INTERVIEW STEFFEN BAUMGART „WIR KONNTEN NUR GEWINNEN“

Wenn der SC Paderborn kein Fußballverein, sondern ein technisches Gerät wäre, müsste man davon ausgehen, dass er ein Paternoster sei. Seit 2014 hieß es zum Saisonende in folgender Reihenfolge: Aufstieg, Abstieg, Abstieg, Abstieg, Aufstieg, Aufstieg. Seit zwei Jahren ist Steffen Baumgart Trainer dieses fußballerischen Umlaufaufzugs und hat das fast Unmögliche geschafft. Nur zwei Jahre nach dem eigentlichen Abstieg in die Regionalliga stieg diesen Sommer der Club aus Ostwestfalen in die erste Bundesliga auf und der Denker und Lenker dieser fantastischen Reise nahm sich nun Zeit um, mit PLATTSPORT zu sprechen.

Text: Martin Tetzlaff / Foto: SC Paderborn 

Steffen Baumgart, man übertreibt wohl nicht, wenn man die abgelaufende Zweitligasaison als die unfassbarste Saison Ihrer Trainerkarriere bezeichnet. Wie sind Ihre Gefühle jetzt nach ein paar Tagen Abstand? Ist es mehr noch die große Eurphorie oder schon die Konzentration auf die neue Spielzeit?
Keins von beiden. Ich muss das Ganze erst einmal sacken lassen. Es ist etwas Besonderes, was wir gemeinsam in Paderborn erreicht haben. Dieser Erfolg wird immer einen großen Stellenwert in meiner Karriere haben.

Als Sie Mitte April 2017 den Cheftrainerposten nach einer 0:4-Klatsche in Aalen übernahmen, schienen die Lichter in Paderborn auszugehen. Was haben Sie sofort unternommen, dass damals aus 5 Spielen immer noch 11 Punkte werden konnten?
Wir haben uns zusammen gegen den drohenden Abstieg gestemmt. Die Jungs haben von Beginn Vertrauen zu mir entwickelt und sind an ihre Grenzen gegangen. Ein Beispiel war das Spiel bei Fortuna Köln: Dort haben wir in Unterzahl in der Nachspielzeit das Siegtor geschossen, ein solcher Erfolg wäre einige Wochen früher nicht möglich gewesen. Aber es gehörte auch das nötige Glück dazu.

Am Ende standen Sie dann dennoch nach 38 Spieltagen als Absteiger fest und begannen mit der Planung für die Regionalliga. Wo haben Sie dann erfahren, dass 1860 München in die Regionalliga Bayern durchgereicht wird und Paderborn damit dem Abstieg entronnen war und was waren Ihre ersten Gedanken?
Die Option 3. Liga stand ja immer im Raum, da mehrere Vereine Probleme mit der Lizenz hatten. Wir haben uns deshalb auf beide Möglichkeiten vorbereitet. Als der Klassenerhalt perfekt war, hatten plötzlich wieder viel mehr Spieler laufende Verträge.

Die Saison 17/18 war dann ein Husarenritt des SCP, den Sie so doch nicht erwarten konnten, oder?
Wir wollten dem SCP07 ein neues Gesicht geben, einen anderen Fußball spielen. Mit einer neuen Spielidee offensiv und mutig auftreten. Das 4:4 im ersten Spiel in Halle hat die Richtung schon angedeutet, schließlich ist unser Vorhaben aufgegangen.

Der Kader dieser Drittligasaison war ja im Prinzip runderneuert. Worauf lag damals das Hauptaugenmerk bei der Kaderzusammenstellung? Immerhin wollten Sie die erneute Gefahr eines Abstiegskampfes verhindern.
Wir haben gezielt junge Spieler geholt, die zu unserer Spielidee passen und sich weiterentwickeln wollen. Entscheidend für eine Verpflichtung war die volle Überzeugung, denn unser Spiel ist von hoher Intensität geprägt. Es ging und geht nach wie vor um Spieler, die mit viel Leidenschaft den nächsten Schritt machen wollen.

Am Schluss der vergangenen Saison stand dann, wie erwähnt, der sensationelle Aufstieg in die zweite Liga mit beeindruckenden 83 Punkten. Was waren Ihre Aussichten vor Saisonbeginn?
Auch in der neuen Spielklasse wollten wir unsere Spielidee durchsetzen und damit möglichst gut abschneiden. Mir war klar, dass wir viel Qualität im Kader haben, auch wenn die großen Namen fehlten.

