschließlich Red Bull-Angestellte zu Mitgliedern machte, ausschließlich kommerzielle und nicht primär sportliche Ziele erreicht werden sollten. Für die Werbung der Brause diente der sportliche Erfolg nur als Mittel zum Zweck.

Mit einigem Anlauf gelang den Rasenballsportlern 2013, nur vier Jahre nach seiner Gründung, der Aufstieg in den Profifußball, als man in zwei Relegationsspielen die Sportfreunde aus Lotte eliminierte. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte man mit Transfergeldern und Gehaltszahlungen gestandene Fußballprofis, für die Leipzig noch mal einen goldenen Herbst bedeutete, engagieren, von denen die anderen Ober- und Regionalligisten nur träumen konnten. Für die neue Saison in der dritthöchsten deutschen Liga wurde dann noch einmal mehr Geld in die Hand genommen, um Spieler wie Joshua Kimmich oder Yussuf Poulsen zu einem Wechsel zu bewegen. Längst schon spielte man im riesigen Leipziger Zentralstadion und lockte immer mehr Zuschauer an, die sich seit der Wiedervereinigung vom Westen abgehangen und ausgenommen gefühlt haben und die einfach nur froh waren, dass in der Heimat des Deutschen Fußballbundes endlich wieder die große weite Welt des Fußballs ein- und auskehren würde.

Schaut man mal in den Vorstellungthread des RBL auf transfermarkt.de, erhält man auch derlei Begründungen, warum man sich Fan des Clubs nennt. Da ist von der Sehnsucht nach dem großen Fußball die Rede, aber auch ganz unverhohlen von der Abneigung gegenüber Tranditionsvereinen, die sich nach dem RBL-Sprech doch selbst in ihre Lage gebracht haben.  Andere finden es gut, dass der Club mit viel Geld ausgestattet ist und so fehlt auch nicht der Querverweis zum Konkurrenten im Geiste, wenn die eigene Großartigkeit damit begründet wird, dass die TSG Hoffenheim doch ein Dorfverein sei, der keine echte Fanbasis aufbauen kann.

Nun schreiben wir das Jahr 2019 und die Leipziger Dependance des Brausenproduzenten spielt nun im dritten Jahr in der ersten Bundesliga. Hinter uns liegen absurde Änderungen des Vereinslogos, um den Kriterien der Deutschen Fußballliga DFL zu genügen, die dermaßen minimal sind, dass man sich schon sehr über die Dreistigkeit der Clubführung wundern und ärgern darf.

Diskutiert man mit anderen Fußballfans der verschiedensten Lager, treten inzwischen Resignation und Begeisterung über das Projekt hervor. Der anfängliche Boykott und Protest flacht immer mehr ab und viele Leute erfreuen sich am dynamischen und offensiven Fußball aus Leipzig und sagen: Hauptsache guter Sport! Der stete Tropfen höhlt den Stein und insofern scheint der steirische Konzernboss äußerst erfolgreich. Jedoch bleibt die Frage: Wohin soll das alles nur führen? Kann zukünftig jeder Milliardär irgendwo seinen Club eröffnen und neben Bayern München und Borussia Dortmund spielen nur noch Konzerne? Disney Ulm gegen Pepsi Flensburg? Gasprom Minden gegen Nestlé Koblenz? Scheinbar finden sich zu jeder erfolgreichen Geschäftsidee willige und fußballhungrige Menschen, die sich erfundene Vereinsfarben und -logos um den Hals hängen und eine Marke bejubeln, die weder mit der Region verwurzelt ist, noch gesichert ist, dass der Clubinhaber nicht vielleicht doch eines Tages die Lust an seiner Fußballfabrik verliert und mit Sack und Pack in eine andere Stadt umzieht?

Für den Moment bleibt nur der fade Beigeschmack über die ganze Geschichte und das Bild vom Sportdirektor Ralf Rangnick im Gedächtnis, wie er letzte Saison zum Halbzeitpfiff beim Pokalspiel gegen die Bayern den Rasen bestürmt, um dem Schiedsrichter live auf dem Platz auf seinem Handy dessen Fehlentscheidung zu zeigen. Mit aller Macht und in der Grauzone der Legalität wirkend in die Spitze des Fußballs drängen. Genau dort, wo die UEFA die meisten Startgelder ausschüttet und gefühlt jeder Großclub sein Sehnsuchtsziel sieht. Jetzt in diesen Zeiten, in denen sich die Schere zwischen arm und reich immer mehr öffnet, ist RBL ein weiterer potenter Player, der in diesem Rat Race teilnehmen möchte und für den ein DFB-Pokalsieg nicht diese emotionale Erlösung bedeuten würde wie etwa letztes Jahr, als Eintracht Frankfurt seine 30-jährige Titeldurststrecke beenden konnte. Sicherlich, dem ostdeutschen Fußballfreund, der sich seit 1990 abgehangen fühlt, empfindet bei den RB-Erfolgen ein Gefühl der Genugtuung, aber wäre es nicht schöner, wenn es eher ein Verein wie Dynamo Dresden, Hansa Rostock oder etwa Carl Zeiss Jena schaffen würde, einen nationalen Titel zu gewinnen, den man dann bejubeln könnte?

(mt)

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