Hertha TV: Live dabei, wenn Jhon Cordoba beim Lattenschießen in Ekstase ausbricht

Foto: Lukas Gfrörer

Wie ist die Stimmung beim Training von Hertha BSC? Wie sind die Profis abseits des Spielfeldes? Lukas Gfrörer bekommt das hautnah mit. Er arbeitet für Hertha TV und berichtet im Interview von seinem Weg dahin und so mancher Illusion. 

Lukas, vor deinem Engagement bei Hertha TV hast du unter anderem bei der Fußball-WM 2018 mitgewirkt. Was hast du das genau gemacht?

Wir haben Virtual-Reality-Content produziert. Dafür haben wir überall 360 Grad Kameras aufgestellt und haben die Mannschaften etwa bei der Ankunft der Busse aufgenommen. Anschließend konnte man sich das als Video anschauen. Das war ganz cool. Wir sind morgens vom Hotel zum Produktionszentrum gefahren und arbeiteten den ganzen Tag rund ums Stadion. Das war ein ganz ein anderer Eindruck im Vergleich zur Fanmeile oder so. 

Wo konnte man die Videos sehen? 

Da es als Pilotprojekt galt, war es erstmal nur über die Webseite der Fifa möglich, die fertigen Clips zu sehen. 

Kommen wir zu Hertha BSC. Bist du eigentlich Fan von Hertha BSC?

Sagen wir so: Früher als kleiner Junge war ich Bayern-Mitglied. Mein Vater war aber immer Herthaner. Und seitdem ich bei Hertha arbeite, würde ich mich als Fan bezeichnen. 

Wann hast du genau begonnen, für den Verein zu arbeiten?

Ich habe die letzten drei Monate von Pal Dardai in der Saison 2018/2019 als Praktikant mitbekommen. Damals gab es noch zwei Festangestellte und einen Praktikanten. Da ich mich anscheinend ganz gut angestellt habe, wurde ich dann übernommen. 

Wie ging es dann weiter?

Wir haben erstmal neue Strukturen geschaffen. Vorher gab es noch keine festen Abläufe. Es gab die Aufnahme der Pressekonferenzen und Interviews – aber man hat gemerkt, dass es noch Luft nach oben gibt. 

Also habt ihr Hertha TV ein Stück weit professionalisiert? 

Ich würde sagen, dass wir versucht haben, ein bisschen mehr Ordnung und Organisation in die Inhalte hereinzubekommen. Wir haben es geschafft, besser und effektiver mit der Online- und Social-Media-Redaktion zusammenzuarbeiten. Wir haben Projekte zusammen umgesetzt und – meiner Meinung nach – einen Schritt nach vorn gemacht. 

Kannst du mal erzählen, wie ein Arbeitstag bzw. eine Arbeitswoche so aussieht?

Vor Corona war es so, dass wir ein Meeting mit der Redaktion hatten – Online-Team, Pressesprecher und wir vom TV-Team. Die Themen des Tages wurden besprochen. Entweder war schon was vorbereitet oder wir haben auf die Pläne des Social-Media-Teams reagiert. Dann haben wir das erste Training um 10 Uhr gefilmt. Anschließend haben wir begonnen, Inhalte der Vortage aufzuarbeiten und das Trainingsmaterial zu schneiden – auch so, dass wir schon Teile über Social Media ausspielen konnten. 

Wie ist es aktuell?

Momentan haben wir das Format „Die Woche in Blau-Weiß“ – eine Art Wochenrückblick. Da zielen viele Inhalte drauf ab. Unsere Redakteurin Lena legt die Beiträge fest und wir fangen an, dafür zu produzieren. Das kann beispielsweise so sein, dass der Fokus auf einem Spieler liegt. Dann filmen wir ihn in bestimmten Szenen. Grundsätzlich ist unsere Arbeit sehr spontan: Alles ist sehr kurzlebig und es kommt immer mal wieder etwas Neues rein. Deshalb gibt es die meiste Zeit nicht einen festen Plan bzw. Ablauf im Anschluss an das Filmen des Trainings. Wir arbeiten nicht nur für Social Media, sondern grundsätzlich für die Produktionsfirma des ganzen Vereins. Wenn der Nachwuchs ein Video braucht, machen wir das. Gleiches gilt für die Fanbetreuung oder andere Abteilungen. Viele Themen kommen spontan rein – die Woche füllt sich doch ganz gut. 

