Ich einfach unverbesserlich

Fabian Kukovicic ist der Mann hinter dem Schalke-Fanpodcast „Knappencast“. In seinem Gastkommentar nimmt er Stellung zur aktuellen Situation in Gelsenkirchen. Er ist wütend, denn sportlich, wirtschaftlich und strukturell steht der Traditionsverein FC Schalke 04 gerade Kopf.

FC Gelsenkirchen-Schalke 04 e.V.… Dieser Name ist im Vergleich zu anderen Erstligisten schon etwas außergewöhnlich. Nicht nur, dass hier streng genommen nur ein Ortsteil einer Großstadt den Verein repräsentiert, auch die Vereinsform ist heutzutage mehr Ausnahme als Regel. Mit dem SC Freiburg, Mainz 05, Fortuna Düsseldorf und Union Berlin zählt Schalke 04 zu den restlichen überlebenden e.V. der Bundesliga.

Und genauso speziell wie der Vereinsname ist der Verein selbst. Als mein Onkel mir vor fast 20 Jahren den Schalke-Schnuller in den Mund steckte wusste er noch nicht, was er damit bewirken sollte. Mein Leben ist ohne diesen Verein nicht mehr denkbar, viel zu viele Emotionen, Zeit und auch Geld habe ich bereits reingesteckt. Oftmals habe ich mich aufgeregt, nahezu jedes Spiel muss ich vom Sofa springen oder im Stadion den pöbelnden Rentnern Konkurrenz machen. Ich habe Höhen und Tiefen miterlebt, sei es Champions-League Halbfinale und Pokalsieg, oder Fast-Abstieg und peinliche Klatschen.

„Tausend Trainer schon verschlissen. Spieler kommen, Spieler gehen. Doch was stehts bleibt sind wir Schalker, die immer treu zur Mannschaft stehen.“


Dieser Auszug aus dem Song der Lokalmatadore ist schon oftmals in Kneipen oder von der Kurve im Stadion gesungen worden. Und er passt zu Schalke wie die Faust aufs Auge. Während nahezu jährlich der Trainer und der halbe Kader ausgetauscht wird, sind mittlerweile die Fans die einzige Konstante dieses Vereins. Kaum ein Verein kann solche sportlichen Kontraste bieten. Entweder wir Schalker schweben im siebten Himmel und haben nichts zu meckern oder, wie man im Pott sagen würde, alles ist scheiße.

Aktuell trifft eher letzteres zu. Mittlerweile steht man mit 10 Spielen ohne Sieg da und einem Torverhältnis von 3:24. Keiner hat eigentlich wieder Lust auf einen Trainerwechsel, insbesondere weil David Wagner in der Hinrunde eindrucksvoll bewiesen hat, dass er ein guter Coach sein kann. Aber aktuell scheint er, genau wie ein Großteil der Fans, ratlos und auch hoffnungslos. Wir Schalker haben schon viel Negatives erlebt. Mein persönlicher Höhepunkt war die 0:4 Heimniederlage der Saison 18/19 gegen die Fortuna aus Düsseldorf. Ich stand in der Kurve und alle waren ratlos, man konnte sich nicht einmal aufregen. Aber selbst damals war ich hoffnungsvoller als heute. Damals war die ganze Saison schlecht, man wusste wenigstens worauf es hinausläuft. Aber so einen krassen Kontrast habe ich noch nie erlebt, auf eine furiose Hinrunde folgt eine mehr als trostlose Rückrunde. Schalke 04 war in ein und derselben Saison zunächst einer der undankbarsten Gegner und später der Gegner, auf den sich jeder gefreut hat. So einen Twist gibt es nicht einmal in Hollywood.

Eine Entwicklung, die sich abgezeichnet hat

Habe ich gerade gesagt, dass die einzige Konstante wir Fans seien? Pardon, da habe ich unseren Finanzvorstand inklusive Papa Clemens vergessen. Clemens Tönnies (Aufsichtsratsvorsitzender) und Peter Peters (Finanzvorstand) sind nahezu genauso lange im Verein vertreten, wie ich auf der Welt bin. Man hat inzwischen jeden Trainertypen auf Schalke gesehen. Freilich hat David Wagner einen großen Anteil an der Krise, genauso wie auch Sportvorstand Jochen Schneider. Den Trainer rauszuwerfen, ist nun einmal die leichteste Methode. Langfristigen Erfolg hat man jedoch meistens mit Kompetenz und Konstanz in der Führung. Konstanz haben wir da definitiv. Kompetenz? Eher weniger.