Nach Ende der Hinrunde standen Sie mit Platz 9 im gesicherten Mittelfeld und “überwinterten” dann sogar auf dem siebten Rang. Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt eine Ahnung, wohin die Reise gehen würde?
Nein, das konnte niemand genau sagen. Aber schon bei früheren Stationen als Trainer hatte ich mit meinen Mannschaften eine bessere Rückrunde gespielt und mehr Punkte geholt als in der Hinrunde. Auch in Paderborn war das System besser eingespielt, was man beispielsweise an der Anzahl der Gegentore ablesen kann.

Für uns ist der Knackpunkt in der Paderborner Saison das Auswärtsspiel beim 1. FC Union. Ausgerechnet in Ihrer alten ehemaligen Heimat konnten Sie dominant das Spiel gestalten und nahmen die Punkte mit nach Ostwestfalen. Wie haben Sie an diesem Tag die Stimmung im Stadion und das Spiel wahrgenommen?
Natürlich war dieses Spiel etwas Besonderes für mich. Ähnlich wie in der Vorsaison die Partie in Rostock, die wir in der Schlussphase gedreht hatten. Es war sehr schön zu sehen, wie souverän wir den angestrebten Sieg geholt haben. Das war ein sehr guter Auftritt der ganzen Mannschaft.

Den Rest der Spielzeit war der SC Paderborn wie ein unaufhaltsamer Zug. Während alle anderen Clubs ein Schneckenrennen um den Aufstieg veranstalteten, ging dem SCP bis auf die Niederlage in Bielefeld nicht mehr die Luft aus. Beschreiben Sie doch bitte die Atmosphäre in der Kabine während dieser Wochen?
Ein Mix aus Anspannung und Lockerheit, darauf haben wir großen Wert gelegt. Allen war klar, dass wir einen großen Schritt machen können. Entscheidend war, dass wir immer bei uns geblieben sind und uns nicht von außen beeinflussen ließen. Und wir hatten einen großen Vorteil gegenüber anderen Teams: Wir konnten nur gewinnen!

Ausgerechnet am letzten Spieltag patzte Paderborn und stieg dennoch verdient auf, weil Union kein drittes Tor erzielen konnte. Wie oft ging in den letzten Sekunden der Spielzeit zwischen Bochum und Union von Steffen Baumgart ein Stoßgebot gen Himmel?
Es war ärgerlich, dass wir ausgerechnet in Dresden nicht das beste Spiel gezeigt haben. Leider hatten wir es dadurch nicht in der eigenen Hand. Aber am Ende hat es gereicht, und wir sind verdient aufgestiegen.

Nun erwartet Sie die erste Saison als Bundesliga-Trainer. Wird Paderborn seinem aktuellen Kader grundsätzlich vertrauen oder kommt der nächste personelle Umbruch?
Bislang gab es in meiner Zeit noch keinen Umbruch, und den wird es auch jetzt nicht geben. Wir werden unserer Philosophie treu bleiben und Spieler holen, die sich weiterentwickeln wollen. Fähigkeiten sind dabei wichtiger als Namen.

Mit dem SCP hat es einer der sogenannten kleinen Vereine in die Bundesliga geschafft. In der großen Fußballwelt sind solche “Wunder” immer seltener und viele freut es, dass es ein Club wie Ihrer am Ende geschafft hat und nicht der Riese HSV.  Wie bewerten Sie diese Leistung für ganz Fußballdeutschland?
Wir haben nicht auf die anderen Clubs geschaut, sondern uns voll auf uns konzentriert. Und wir wissen auch: Trotz dieser außergewöhnlichen Leistung werden wir ein vermeintlich kleiner Verein bleiben. Aber wir sind überzeugt davon, dass wir mit unserer Spielidee auch in der Bundesliga bestehen können.

Zu guter Letzt ein kurzer Blick in die Glaskugel. Wie verläuft die kommende Saison 19/20?
Es wird darum gehen, dass wir unseren Fußball mutig weiterspielen. Ich erwarte eine sehr interessante Saison. Unser Ziel ist ganz klar: Wir wollen in der Bundesliga bleiben!

Steffen Baumgart, vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit für uns genommen haben!

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