Aber Videos von der Tischtennis-Abteilung macht ihr nicht? (Die Tischtennis-Männer von Hertha BSC spielen in der 2. Bundesliga, Anm. d. Red.)

Aktuell nicht. Aber wir würden das selbstverständlich machen, wenn die mal auf uns zukommen würden. Aber ich glaube, momentan ist der Fußball ein bisschen wichtiger. Wir sind schon hauptsächlich für den Fußball zuständig. 

Wer auf die Webseite von Hertha TV schaut, kommt am Lattenschießen mit Jhon Cordoba nicht vorbei. Wie er sich riesig freut, als er mit dem letzten Schuss den Ausgleich gegen eure Redakteurin Lena schafft. Das war ein spannender Einblick. 

Das Format „Lattenschießen“ haben wir zu dieser Saison eingeführt. Wir haben grundsätzlich versucht, die Anzahl der Formate zu erhöhen. Wir haben „Kräuter oder Scharf“ (hier werden den Profis Entweder-Oder-Fragen gestellt) und „Ein Tag mit“ eingeführt, wo wir ein Profi einen Tag lang begleiten. Das ist das größte Format, was wir aktuell produzieren. „Lattenschießen“ ist relativ einfach umzusetzen. 

Lukas Gfrörer von Hertha TV während des Trainingslagers am 27.07.2019 in Stegersbach, Österreich. (Foto von Jan-Philipp Burmann/City-Press GmbH)

Wie läuft das genau? 

Unsere Moderatorin zieht sich die Fußballschuhe an und wir warten nach dem Training auf einen Kicker. Vorher überlegen wir uns, mit wem wir das Lattenschießen machen wollen. Die Spieler sind meist recht spontan, weil sie genau wissen, dass das schnell geht. Meist dauert es fünf bis sechs Minuten. Wenn sie nicht noch Physio-Termine haben, sagen die meisten auch schnell zu. 

Wie groß ist eigentlich euer Team?

Wir haben drei festangestellte Videoredakteure – wir filmen, schneiden und produzieren. Und Lena hat den redaktionellen Part, wie die Inhalte des Wochenrückblicks festzulegen. Zudem macht sie die Moderationen. Einer von uns drei Redakteuren filmt sie dann. 

Also sieht man dich nie vor der Kamera?

Nein. Mich hört man nur bei „Kräuter oder Scharf“ als Fragensteller.

Das ist angelehnt an die Döner-Arten?

Genau, das war die Grundidee dahinter. Diese typischen Entweder-Oder-Fragen kennt man von YouTube. Es ist immer schwer, sich eigene Formate auszudenken. Bei „Kräuter oder Scharf“ haben wir versucht, unsere eigene Note dort reinzubringen – wie man beispielsweise an den verschiedenen Geschmacksrichtungen des Döners sieht. Dazu stellen wir ein paar Zwischenfragen, damit der Spieler noch ein bisschen persönlicher rüberkommt. Bisher gab es keine Folge, die nicht witzig war, weil die Spieler immer ein bisschen aus dem Nähkästchen erzählt haben. 

Vielleicht kannst du noch zum Alltag mit den Profis sagen? Wie sind die Spieler so – gerade zu Menschen, die im Verein arbeiten? 

Als ich damals angefangen habe, war ich sehr aufgeregt. „Oh mein Gott, man sieht einen Fußballprofi.“ Aber das verfliegt relativ schnell. Es sind alles Jungs in meinem Alter, die gut kicken können – und das sind richtig nette Typen. Wir haben jeden Tag mit den Spielern zu tun. Und die Kicker sind überhaupt nicht abgehoben. Sie behandeln uns wie einen ganz normalen Menschen. Man hat dieses Bild im Kopf von abgehobenen Spielern, die keine Zeit für irgendwas haben. Aber wenn wir ein kleines Projekt wie „Kräuter oder Scharf“ mit denen machst, dann haben die schon Lust drauf und freuen sich immer. Es ist sehr viel angenehmer und menschlicher, als man es sich im ersten Moment vorstellen würde. 

Sind die Profis manchmal genervt von Social-Media-Aktivitäten oder Videos?

