Grün-weiße Soße, süß-schaaf.

Foto: Steindy

Thomas Schaaf übernimmt für 1-3 Spiele den Cheftrainerposten bei Werder Bremen und löst den vom Erfolg verlassenen Florian Kohfeldt ab. Damit hat Werder den Abstieg offiziell und belegt vermieden. Wir geben den Bremer Fans Grund zur Hoffnung und kramen in der Kiste der Vergangenheit Beispiele heraus, warum alternde Trainersenioren immer den kurzfristigen Erfolg brachten. Eine Glosse.

Die Katze musste noch am Sonntag aus dem Sack. Erfolgsgeschäftsführer Sport Frank Baumann ließ schon am Samstagabend durch die Blume erkennen, dass nach der Niederlage gegen den FC Augsburg für den Mann, den man in der nahen Zukunft schon bei Schwergewichten wie Borussia Dortmund wähnte, das Vertrauen schwand. Nun also Kohfeldt raus und den Meistertrainer von 2004, Werders letzter Meisterschaft, rein. Thomas Schaaf übernimmt den sinkenden Kahn und versucht noch mit einem Tritt auf das Eurphoriegaspedal eine müde wirkende Mannschaft vor dem Gang in die zweite Liga, und damit vor schönen Nordderbies gegen den HSV, Hannover 96 und den FC St. Pauli zu bewahren. Nun raunt der Blätterwald vor drohendem Aktionismus und Twitter explodiert vor Spott und Hohn. Aber ist das gerechtfertigt? Mitnichten! Ein Blick in den PLATTSPORT-Bundesligaalmanach beweist: Bisher hat noch jeder Trainersenior den Abstieg verhindert. Zumindest fast.

Udo und der Gingerboy

Gott hab ihn selig: Trainergigant Udo Lattek hatte gefühlt 5 Tage vorher die Ractiv-Kappe von seinem Schalke 04-Engagement Anfang der 90er Jahre abgesetzt und im Doppelpass-Studio seinen Altersruhesitz gefunden, als in seinem Spiel des Lebens nochmal Arbeit auf ihn zu kam. Borussia Dortmund war im Fahrstuhl Richtung 2. Liga in der Saison 1999/2000 stecken geblieben und für eine Unsumme wurde der Motivationskünstler überredet seinem Kardiologen den Job am Borsigplatz als Wassertreten im Ruhrgebiet zu verkaufen.

Damit er nicht mehr so laut brüllen müsste und sich ganz dem Mikrofonmeer der Presse widmen konnte, holte man Lattek noch einen rothaarigen Schlagerfan als Co dazu und tatsächlich vermied Borussia Dortmund mit dieser Personalentscheidung den Gang in Liga 2. Zeitzeugen berichten heute noch, dass Lattek nur mit bloßer Anwesenheit die gegnerischen Recken schwächte.

Nach dem kurzen Gastspiel ging Uns Udo zum Doppelpass zurück und der Gingerboy wurde mit der Borussia zwei Jahre später Deutscher Meister.

Anachronismus an der Säbener Straße

Unvergessen die Saison 1991/92. 20 Clubs ringen um die Meisterschaft. Erstmals zwei Mannschaften aus den neuen Bundesländern dabei, an der Spitze bis zum Schluss mit Dortmund, Frankfurt und Stuttgart ein Kampf um die Salatschüssel, aber der Serientäter kämpft gegen den Abstieg.

Der große FC Bayern schasst im Herbst 1991 Jupp Heynckes, was Uli Hoeneß später zu seinem größten Fehler erklärte – er ahnte da noch nichts vom falschen Jürgen -, später den fatalen Sören Lerby, um schlussendlich Erich Ribbeck zu verpflichten. Dieser ahnte in dieser Zeit noch nichts von noch größeren Meriten im Schatten des Sakkos des Grauens als Nationalmannschaftscoach. Ribbeck hatte genug damit zu tun ab März 92 die Bayern vor der Urkatastrophe zu bewahren. Sogar Alphatierchen Stefan Effenberg sprach vom Abstiegskampf und überhaupt mutete der Münchner Kader absurd an. Zwischen Bernados, McInally, Wouters und Staatsretter und Golfstar Thomas Berthold, leistete man sich mit Hillringhaus, Aumann, Gospodarek und Toni Schumacher ein buntes Potpourri an Tormännern.

#Wahrscheinlich war Ribbecks aus der Zeit gefallene und anachronistische Art so ausgleichend, dass bei den Bayern irgendwie wieder Ruhe einkehrte und man sich im gesicherten Mittelfeld auf Platz 10 sogar mit einem negativen (!) Torkonto begnügte. 

Alles Kokolores

Die Saison 2011/12 endete für Hertha BSC mit brennenden Werbebanden, geschubsten Schiedsrichtern, schweigenden Heimfans im Abstiegskrimi gegen Kaiserslautern und der Erkenntnis: Otto find ich gut, aber der soll besser mit Beate im Theater bleiben. Selten hat ein Trainer seiner Güte derart sein eigenes Lebenswerk ad absurdum geführt und karikiert.