Zum Vergleich: Eine kleine Zeitreise in die Jahre 2010/2011. Während Schalke 04 in der Champions League das Halbfinale erreicht und mit Raúl, Farfán, Huntelaar und Co. mit einem furiosen 5:0 gegen den MSV Duisburg den DFB-Pokal holt, zittert Borussia Mönchengladbach in der Relegation gegen den VfL Bochum um den Klassenerhalt. Die Borussia scheint schon längst abgestiegen, bis Igor de Camargo mit seinem Treffer in letzter Minute den Verein in der Liga hält.
Seit diesen Jahren haben die beiden Vereine sich in eine komplett andere Richtung entwickelt. Gladbach hat rund um Max Eberl dem Verein eine neue Identität und Spielidee gegeben und sich stets positiv weiterentwickelt, der Verein ist heute ein Champions League Kandidat. Schalke 04 hingegen ist Achterbahn gefahren. Von graue Maus, über Europa League und Champions League, bis hin zum Abstiegskampf war alles dabei. Die Spielidee hat sich gefühlt jedes Jahr geändert und eine Identität war mehr durch die Fans, als durch den Verein gegeben. Und mittlerweile sehen wir mit klaren Augen welches Konzept erfolgreicher, und vor allem nachhaltiger ist.

Letzte Rettung Ausgliederung?

Mit wachsendem sportlichem Misserfolg, wachsen auch die Diskussionen um die Vereinsform und eine mögliche Ausgliederung. Man spricht von der letzten Möglichkeit nicht den Anschluss zu verlieren, und einer „Riesenchance“ für den Verein. Zu schnellem Geld würde wahrscheinlich keiner von uns „Nein“ sagen. Doch so einfach ist es nicht. Müssen wir wirklich ausgliedern, nur weil wir ein e.V. sind? Weil diese Vereinsform sich zu sehr an der Tradition klammert? Die Wahrheit ist eine andere. Und sie tut weh.

Schalke hatte immer genügend finanzielle Mittel für einen guten Kader. Und die hätte man heute weiterhin. Wenn wir nicht schlechter wirtschaften würden als ein BWL-Crashkurs Besucher (dem ich mehr zutrauen würde). Jahr für Jahr gibt es Spieler im Kader, die viel Geld an Ablöse und Gehalt kosten, aber nur wenig bis gar keine Leistung zeigen. Klassische Minusgeschäfte. Ich werfe da mal ein paar Namen in den Raum: Sebastian Rudy, Kevin Prince Boateng, Sidney Sam, Nabil Bentaleb, Yevhen Konoplyanka, Breel Embolo, Hamza Mendyl, Franco Di Santo, Johannes Geis, Junior Caicara, Adam Szalai, Christian Clemens, Chinedu Obasi…Diese Liste könnte endlos weitergeführt werden.

Mit viel Geld ist viel möglich, keine Frage. Die aktuellen Verantwortlichen, insbesondere Peter Peters, haben allerdings nicht unbedingt bewiesen mit viel Geld umgehen zu können. Jochen Schneider und Michael Reschke traue ich dabei sogar die Kompetenzen zu. Aber reicht ein Jahr auf Schalke, noch dazu ein unerfolgreiches, ihnen das Vertrauen bezüglich einer historischen Entscheidung zuzusprechen? Die jüngsten Beispiele von Ausgliederungen stimmen mich da zudem alles andere als optimistisch. Die Verläufe vom HSV und dem VfB Stuttgart (mit Michael Reschke an Bord) sind mir zu ähnlich. Große, traditionsreiche Vereine, mit grandioser Fankultur und mindestens genauso großem Erfolg, die nach einigen Jahren des Misserfolgs die schnelle Finanzspritze als schnellsten Ausweg sahen. Das nützt nur leider wenig, wenn das Geld von Personen benutzt wird, die nachweislich nicht gut damit wirtschaften können. Einem Max Eberl oder Ralf Rangnick, um mal zwei Beispiele zu nennen, würde ich das Geld oder auch eine Ausgliederung ohne Bedenken anvertrauen.

Quo vadis?

Die Entwicklung von Schalke wird spannend zu beobachten sein. Dem Verein kann es noch so schlecht ergehen, er wird immer überleben, solange er die Fans auf seiner Seite hat. Die Fans sind das wichtigste was Schalke hat, ohne sie wäre der Verein bereits tot. Und genau diese Fans ist Schalke gerade dabei zu vergraulen. Das fängt mit einem rassistischen Aufsichtsratsvorsitzenden an, geht über einen ideenlosen und unattraktiven Fußball, und hört mit dem Verlust des e.V. auf.

Ich für meinen Teil werde immer Schalker bleiben. Um es mit einem meiner Lieblingsgesänge zu zitieren: „Schalke, ich bin für dich geboren. Ich hab mein Herz verloren, an einen Fußballklub“.

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