ES GEHT UM RASSISMUS, NICHT UM SCHALKE 04

Die Problematik des Komplexes um Clemens Tönnies’ rassistische Äußerungen endet nicht am Vereinsheim von Schalke 04, sondern hat Signalwirkung auf die gesamte Gesellschaft. Der Ehrenrat von S04 zeigt mit seiner Reaktion auf Tönnies’ Worte seine Überflüssigkeit. Für Redakteur Martin Tetzlaff auch ein sprachliches Fiasko. 

Clemens Tönnies wird nach seinen unsäglichen Äußerungen auf dem Paderborner “Tag des Handwerks” sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender vom Bundesligisten FC Schalke 04 ruhen lassen. Der vereinsinterne Ehrenrat entschied sich nach mehrstündigen Beratungen auf diesen, wie ich finde, faulen Kompromiss. Hier wird dem Macher von S04 die Chance gegeben für ein paar Wochen von der Bildfläche zu verschwinden und sich nach der Pause peu à peu wieder der Öffentlichkeit zu nähern. Ganz von der Hoffnung getragen: bis zu diesem Tag wird sicherlich wieder eine andere Sau durchs Dorf getrieben und eine derartige rassistische Unverschämtheit kann dann bald als Kavaliersdelikt in den Geschichtsbüchern verschwinden.

Die Öffentlichkeit, aber vor allem der FC Schalke 04 hat eine entscheidende Sache in der ganzen Affäre nicht begriffen: es geht hier nicht allein um das Image der Gelsenkirchener, sondern um die Signalwirkung in die deutsche Gesellschaft, ach, nach Europa sogar. In Zeiten eines immer stärker werdenden Nationalismus und Protektionismus erweist Tönnies mit seinem rassistischem Kommentar, der, wie man auf der oben verlinkten Aufnahme entnehmen kann, ganz überlegt und nicht bierseelig getätigt wurde, all jenen Kräften, die ein Abdriften in ein intolerantes Europa und Deutschland verhindern wollen und bereits heute gegen Faschismus und Rassismus kämpfen, einen Bärendienst. Fortan weiß jeder, dass ein oberflächliches und rassistisches Hetzen gegen Ausländer zu keinen ernsten Konsequenzen führen wird. Zumindest wenn man Milliardär ist und mit seinem Geld Einfluss ausüben kann, bleibt so etwas unbestraft.

Was der Ehrenrat von S04, der ausschließlich aus Weißen und offenbar nicht aus Menschen mit Migrationshintergrund besteht, wäre eigentlich intellektuell in der Lage, über den königsblauen Tellerrand zu schauen. Der fünfköpfige Ehrenrat ist zusammengesetzt aus Pfarrern, Richtern, Professoren und Steuerberatern. Einer dieser Leute ist Professor Dr. Klaus Bernsmann, der in der Vergangenheit als Rechtsanwalt von Clemens Tönnies in Erscheinung getreten ist. Ein jeder möge sich bitte jetzt selbst seinen Teil denken. Mit seiner gestrigen Entscheidung Clemens Tönnies nur zu rügen, beweist der Ehrenrat, wie überflüssig und inkonsequent er ist und die Mitglieder und Fans des Vereins werden sich nun fragen, ob er für den Verein da ist oder für seinen Aufsichtsratsvorsitzenden.

Die Hauptaufgabe des Ehrenrats scheint, sich nur um S04-Belange zu kümmern und seine Wirkung aus S04 hinaus zu ignorieren. Ein großer Sportverein wie Schalke hat eine Vorbildfunktion und Strahlkraft in seine Stadt, das Bundesland, die Bundesrepublik und die Welt. Vergessen wir nicht, dass S04 auch Fußballakademien in China betreibt und auch dort die rassistischen Bemerkungen von Clemens Tönnies registriert werden. Was mag der gute Herr als nächstes von sich geben? Vielleicht: “Die CO2-Werte in China sind top. Die brauchen nur 20 neue Kraftwerke. Autos brauchen die aber nicht. Die sind doch 1000 Jahre mit Reisschüsseln ganz gut gefahren.”

Was mich persönlich an dieser ganzen Diskussion nervt, ist, dass es grundsätzlich in unserer Gesellschaft möglich scheint, sich selbst Schuld aufzuladen und dann einfach diese Schuld von sich nehmen kann. Sich selbst entschuldigen. Es ist aber nicht möglich sich selbst zu entschuldigen. Das kann nur derjenige, der verletzt wurde und der Zeit braucht, um vergeben zu können. Vor dieser Vergebung steht jedoch immer erst die Einsicht des Schuldigen, etwas falsch gemacht zu haben und den Beschädigten um Vergebung zu bitten. So funktioniert das und die sprachliche Armut in unserer Gesellschaft gab nun Tönnies das Selbstverständnis an die Hand, sich selbst über die Gefühle seiner Opfer zu stellen. Mit dem Satz “Vor diesem Hintergrund möchte ich mich explizit bei euch, den Fans, Mitgliedern und Freunden des FC Schalke 04, für meine Aussage beim Tag des Handwerks entschuldigen.” nimmt der zwar die weiche Abfahrt aus dem Schlamassel, denn er bekundet seinen Willen sich zu entschuldigen, schlussendlich ist das keine Bitte um Entschuldigung, sondern nichts als eine hohle Phrase.

Zum einen sind nicht die Fans, Mitglieder und Freunde des FC Schalke 04 diejenigen, die verletzt wurden und die er um Vergebung bitten sollte, sondern die Afrikaner, denen er fast animalische Primitivität unterstellt. Die Opfer seiner Worte kann er auch in seinen Fleischproduktionsstätten und in seinem Verein finden. Zum anderen begeht Clemens Tönnies ein zweites Verbrechen mit seinem selbstgerechten Entschuldigen, denn damit verletzt er die Gefühle der beleidigten Afrikaner, denen er nicht gegenübertritt und um Erlösung aus seiner Schuld anfleht, ein zweites Mal.

Clemens Tönnies muss daher nun zurücktreten und damit beweisen, dass rassistische Hetze zu ernsten Konsequenzen führt. Alles andere ist eine Katastrophe für unsere Gesellschaft und unser Land.

(mt)

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