HAT ES SICH AUSGEMÜLLERT?

Eine Woche nachdem Niko Kovac öffentlich die Entbehrlichkeit von Thomas Müller in der Stammelf des FC Bayern ungelenk moderierte, beginnt sich öffentlich die Pro-Müller-Fraktion zu positionieren und der Halt von Niko Kovac als Cheftrainer korrodiert in Zeitlupe. Ist aber nicht Thomas Müller und seine Rezeption zu hinterfragen?

Es müllert. Wer da an den Bomber der Nation, Gerd Müller, denkt, der stellt die richtige Verknüpfung her. Zumindest, wenn man das alte Jahrtausend noch bewusst erlebt hat. Dank Louis van Gaals Mut in seiner Münchener Zeit, auch auf die Jugend zu setzen, hat sich mittlerweile, vor allem in der twitternden Schicht der jüngeren Menschen, das fußballerische Verb “müllern” mit Thomas Müller vom FC Bayern München verbunden. So lautet dann auch dessen Twitter-Account @esmuellert_, den der bayrische Held bilingual für seine eigene Promotion nutzt.

Warum es heute um Thomas Müller geht? Nun ja, vor einer Woche erlaubte sich Bayern-Cheftrainer Niko Kovac einen rhetorischen Ausrutscher, als er Müller vor laufenden Kameras quasi als “Notnagel” einstufte, was sicherlich mehr als unglücklich ist und ihm auch von vielen Seite berechtigte Kritik einbrachte, jedoch war es eine ehrliche und mit Verlaub richtige Einschätzung von Müllers Stand bei den Bayern. Vorbei ist Müllers Karrierehöhepunkt zwischen dem 2013er Triple und dem WM-Sieg 2014, als er entscheidend die DFB-Mannschaft in die KO-Runde beförderte.

Das Pech ist für ihn nun, dass der FC Bayern sich auf allen Positionen im Umbruch befindet. Im Präsidium und Vorstand sind die Weichen umgestellt, auch das coachende und spielende Personal wurde in den vergangen 15 Monaten ausgetauscht und mittendrin Müller, der nicht erst seit der WM in Russland und der darauf folgenden umrühmlichen Ausbootung aus der Nationalmannschaft nicht mehr erste Wahl in München und beim DFB ist. Während Joachim Löw sich für den eiskalten Schnitt ohne große Empathie entschied, hängt Müller (30) in München in einem noch bis 2021 laufenden Vertrag fest. Ein äußerst gut dotierter Vertrag. Man munkelt es seien etwa 16 Millionen Euro pro Jahr.

Was in der aktuellen Posse um Kovacs Äußerungen nach der Niederlage gegen Hoffenheim stört, ist wie große Medien Kovac nun mal wieder anzählen und die besondere Fähigkeit Müllers, ein freies Radikal im Spiel zu sein, hervorheben. Ein Lothar Matthäus schlägt den Bayern eine Vertragsverlängerung vor. Andere erinnern, wie im vergangenen Jahr Müllers Ehefrau Niko Kovac auf Instagram bloß stellte. Der Grundtenor: einen Müller kannst Du immer gebrauchen, den darfst Du nicht so abservieren. Hier drin steckt aber genauso Kovacs Notnagel-Spruch, wenn man Müller immer noch gute Momente zutraut. Nüchtern betrachtet ist seine beste Zeit jedoch vorbei.

Ebenso stört auch Müllers mimosenhaftes Jammern, wenn er nach dem Hoffenheim-Spiel in die Reportermikrofone ein selbstmitleidiges “Nothing to say” lamentiert. Jeder soll wissen, dass er es ungerecht findet nicht zu spielen und vom Trainer derart für fast überflüssig angesehen zu werden. Aber irgendwo schallt es an dieser Stelle aus dem Wald heraus.

