Hertha hat einen Lauf

Eine Frage, die mir dieser Tage häufig gestellt wird, ist: Warum läuft es bei Hertha aktuell so gut? Diese Frage habe ich mir auch gestellt und möchte versuchen, sie hier zu beantworten.

„Neue Besen kehren gut“, lautet ein altes Sprichwort. Am offensichtlichsten ist daher der neue Trainer. Unter Bruno Labbadia ist Hertha BSC brutal effektiv. In vier Spielen unter dem neuen Trainer holte die Mannschaft 10 von 12 möglichen Punkten. Darunter ein Sieg in Hoffenheim und ein Unentschieden in Leipzig. Was macht Bruno Labbadia anders als seine Vorgänger Čović, Klinsmann und Nouri? Aus meiner Sicht vereint er Erfahrung, Akribie und die Kommunikation mit den Spielern auf einem Level, das seine Vorgänger nicht erreichen konnten oder wollten. Er erreicht die Spieler und kann ihnen seinen Plan vermitteln. Gleichzeitig holt er sie menschlich ab.

Die Spieler schwärmen vom neuen Trainer, der aus ihnen wieder eine Einheit geformt hat. Das hat vorher offensichtlich gefehlt. Unter Klinsmann / Nouri fehlte es an Vertrauen, welches der Mannschaft jetzt entgegengebracht wird. Hier wird kein Mehrwert niedergeschrieben. Jeder ist wichtig. Dieses Vertrauen zahlen die Spieler mit Leistung zurück. Labbadia kam sicher auch die Corona-Pandemie bedingte Zwangspause zugute. Hier hatte er Zeit, die Spieler kennen zu lernen, und zog die richtigen Schlüsse.

Trotz einiger verletzter Spieler bringt Hertha die Leistung auf den Rasen. Die Defensive steht stabil. Besonders die Innenverteidigung Boyata / Torunarigha spielt bockstark. Während Boyata hinten abräumt und vorne trifft, zeigt sich Torunarigha vor allem im Spielaufbau mit genauen Pässen in die Tiefe. Auf der rechten Defensivposition ist plötzlich Pekarik wieder gesetzt. Auch Labbadia schätzt seine Beständigkeit. Immer wenn Pekarik gebraucht wurde, hat er eine stabile Leistung auf den Rasen gebracht. Aktuell ist er auch in der Offensive zu finden und erzeugt mit Flanken und Schüssen Torgefahr. Auch sein Pendant auf der linken Abwehrseite, wahlweise Plattenhardt oder Mittelstädt, weiß Akzente zu setzen. Aus dieser defensiven Stabilität heraus überzeugt Hertha.

Auch im Mittelfeld ist die Mischung gefunden. Skjelbred spielt den Abräumer und Darida den klugen Ballverteiler. Mit 13 bis 14 Kilometern pro Spiel ist Darida zudem im Stellungsspiel enorm wichtig. Auch Grujić scheint zu alter Form zurück zu finden. Diese Präsenz hält der Kreativabteilung vorne den Rücken frei. Mit Cunha hat Hertha im Winter ein wahres Juwel verpflichtet. Der Brasilianer vereint Spielwitz und Torgefahr. Teilweise am Rande des Wahnsinns stellt er seine Gegner immer wieder vor unlösbare Aufgaben. Cunha ist eine Art Lebensversicherung für Hertha. 

Im Sturm wirbeln auf Außen wahlweise Mittelstädt, Lukebakio, Dilrosun oder sogar Leckie. Egal ob von Anfang an oder als Joker, die Spieler brennen. Die Auswahl an Spielern, die Labbadia hat, ist reichhaltig. Jeder dieser Spieler bringt eine andere Qualität mit und weiß sie einzusetzen. Im Sturmzentrum erhält Leitwolf Ibišević aktuell den Vorrang vor Winterneuzugang Piątek. Er schafft es die Mannschaft mitzureißen und Tore zu liefern. Labbadia und Ibišević kennen sich aus Stuttgarter Tagen. Sie wissen beide was sie aneinander haben.

Labbadia setzt auch konsequent auf die Jugend und hat mit Ngankam und Samardžić bereits zwei hoffnungsvolle Nachwuchsspieler eingesetzt.

Böse Zungen behaupten, dass die leeren Stadien besser für Hertha BSC seien. Es ist nicht von der Hand zuweisen, dass Hertha aktuell vieles richtig macht. Dies allerdings auf die leeren Stadien zu beschränken, ist zu kurz gedacht. Natürlich wird die Mannschaft zeigen, ob sie mit dem Druck der 
Zuschauer klar kommen wird. Zuletzt schien das Team ob der Zuschauerkulissen eher gehemmt und scheint jetzt befreit aufzuspielen.

Der Auftaktsieg in Hoffenheim hat das sorgfältig von Labbadia aufgebaute Team entfesselt und spätestens seit dem folgenden 4:0 zuhause gegen Union Berlin sind auch die Fans versöhnt. So reitet Hertha BSC aktuell auf einer Welle des Erfolgs, obwohl der Spielplan eng gestrickt ist und Kraft kostet. Mit Borussia Dortmund wartet auch schon der nächste Gradmesser.

Labbadia ist kein Zauberer. Er hat die gleichen Spieler wie Klinsmann / Nouri zur Verfügung. Er hat die Spieler nicht besser gemacht, er hat sie dazu gebracht, ihr Potential wieder auszuschöpfen und weiß die Spieler richtig einzusetzen. Auch versteht er es, eine gesunde Mischung aus Künstlern und Arbeitern auf den Platz zu bringen. Er bleibt auch realistisch, während einige plötzlich von Europa träumen.

Warum läuft es bei Hertha aktuell so gut? Festzuhalten ist, dass die Mannschaft von Hertha BSC wieder eine Einheit bildet. Das setzt auf dem Platz nicht geahnte Energie frei.

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