Herzensverein?

Foto: Stefanie Fiebrig

Anlässlich der leidigen Posse, die Union Berlin-Stürmer Sebastian Polter los getreten hat, sagt Plattsport-Chefredakteur Martin Tetzlaff, warum ihn Liebesbekundungen so richtig gegen den Strich gehen.

Ich konnte sie noch nie leiden. Die Rede ist von den Profifußballern, die rhetorisch nahe am Rande der Rührseligkeit agieren. Ja, vielleicht schon versunken sind im Tümpel der falschen Emotionen. Bewusst falsche gelegte Fährten, die Fans, Vereinsmitglieder oder wahlweise gleich die ganze Öffentlichkeit hinters Licht führen sollen. 

Wer glaubt, dass man da mal ganz schnell eine 180°-Drehung gemacht hat, der wird sicher selig. Zu oft schon schwadronierten gut bis sehr gut bezahlte Sportler etwas von besonderen Lieben zu Vereinen und Fans, küssten scheinheilig Vereinswappen oder kündigten einen Verbleib im Verein an, der jedoch nie vollzogen wurde. 

Da kehrt meine Erinnerung sich dem jungen Andreas Möller zu, der ins Dortmunder Stadionmikrofon schluchzte, dass er seinen Vertrag erfüllen wollte und werde, wohl wissend, dass er zu dem Zeitpunkt schon mit der Frankfurter Eintracht einen Kontrakt für die kommende Spielzeit hatte.

Ich denke an all jene, die zur besonderen Hingabe zu ihren aktuellen Arbeitgebern die Logos ihrer Clubs auf dem Trikot küssten, um ihre Liebe zu zeigen, auf dass auch der Naivste glauben mag, dass das eine Beziehung für die Ewigkeit sei. 

Nun also Sebastian Polter, (noch) in Diensten von Union Berlin. Publikumsliebling, sogenanntes Mentalitätsmonster, Stadtderbyentscheider und hauptberuflich Stürmer. Glaubt man lancierten Zahlen, die die tazBlödzeitung verbreitet hat, ist er ein für die finanziellen Möglichkeiten der Köpenicker gut bezahlter Stürmer. 

Durch die Coronakrise gerieten auch bei Union alle in Panik und Angst, dass die Pandemie den Verein an den Rand der oder direkt in die Insolvenz führen könnte. Also einigte sich der Verein mit den Spielern über den Mannschaftsrat, dessen Mitglied wohl auch Polter ist, dass die Spieler in dieser Zeit auf einen Teil des Gehalts verzichten würden. 

Sebastian Polter war das offensichtlich zu viel seines Geldes und er weigerte sich so viel wie alle anderen abzugeben. Es sollte wohl etwas weniger sein. Das widersprach aber dem Grundgedanken des Vereins gemeinsam an einem Strang mit all seinen Mitarbeitern zu ziehen. Polter scherte aus und ließ über die Webseite der Eisernen über seine juristische Berater folgendes verlautbaren: 
„Sebastian Polter bedauert die ihm am 28.05.2020 mitgeteilte Entscheidung des 1. FC Union Berlin. Sebastian Polter weist den Vorwurf des unsolidarischen Verhaltens jedoch ausdrücklich zurück. Wahr ist, dass sich der 1. FC Union Berlin und Herr Polter wechselseitig Vereinbarungen zur Handhabung des Gehaltes aufgrund der Corona-Pandemie unterbreitet haben. Keine Vereinbarung hat die Zustimmung beider Seiten gefunden. Sebastian Polter betont, dass er sich nicht verweigert hat, seinem Herzensverein während der Corona-Pandemie wirtschaftlich entgegen zu kommen und zu helfen.“

Das Schlüsselwort, das mich nun extrem ärgert ist dieses schon inflationär gebrauchte “Herzensverein”. Wäre es nicht ein Beweis für die eigene Verbundenheit in einer Zeit wie dieser nicht auf Kosten des Vereins, seiner Angestellten und indirekt seiner Fans zu versuchen sich einen Vorteil gegenüber seinen Spielerkollegen heraus zu handeln, sondern einfach wie alle anderen den gemeinsam ausgehandelten Anteil an der Unterstützung des Vereins abzugeben? Ist es nicht die Inkarnation des Janus auf der einen Seite den FCU als “Herzensverein” zu proklamieren und im selben Moment weniger zur Rettung des Vereins zu leisten als alle anderen? Sich quasi für etwas Besseres und Privilegierteres zu halten?

Sebastian Polter war bereits in anderen Vereinen, hat dort den Club geliebt, Tore geschossen und seine Knochen hingehalten. Das wird er jedoch auch weiterhin woanders tun. Auch in Köpenick wird er unvergessen sein als Mitglied des Aufstiegskaders, als Torschütze im ersten Erstligaderby gegen Hertha BSC. Niemand will und kann ihm das nehmen. Jetzt aber wäre es an ihm gewesen mehr zu geben, als das, wofür er gut bezahlt wird. Diese Chance hat er wissentlich vergeben. 

Nun mithilfe von juristischem Beistand egoistisch auf seinen Vorteil zu verharren, ist für die Mannschaft in dieser heiklen Phase der Saison nach gerade mal einen Punkt aus den letzten drei Spielen, schlicht Gift und ein gehässiger Bärendienst. Das ist der eine Punkt. 

