INTERVIEW MARTIN POLOMKA (HSC HANNOVER) “DER ZULAUF IST ÜBERWÄLTIGEND”

Fernab der allgemeinen Sportberichterstattung in den großen Medien hat in Hannover ein modernes Fußballmärchen stattgefunden. Der HSC Hannover ist in kürzest möglicher Zeit von der Landesliga bis in die vierthöchste Klasse, der Regionalliga, aufgestiegen. Architekt dieses Wunders ist Martin Polomka, der mit dem HSC eine fast einzigartige Philosophie verfolgt. Oder ist es vielleicht gar kein Wunder, sondern das Ergebnis von Fleiß und Akribie?

Wir haben Martin Polomka zum Gespräch getroffen und einen Überzeugungstäter mit Herz und Verstand erlebt.

Text: Stephan Gerteis / Foto: Martin Polomka

Martin Polomka, erstmal herzlichen Glückwunsch an Ihr Team und an Sie persönlich zum sensationellen Aufstieg in die Regionalliga Nord. Wie fühlen Sie sich, nachdem Sie Historisches beim HSC Hannover erreicht haben, indem Sie den HSC von der Landesliga direkt in die Regionalliga geführt haben?

Es ist natürlich für uns alle etwas ganz Besonderes und in der Form sicherlich auch etwas Einzigartiges. Wir haben im Verein etwas Forschung betrieben und konnten in der Historie kein vergleichbares Ereignis finden. Solch eine Situation ist kaum planbar, es müssen viele Faktoren, wie z.B. die Kaderzusammenstellung oder die Vereinsstrukturen funktionieren. Dieses wird meine zehnte Saison als Trainer und obwohl ich in den 10 Jahren alle 8 Amateurligen in Deutschland (beginnend in der 3. Kreisklasse) trainiert habe, kann ich behaupten, dass der Aufstieg in die Regionalliga der größte sportliche Erfolg meiner bisherigen Trainerkarriere ist.

Welche zusätzlichen organisatorischen Anforderungen muss der HSC Hannover nun in der Regionalliga erfüllen?

Da Sportmanager Frank Kittel und ich eher für den sportlichen Bereich verantwortlich sind, kann ich zum organisatorischen Ablauf nur wenig sagen. Uns ist allen bewusst, dass die Anforderungen und die notwendigen Änderungen gewaltig sind, aber der Verein ist gut aufgestellt. Ich stehe regelmäßig im Austausch mit unserem Vereinsvorstand und habe mir vor kurzem einen Überblick der Lage verschafft. Es ist immens, was im Hintergrund alles passiert, um die Voraussetzungen für die Regionalliga umzusetzen. Wir Fußballer freuen uns über die geschaffenen Rahmenbedingungen und wissen es zu schätzen, was es für den Verein für einen Aufwand bedeutet, dieses umzusetzen. Es ist nachvollziehbar, dass einige Vereine an der großen Herausforderung scheitern. Der Verein hat nicht vor wirtschaftlichen Harakiri zu betreiben und wird das ganze Projekt bodenständig betrachten und mit seriösen Mitteln arbeiten.

Die letztjährigen Aufsteiger wie der VFL Oldenburg und auch Lupo Martini Wolfsburg haben es in der Liga sehr schwer gehabt. Wie schätzen Sie die Chancen Ihres Teams auf den Klassenerhalt ein?

Da die Spanne zwischen den Profiteams und den Amateuren sehr hoch ist, sind die Chancen für einen Aufsteiger leider gering. Man ist auf viele gute Ideen und wenig Verletzungssorgen angewiesen.

Wir persönlich haben uns noch dazu zum Ziel gesetzt, ausschließlich mit Hannoveraner Spieler anzutreten, wodurch wir uns natürlich in der Vielfalt etwas eingeschränkt haben. Der Verein hat die Philosophie -Wir für Hannover- entwickelt und jeder von uns steht hinter diesem Motto. Hinter –Wir für Hannover- steckt, dass unser Team zu 100% aus Hannoveranern besteht. Das hat es in dieser Form seit Jahren nicht mehr gegeben. Damit sind wir sehr authentisch und ich freue mich über das Interesse und den Zuspruch, den wir erhalten. Wir lagen in der Oberliga bereits bei einem Zuschauerschnitt von über 500 und rechnen in der aktuellen Saison mit etwa 1000 Zuschauern pro Heimspiel.

Der HSC Hannover ist ein sehr großer Verein in Hannover. Erzählen Sie uns bitte mehr über den Verein und wie Sie als Trainer zum HSC gekommen sind?

Der HSC ist einer der drei größten Vereine der Stadt und liegt ca. 10 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Wir sind also ein richtiger Stadtverein. Aktuell haben wir in unterschiedlichen Sparten insgesamt 2000 Mitglieder. Alleine die Fußballsparte hat 32 aktive Mannschaften. Der Verein galt jahrelang als Breitensportverein und hatte schon immer einen guten Ruf. Schon vor meiner Zeit hatte der Verein länger die Idee, dass man einen Mix aus Breiten- und Leistungssport bewerkstelligen könnte. Daher wurden über mehrere Jahre hinweg schon die Strukturen dafür geschaffen.

