ES IST DOCH ALLES SCHON ENTSCHIEDEN

Gestern in der Sportsbar. 20:55 Uhr. Es ist alles angerichtet: die Hymne der Champions League dudelt selbstgefällig durchs Wembleystadion, um mich herum unterhalten sich Freunde und Bekannte angeregt über die anstehende Partie, mein Bier erhebt sich über den Tisch mit einer lässigen Schaumkrone. 

Plötzlich, mitten in die erwartungsfrohe Stimmung hinein, fängt das Fernsehbild des Internetanbieters DAZN an zu ruckeln. Es erscheint ein schwarzer Bildschirm mit einem sich drehenden weißen Kreis. Unruhe macht sich breit und grummelnde Altberliner melden sich zu Wort: „Ditt is also die schöne neue Welt des Fernsehens!“

Und ja, auch bei DAZN hat die Champions League ihren Preis. 9,99€ für einen Monat. Gut, man kann eine Menge Sport Tag für Tag sehen. Eigentlich kann man nicht meckern, aber für das sogenannte „Premiumprodukt“ Champions League erwarte ich, dass man eine stabile Übertragung gewährleistet. Doch was soll der Kummer? Ich kann es eh nicht ändern. 

Zu meiner Sitznachbarin sage ich lakonisch: “Ist doch egal! Die Champions League ist eh bereits entschieden.” Was mir da eher unbedacht über die Lippen geht, regte mich sogleich zum nachdenken an. War da an dem Satz nicht auch etwas Wahres dran? 

Der Wettbewerb ist jetzt im Achtelfinale bei weitem sportlich nicht gelaufen, aber finanziell sind dennoch die Würfel gefallen. Der Modus der UEFA Champions League sorgt zuverlässig dafür, dass ein kleinerer und finanzschwächerer Club es nicht in die K.O.-Runden schafft. Sind in einem Wettbewerb wie dem DFB-Pokal immer wieder kleine Fußballwunder möglich, eben dann wenn ein engagierter Bezirksligist auf seiner Kreissportanlage auf einen von der Vorbereitung ermüdeten und vielleicht sogar selbstgefällig spielenden Erstligisten trifft und an einem äußerst guten Tag eliminiert, setzt sich in der europäischen Spitzenliga nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip, der potentere Verein durch. 

Und damit haben wir das Dilemma. Die Vereine, die die meisten Spiele gewinnen, werden mit absurden Prämien belohnt. Zur Startprämie von 15,25 Mio. € kommen pro Sieg 2,9 Mio. € und pro Unentschieden 900.000 € beim Verein an. Je weiter eine Mannschaft kommt, umso höher die Prämie. Und selbstverständlich nehmen die erfolglosen Clubs weniger Geld mit nach Hause. https://de.uefa.com/uefachampionsleague/news/newsid=2562558.html

Schaut man sich die Teilnehmer der Halbfinale der letzten Jahre an, tauchen in der Regel immer die selben 6-8 Teams auf, die sich stets und kontinuierlich mit den besten Spieler ausstatten können. Geht man vor der Saison in ein Wettbüro und setzt beispielsweise je 10€ auf Real Madrid, den FC Barcelona, Bayern München und Juventus Turin, ist garantiert, dass man Geld verbrennt. Eine Finalpaarung FC Porto-AS Monaco aus dem Jahre 2004 klingt dabei, als wäre sie vorm Krieg über die Bühne gegangen. Nimmt man noch die alimentierten Kolosse PSG und Manchester City dazu, ist es nur noch mit einer Cinderella-Story vorstellbar, wie etwa dem Wunder von Leicester City, das in die Phalanx der großen englischen Mannschaften förmlich grätschte, als man die Premier League sensationell 2016 gewann, dass sich daran noch mal etwas ändert.

Der Elefantenrunde der großen Eliteclubs in Europa sorgt penibel dafür, dass es keinen Eindringling gibt, der die zukünftige Gewinnmaximierung gefährdet. Hand in Hand mit UEFA, FIFA und diversen obskuren Gestalten der Schattenwelt, die im grandiosen „Football Leaks“-Buch von Rafael Buschmann und Michael Wulzinger genannt werden, entwirft die Oberklasse des europäischen Fußballs ein Traumland, das jedem Fußball- und Sportfreund die Nackenhaare gen Himmel richten sollte.

Doch noch ist nicht jedem klar, wie weitreichend die Folgen sein werden, wenn es nicht gelingt Fairness in dieses System zu impfen. Ist es nicht Warnung genug, wie festgefroren die Tabellenspitzen in den Topligen seit Jahren sind? Der letzte deutsche Meister, der weder FC Bayern oder Borussia Dortmund hieß, war vor 10 Jahren der VW-Club VfL Wolfsburg. Seit Jahren diktiert Paris Saint-Germain die französische Ligue 1 nach Belieben. Aktuell trennen den zweiten Platz und PSG über 20 Punkte. In Italien gelingt es seit Jahren niemanden Juventus Turin zu stürzen, in Spanien löst allerhöchstens Atletico Madrid Barca und Real im Meisterschaftspingpong ab und in England glaubt inzwischen niemand mehr an ein zweites Wunder. Zu viel Geld können ManCity und Chelsea in den Markt auf der Safari nach den besten Spielern pumpen. Aktuell führt zwar Jürgen Klopps Liverpool die Liga an, aber der Vorsprung schmilzt. Und selbst wenn „The Normal One“ den Titel das erste Mal seit 1990 nach Liverpool holt, dann ist das bei einem Gesamtmarktwert von 926,50 Mio. € (lt. transfermarkt.de) kein Wunder mehr. Zum Vergleich: der Gesamtwert aller Spieler der zweiten Bundesliga liegt bei 402,63 Mio. € und der Letztplatzierte der Premier League, Huddersfield Town besitzt Spieler im Gesamtwert von 119,20 Mio. €. 

Fakt ist: überall dort, wo im jeweiligen Land die größte Potenz liegt, erleben wir Serienmeister. In Österreich mit RB Salzburg, in den Niederlanden das Trio Ajax, PSV und Feyenoord, in Portugal Benfica und der FC Porto. In der Türkei wiederum könnte es dieses Jahr einen Verein geben, der die jahrelange Regentschaft der großen drei Istanbuler Mannschaften durchbricht. Er heißt „Başakşehir“ und ist zufällig der Lieblingsverein vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Ein Schelm, der da Böses denkt. 

Mein Abend in der Sportsbar endete dann mit einem ernüchternden 3:0 für Tottenham Hotspur (Marktwert 801,50 Mio. €) gegen den Tabellenführer Borussia Dortmund (556,80 Mio. €). Und irgendwie muss man sich zumindest als deutscher Fußballfan langsam daran gewöhnen, dass die eigenen Teams auf Dauer mit den anderen Moneypowergesellschaften nicht mithalten können. 

Übrigens, nächste Woche Dienstag treffen die Bayern (745,70 Mio. €) auf Liverpool. Wie das wohl ausgehen mag? 

(mt)

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