Warum Michael Preetz auf den Senior kam, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Otto Rehhagel sah schon komisch aus in seinem Trainingsanzug, wirkte mit seinen pseudomotivierenden Dadaismusvorträgen wie ein Max Giermann, der Otto Rehhagel imitierte. Aus dem Kabinentrakt ist heute übermittelt, dass Rehhagels Ansprachen eher seine Autorität eher untergruben als das Team anspornte. So schlingerte Hertha mit Rehhagel in die Relegation gegen Fortuna Düsseldorf, wo man das Hinspiel im Olympiastadion verlor und in einem chaotischen Rückspiel nur Unentschieden spielte. Fans der Fortuna stürmten frühzeitig den Rasen und brachten das Spiel bis kurz vor einen Abbruch. Als die Partie abgepfiffen wurde, verlor Routinier Lewan Kobiaschwili die Nerven und schubste Wolfgang Stark im Affekt fast eine Treppe herunter und während die Szenerie im Chaos versank, schien Otto Rehhagel schon nichts mehr mit der Situation zu tun zu haben.

Leise verließ Rehhagel nach irren Meisterschaften und Pokalsiegen, einem Europapokaltriumph und der griechischen Europameisterschaft 2004 die große Bühne und sitzt jetzt wahrscheinlich in seinem Haus mit Beate beim Tee, hört Brahms und denkt über die Berliner Episode: “Alles Kokolores!”. Warum Rehhagel hier dennoch erwähnt wird? Es kann auch anders laufen mit einem Trainerurgestein als Feuerwehrmann, aber immerhin ist Hertha seit dem nicht mehr abgestiegen. Jüngst dank Havanna-Pal. 

Ruf mich nicht mehr an

Von der Saison 2008/09 bleiben so einige Bilder im Almanach: Grafites Solo-Kunsttor mit der Hacke, überhaupt Wolfsburger Glückseligkeit, Jörg Bergers 1-Spiel-Rettungsaktion bei Arminia Bielefeld (Bergers letzte Bundesliga-Erscheinung) und an der Säbener Straße zuckt es in Uli Hoeneß, wenn er an Buddha-Statuen, Chillout-Bereiche, Gummibänder, Anglizismen und Landon Donavan zurück denkt.

Statt Klopp wurde mit Klinsmann der Rummenigge-Jürgen geholt. War der legendäre Tritt in die Tonne Anno 1997 und das damit verbundene Missverständnis der Zusammenarbeit nicht Warnung genug, ließen sich die Bayern vom Zeitgeist verleiten und gaben Klinsmann die Chance, den FC Bayern ins 21. Jahrhundert zu führen. Es passte jedoch nicht, was passen sollte und nie passen konnte. Klinsmann schlitterte von einer Inkompetenz in die nächste Blamage und eben jener Kunstschuss vom Wolfsburger Grafite wurde sozusagen zum Sargnagel des Klinsmannschen Arbeitsvertrages. Man darf jedoch nicht vergessen: Ohne den Bayern-Coach Jürgen Klinsmann hätte es wohl niemals die zweite Ehe mit Grand Seigneur Jupp Heynckes gegeben, der für 5 Spiele als Trainer zurück kehrte, nach dem dieser für sich schon fast das Kapitel Laufbahn beendet hatte.

Es sollte anders kommen. Heynckes beendete die Saison mit den Bayern auf Platz 2, ging nach Leverkusen, bewies dort seine Großartigkeit, kehrte als Nachfolger von Louis van Gaal wieder nach München zurück, holte das Triple, ging in den Ruhestand, kam 2017 bis zum Saisonende für sein viertes Engagement an die Isar, wurde Meister und befahl zum Ende Uli Hoeneß, seine Nummer von dessen Handy für immer zu löschen. 

Ein Schnellschuss der Bremer Küche

Nun also Thomas Schaaf, der bestmöglich eine weitere Saison der Schmerzen für Werder Bremen verhindern soll, in dem er am kommenden Samstag Platz 15 sichert. Für Thomas Schaaf und die tausenden Werder-Fans, die über die Coronadistanz genauso wie alle anderen Anhänger klagen und ihr Team nicht anfeuern können, wäre es zu wünschen, wenn Schaaf seinen Kurzzeitjob mit Bravour erledigt.

Ob man in der Führungsetage den richtigen Zeitpunkt für Florian Kohfeldts Entlassung gewählt hat, ist äußerst zweifelhaft. Vielleicht wäre Kohfeldt, der unter den Trainern einer der Guten, Ehrlichen und Sachlichen ist, besser im vergangenen Sommer gegangen. Für die Mannschaft hätte das ein Alibi weniger bedeutet und ein Neuaufbau auf allen Etagen von der Spitze abwärts wäre eine Gelegenheit gewesen, aus der vergangenen Spielzeit und Last-Minute-Rettung in Heidenheim zu lernen. Chance vertan. Hoffen wir für Werder das Beste. Es ist das Schlimmste zu erwarten, denn es riecht nach grün-weißer Soße, süß-schaaf. Ein Schnellschuss in der Bremer Küche.

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