Warum also nicht einfach professionell mit der Situation umgehen, den sportlichen Wettkampf mit Zugang Coutinho annehmen und sich immer und immer wieder mit Leistungen anbieten? Thomas Müller glaubt, dass der FC Bayern von ihm profitiert. Er sieht sich als der bajuwarische Pfundskerl, der die Sprache der Fans spricht und damit auch versteht. Einer, der im Fankatalog immer zum Maßkrug mit dem Bayern-Emblem passt. Einer, der aus der eigenen Jugend kommt und wie aus der Zeit gefallen scheint, jetzt, da Spieler für absurde Summen die Clubs wechseln, ohne jede Identifikation. Müllers Ansicht: ich bin der FC Bayern und der FC Bayern bin auch ich. Marcel Reif nannte das vor 6 Tagen bei “sky90” das Schweinsteiger-Syndrom. Der Schweini, den man sich nirgendwo anders als in München vorstellen konnte. Ja, der Müller-Thomas ist einer von den Bayern. Ohne Zweifel, er taugt ganz famos als Aushängeschild. Die Bayern nutzen das aus und Müller verlangt, neben ein paar Euros, ausreichend Spielzeit zu bekommen.

Das jedoch ist genau der springende Punkt: der FC Bayern ist ein großes multinationales Unternehmen geworden, dass hunderte von Millionen umsetzt. Es geht um Titel, Titel und Titel. Platz 2 ist ein Alptraum. Dafür muss alles getan werden. Dafür müssen die besten Spieler spielen und ein Trainer wird dafür gut bezahlt das umzusetzen und zu moderieren. Thomas Müller jedoch ist jedoch einfach nicht mehr gut genug, um im Starensemble der Bayern Top 11 zu sein. Seine Rolle hat sich verändert, jedoch nicht sein Salär. Darum profitiert ER von den Bayern. Er kann sich immer noch täglich mit den besten Spielern der Bundesliga messen, denn die sind naturgemäß in München unter Vertrag, er bekommt Spielzeiten, alle Fans lieben ihn und niemand will ihm seine Lederhose nehmen. Niemand kommt im Sommer von den Vereinsoberen auf die Idee ihn abzugeben. Er darf, marktunüblich, im Verein bleiben und sich als bayrisches Original gerieren. Damit verdient er gutes Geld. Er darf sich international positionieren. Viele seiner Twitterbeiträge formuliert er auf Englisch. Er verkauft sich einfach gut.

Warum also jetzt dieses Klagen über eine unüberlegte Äußerung seines Trainers? Weil Thomas Müller sehr eitel ist und von einer Entourage umgeben ist an Beratern, Ehefrau, Freunden, Medienhomies, die ihm permanent sagen wie einzigartig er ist. Wie er spielt und wie er sich gibt. Wenn sein Team Triumphe feiert wie 2013 in Barcelona tanzte Müller aufreizend und provozierend vor den katalonischen Fans. Man stelle sich vor ein Cristiano Ronaldo hätte sich dermaßen gehen lassen! Ist er der Gewinner, neigt er zur Überheblichkeit und bedenkt die eine oder andere Nachfrage oder Bemerkung mit zynischen Kommentaren. Das ist dann nicht mehr der sympatische junge Müller, der bei der WM 2010 in Südafrika seine Großeltern in Bayern grüßte, und damit die Herzen der Fans im Sturm eroberte, während ein anderes bayrisches Urgestein wie Lahm immer wie ein Streber und Besserwisser herüber kam.

Wie sein Video nach der Löw-Ausbootung, das Müller in den sozialen Medien platzierte, beweist, sucht er den Kontakt zu den Massen. Statt mit den Entscheidungen, die seine Vorgesetzten treffen, professionell umzugehen, betritt Müller die emotionalen Ebenen. Das geht irgendwie nie so gut, sachliche Probleme emotional zu lösen und so muss Thomas Müller aufpassen, dass er nicht sein eigenes Denkmal, das ihm aufgrund seiner Erfolge und Leistungen absolut zusteht, beschmutzt und als Miesepeter und unter Umständen schwarze Mamba in den Geschichtsbüchern landet.

Es stünde ihm nun gut zu Gesicht zum Trainer zu stehen, die Situation professionell und mit Vorbildcharakter anzunehmen und nicht im Winter die Flucht nach vorn zu einem anderen Ballspielverein anzutreten. Vielleicht ein kein Wehklagen mehr, weniger Social Media und mehr Wettbewerb annehmen und sich anbieten. So hätten am Ende alle Beteiligten eine Chance ihr Gesicht zu wahren.

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