Manchmal ist es schon so, dass die Spieler nicht unbedingt von sich aus gerne kommen. Aber wenn sie denn da sind, sind die sie cool und professionell damit, das durchzuziehen. Ohne die ganze Zeit zu sagen, dass sie kein Bock darauf haben. 

Die Spieler haben sich dran gewöhnt? 

In den vergangenen Jahren sind unsere Social-Media- und Video-Aktivitäten, bei denen die Spieler eingebunden werden, immer mehr geworden. Schon damals war es nicht so, dass sie keine Lust darauf haben und jetzt hat es sich auch kaum verändert. Sagen wir so: Die Spieler machen es mit. Aber nicht im Sinne von: „Ich habe kein Bock, nimm mal wen anderen.“ Sondern eher so: „Ich weiß, jeder ist mal dran.“ Und im Endeffekt kommt immer etwas Gutes bei rum – und das sehen auch die Spieler. Und so kommt es dazu, dass die Kicker selbst drüber reden. „Ach der hat letztens bei ‚Kräuter oder Scharf‘ das erzählt. Jetzt bin ich mal auf die Fragen gespannt“.

Das heißt: Die Profis empfehlen euch da weiter?

Das ist das Ziel bei uns. Dass den Spielern klar wird: Es ist keine Strafe, zu uns zu kommen. 

Wie ist das eigentlich bei Vereinsfeiern – also vor Corona wohl gemerkt: Wenn man mal die Profis oder auch die Trainer außerhalb des Spielfeldes trifft. Haben die dann trotzdem eine „Professionalität“ oder kann man mit denen auch mal entspannt ein Bierchen trinken?

Den Moment, dass ich mal einen Profi außerhalb des Platzes getroffen habe, gab es noch nicht. Es bilden ja meist keine Freundschaften fürs Leben, obwohl wir uns gegenseitig cool finden. Es geht darum, auf der Arbeit klarzukommen und Spaß zu haben. 

Ich hatte das Bild einer Betriebsfeier im Blick, wo alle Mitarbeiter versammelt sind. Sitzt da der Spieler neben dem Co-Trainer und dem Mitarbeiter von Hertha TV?

Das ist eher ein Wunschgedanke, so wie es früher war. Bei den Weihnachtsfeiern vor Corona war die Mannschaft am Anfang die ersten Stunden noch dabei. Einige Spieler sind ja auch nicht von hier – die wollen dann eher zu ihren Familien und etwas Abstand bekommen. 

In eurem Alltag erlebt man bestimmt viele Kuriositäten. Erzähl mal. 

In dieser Saison haben wir angefangen, alle Bloopers (Pannen, Anm. d. Red.) direkt abzuspeichern und auf einem Ordner zu speichern. Was wir daraus machen, ist noch unklar. Erstmal sammeln wir die Schnipsel. Zudem waren vor Corona in den USA in einem Trainingslager und haben ein NBA-Spiel besucht. Herthinho – unser Maskottchen – war auch mit dabei und sollte zusammen mit dem Maskottchen von den Orlando Magic Stimmung machen. Aber der, der eigentlich ins Herthinho-Maskottchen schlüpfen sollte, kam nicht. Und so stieg mein Kollege von Hertha TV ins Herthinho-Kostüm und das komplette Programm bei einem NBA-Spiel abgespult. 

Die Reaktion des Publikums?

Ach, ich denke, die Amerikaner mögen alle Maskottchen – die waren Feuer und Flamme. 

Foto: Lukas Gfrörer

Biografie
Nach seinem Sportjournalismus und Sportmanagement-Studium an der Medienakademie Berlin, arbeitet Lukas Gfrörer (26) als freiberuflicher Videoredakteur bei AnDa-Medien. Hier kam es dazu, dass an einem Virtual-Reality-Projekt während der Fußball-WM 2018 in Russland mitwirkte. Anschließend absolvierte er ein Praktikum bei Hertha TV. Hier wurde er in der Folge übernommen und arbeitet dort als Redakteur. Spannend: Sein Freund Tim Nabroth arbeitet bei AFTV, dem TV-Kanal von Union Berlin. Aber das habe sich nicht auf die Freundschaft ausgewirkt, sagt Gfrörer. 

Link (Hertha BSC in der letzten Kehrwoche)

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