Hallensport: Der Sonderweg Brandenburgs in Corona-Zeiten

Als einziges Bundesland hat Brandenburg immer noch Beschränkungen für Kontaktsport in der Halle. Das bringt viele Nachteile für Amateursportler mit sich und ist auch anhand der Corona-Fallzahlen nicht mehr zu rechtfertigen.

Es hört sich verrückt an. Aber es ist wahr: Brandenburger Hallensportler, die älter sind als 27 Jahre dürfen immer noch nicht trainieren – geschweige denn einen Wettkampf austragen. Und das bleibt auch noch so, mindestens bis zum 4. September. Offiziell heißt das in der aktuellen Corona-Verordnung des Landes Brandenburg: „Im Innenbereich müssen über 27-jährige mindestens 1,5 Meter Abstand halten zu Personen, die nicht dem eigenen Haushalt angehören.“ Das Spannende: Für Kinder und Jugendliche unter 27 Jahre gilt das nicht. Und auch für Mannschafts- und andere Kontaktsportarten unter freiem Himmel gelten keine Einschränkungen – und das schon seit einigen Wochen.

Die Begründung für die Altersgrenze hängt mit der Einordnung der Vereinsangebote für junge Menschen in die Jugendarbeit im Sinne des Sozialgesetzbuches (SGB VIII) zusammen: „Daraus folgt, dass sämtliche sportlichen und bewegungsorientierten Angebote der Sportvereine nicht dem Abstandsgebot unterliegen, auch nicht auf Sportanlagen“, heißt es vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport. Jugendarbeit erfasst Kinder, Jugendliche und junge Heranwachsende bis zum 27. Lebensjahr.

Damit hat Brandenburg als einziges Bundesland noch Corona-Beschränkungen für einen Teil von Sportarten. Alle Handballer, Basketballer, Volleyballer und weitere, die älter als 27 Jahre sind, dürfen aktuell nur Passen, Dribbeln oder weitere individuelle Trainingsmaßnahmen durchführen. Ein Kontakt in jeglicher Hinsicht ist nicht erlaubt. Einzig ausgenommen davon sind Berufssportlerinnen und Berufssportler, Bundesligateams sowie der Kaderathletinnen und Kaderathleten der olympischen und paralympischen Sportarten an Bundes-, Landes- oder Olympiastützpunkten. 

Auch der Landessportbund Brandenburg kritisiert die Beschränkungen und spricht von „Wettbewerbsverzerrung“ gegenüber den anderen Bundesländern: „Wir hätten auch gar nichts dagegen, wenn es überall eine gleiche Reglung geben würde. Aber so ist es für definitiv nicht verständlich, dass gerade das Sportland Brandenburg so eine Entscheidung bis zu diesem Zeitpunkt durchhält“, sagt der Vorstandsvorsitzende Andreas Gerlach. 

Dadurch, dass ich aus Brandenburg komme und immer noch viele Kontakte dort habe, leide ich mit den betroffenen Sportlern. Mein ehemaligen Basketball-Kumpels dürfen aktuell nur auf dem Freiplatz trainieren. Aber das ist was ganz anderes – Basketballer verstehen, was ich meine. In der Halle sind die Körbe anders, das Brett und der Ring reagieren anders auf Würfe, meist sind die Spielfeldmarkierungen auf Freiplätzen andere als in der Halle. Kurzum: Streetball ist fast schon eine andere Sportart im Vergleich zum Hallenbasketball.

Ich glaube, am meisten stört mich an der Regelung in Brandenburg, dass die Corona-Fallzahlen das Verhalten des Landes nicht rechtfertigen. Mit dem Stand vom 24. August hat Brandenburg 3787 Infizierte. Auf 100.000 Einwohner gerechnet hat sich damit jeder 151 angesteckt. Oder anders gesagt: Auf Unter 1000 Menschen sind 1,5 Personen infiziert. Für mich sind diese Maßnahmen unter diesen Umständen nicht zu rechtfertigen.

Neben den reinen Amateursportlern haben vor allem Sportler aus Brandenburg, die überregional agieren, damit einen großen Nachteil gegenüber ihren Konkurrenten aus anderenBundesländern. In allen anderen Regionen Deutschlands können sich alle Aktive seit Wochen, teilweise seit Monaten, auf die kommende Saison vorbereiten. Wenn die Spielzeiten dann im September oder im Oktober beginnen, müssen einige Teams quasi direkt aus dem Trainingsbetrieb in den Wettkampfmodus umschalten. Dass das gerade auf einer quasi semi-professionellen Ebene, wie zum Beispiel der Oberliga beim Handball oder der Regionalliga beim Basketball nicht möglich ist, kann sich jeder vorstellen. Ein mir bekannter Basketballverein aus der 1. Regionalliga Nord trainiert beispielsweise seit Wochen in Berlin, obwohl er in Brandenburg ansässig ist. Ist das wirklich Sinn der Sache?

Und auch auf Landesebene werden die Sportarten ihre Probleme haben, einen Spielbetrieb auf die Beine zu stellen: Eigentlich würde in vielen Hallenmannschaftssportarten die Saison bereits im September beginnen, aber daran ist nicht zu denken. Beim Brandenburgischen Basketball-Verband überlegt man, die Saison Ende Oktober zu starten und damit etwa vier bis fünf Wochen später als der eigentliche Beginn. Damit könnte es auch zu Verzögerungen bezüglich des Saisonendes kommen. Davon sind dann die Teams betroffen, die nach der eigentlichen Spielzeit noch an überregionalen Ausscheidungswettkämpfen teilnehmen. Nachteile, Nachteile, Nachteile!

Man kann nur hoffen, dass das Land spätestens zum 4. September reagiert und alle bestehenden Regelungen kippt. Mittlerweile gibt es auch eine Petition, die eine Öffnung der Sporthallen fordert. Bisher wurden jedoch nur etwas mehr als 700 Unterschriften gesammelt – 8700 sind nötig, um ein Quorum zu bewirken…

https://www.openpetition.de/petition/online/oeffnet-die-sporthallen-fuer-alle#petition-main

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