Vor meiner Zeit beim HSC, war ich 4 Jahre Trainer beim FC Stern Misburg und hatte dort eine wirklich tolle Zeit. Wir haben in der Region rund um Misburg vieles bewegt und es kamen mehrere Vereine auf mich zu, weil Ihr Interesse an meiner Tätigkeit als Trainer geweckt wurde. Für mich war der HSC im Stadtgebiet schon immer ein schlafender Riese und als ich das Angebot bekam, musste ich nicht lange überlegen.

Wie würden Sie Ihre Spielweise beschreiben? Haben Sie Vorbilder im Trainerbereich, die Ihre Art Fußball zu spielen geprägt haben?

Da ich ungerne hinterherlaufe, möchte ich ganz klar den Ballbesitz haben. Ein klares Vorbild habe ich nicht, es gibt so viele große Trainer, von denen man sich immer wieder Ideen und Anregungen holen kann. Das A und O ist es, die nötige Weitsicht für die Dinge zu haben.

Sie erwähnten bereits, dass die Neuzugänge für Ihre Mannschaft am liebsten aus dem Raum Hannover kommen sollten. Wie stark ist der Fußballkreis Hannover einzuschätzen und glauben Sie, dass man in diesem Umkreis interessante Spieler für die Aufgabe Regionalliga finden kann?

Sie sollen nicht am liebsten aus Hannover kommen, sie müssen aus Hannover kommen (Lacht.). Ich bin der festen Überzeugung, dass die Region Hannover viele gute Fußballer bereithält, um jedes Jahr einen Hendrik Weydandt (Senkrechtstarter letzte Saison bei Hannover 96 – die Red.) entdecken zu können. Auf jeden Fall kriegt man 25 Hannoveraner zusammen, die die Regionalliga halten können und genau das möchten wir versuchen. Das Interesse und der Zulauf ist überwältigend. Wir haben nach drei Tagen 128 Bewerbungen von Spielern bekommen, damit mussten wir selbst erstmal umgehen. Unser ambitionierter Anspruch ist es, alles was aus der Region kommt und nicht bei 96 Profi geworden ist, muss beim HSC spielen.

Inzwischen ist es Ihnen gelungen gemeinsam mit Frank Kittel einige spannende Neuzugänge aus dem Hannoveraner Raum an Land zu ziehen. Woher kommt dieses Wissen über die Spieler aus dem Raum Hannover und wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Frank Kittel ab?

Frank Kittel und ich haben ein gutes Verhältnis, wir stimmen alles rund um die Mannschaft gemeinsam ab und vertrauen uns gegenseitig. Frank Kittel war über 10 Jahre DFB-Stützpunkttrainer und kennt daher praktisch jeden Jugendspieler. Hinzu kommt, dass unser Trainerteam mit dem Scouting bereits in der Kreisliga beginnt. Zusätzlich haben wir Kooperationen mit anderen Vereinen geschlossen, die uns alle wichtigen Informationen über ihre Spielklassen zukommen lassen. Wenn wir die Informationen bekommen, dass z.B. ein Spieler in der Bezirksliga besonders hervor sticht, machen unsere Scouts sich ein eigenes Bild und wenn auch dieses positiv ist, betrachten wir Trainer die Leistung des Spielers. Es ist ein mühsamer und intensiver Weg, aber die Trefferquote wird dadurch deutlich erhöht. Wir konnten so Spieler wie Ladji Doumbia aus der 1. Kreisklasse, Igor Antunovic aus der Kreisliga oder Christopher Schultz aus der Bezirksliga für uns gewinnen. Außerdem ist zu erwähnen, dass Talente wie Fabian Weigel, Timo Armberg und Björn Liebnau (der jetzt beim FC Schalke 04 spielt) alle aus unserer eigenen U19 kommen und nie in einem NLZ gespielt haben.

Als Schalke-Fan freue ich mich sehr, dass sich mit Sascha Algermissen ein ehemaliger Schalker in Ihrem Kader befindet. Ich war damals von seinem Spiel in seiner Schalker Zeit sehr beeindruckt. Trauen Sie Sascha Algermissen den erneuten Sprung zu einem Profiverein zu?

Profiverein bedeutet ab 3. Liga und das traue ich ihm ganz klar zu. Er hat sich in der letzten Saison gut entwickelt und ist deutlich reifer geworden. Das “Gesamtpaket Algermissen“ hat an Qualität zugelegt.

Zum Abschluss wünschen wir Ihnen und dem Verein alles Gute für diese und hoffentlich noch viele weitere Saisons in der Regionalliga Nord.

Vielen dank und euch weiterhin viele tolle Themen.

Martin Polomka, vielen Dank für das Gespräch.

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