Der andere Punkt ist, dass ich mich nicht als Fan veräppeln lassen möchte. Sebastian Polter hat seine Verdienste um Union. Aber er soll doch bitte diese moralische Erschleichung von Verständnis und diffuser Nähe unterlassen. Mir ist klar, dass sich am Ende im Profifußball jeder selbst der Nächste ist. Keiner spielt aus altruistischen Gründen und zweckfrei. Ich habe kein Problem mich von den kickenden Gladiatoren unterhalten zu lassen und feuere sie unabhängig ihres Salärs an. Dafür zahle ich im Jahr viel und gutes Geld für Fanutensilien, Bier, Tickets, Mitgliedsbeiträgen, Zugtickets, TV-Angebote und Pizzaboten. Woran ich im Sport aber trotz des kapitalistischen Gebildes immer noch glaube, ist, dass kein Spieler in einem Team wichtiger als der andere ist, aber auch, dass jeder ersetzbar ist. Okay, vielleicht ist Michael Jordan bei den Chicago Bulls nie zu ersetzen gewesen. Aber bitte bitte bitte lieber Polti und wer auch immer: lasst diese Versprechen und Versprecher mit der Liebe, Zuneigung und den Herzen, wenn Ihr das nicht halten könnt. 

Denn diese vorherige Täuschung führt bei mir dauerhaft nur zu einer Reaktion: Enttäuschung. Und die tut meinem Herzen dann doch weh.

Disclaimer: In einer früheren Version dieses Artikels gingen wir davon aus, dass die „taz“ die Gehaltszahlen von Sebastian Polter zuerst veröffentlichte. Bei genauerer Recherche habe ich festgestellt, dass die Zahlen zuerst von der Blödzeitung in die Welt gesetzt wurden. 

11 Kommentare

  1. Das ist gelinde gesagt Blödsinn.
    Der Artikel unterschlägt die Tatsache, dass Polter in 4 Wochen arbeitslos ist und eben nicht eine art Kurzarbeitergeld bekommt. Er bekommt dann nichts mehr.
    Und vor allem unterschlägt der Artikel, dass der Verein mit der Veröffentlichung vom Donnerstag Polter bei der in cotona-zeiten besonders schweren Suche nach einem neuen job schwer geschädigt hat. Was wohl neue potentielle Arbeitgeber zu diesem Statement von Union sagen werden. Wer bezahlt den Schaden, den polter dadurch haben kann? Das kann nur der Verursacher sein.
    Abgesehen von den arbeits- und datenschutzrechtlichen Bedenken der Veröffentlichung vom Verein. Das einzig Moralisierende neben der Veröffentlichung vom Donnerstag ist leider Ihr Artikel.

    • Wenn Herr Polter durch einen Arbeitsvertrag mit Union derzeit verbunden ist, wird er – wie jeder Arbeitslose – Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Kurzarbeitergeld bekommt ein Arbeitnehmer ohnehin nur, wenn er in einem Arbeitsverhältnis steht.

      Welche arbeits- und datenschutzrechtlichen Bedenken haben Sie denn hier bzgl. der Veröffentlichung?

    • Hallo, das am Ende der Saison Schluss sein wird wusste er, wenn man sich nicht im Training und im Spiel durchsetzen kann hat man halt kein Stammplatz, was ist daran nicht zu begreifen?

    • Ich stimme dir voll zu. Polter bleibt immer positiv bei mir in Verbindung mit Union in Erinnerung.
      Obwohl in zwei Monaten arbeitslos und ohne Verdienst, war er zu einer Spende bereit, die er mit seiner Zukunft vertreten konnte, doch Ziegler war ohne Verständnis und zu geizig.

  2. Danke polti für alles.
    Aber liebe zum verein sieht anders aus.
    Wir haben dich geliebt und gefeiert.Aber mehr noch lieben wir unseren Verein. Das mehr als 40 Jahren

  3. Man sollte sich immer nur dann eine abschließende Meinung bilden, wenn wirklich ALLE Fakten auf dem Tisch liegen! Für mich sind solche Beiträge völlig überflüssig, zumal sie mir persönlich keine neuen Erkenntnisse liefern. In der Regel laufen solche Diskussionen ins Leere. Auch in diesem Fall wird es nur Verlierer geben. Ob das angesichts der jetzigen Situation sinnvoll ist, mag jeder für sich selbst entscheiden.

    • Meinungen aufgrund der aktuell vorliegenden Faktenlage sind relevant. Vielmehr sind die Anregungen für Diskussionen und dadurch nützlich.
      Du selbst hast doch bereits jetzt schon entschieden, dass es nur Verlierer geben wird. Wie kommst Du zu dieser Aussage ohne abschließende Faktenlage? 🤷🏻

  4. Danke für den Artikel! Auch mir spricht er aus der Seele und Danke an Brigitte und Peter… Bin eurer Meinung! Und sehr traurig über diese Polti Ende, aber bei seinem Jahresgehalt wird er sicher auch ohne finanzielle Zuwendung vom Staat auskommen! Da geht es anderen Leuten schlechter…
    Ich arbeite in einem Krankenhaus 24/7 mit einem lächerlichen Gehalt für den vielen Aufwand und habe meinen Verein auch mit allem was ging unterstützt… Eine wirkliche Herzenssache ohne viel Blabla!
    U. N. V. E. U. ❣️

  5. Meine Meinung, Polti hat Union gelebt, wie z.B.Parensen, was ich aber die letzten drei Spiele von Subotič oder Gikiewicz gesehen hab, ist Regionalliga. Ich befürchte, das uns Polti im Abstiegskampf fehlen wird, denn der frisst 90 Minuten Gras. Schade das er geht. 😭

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