EINMAL BERLIN – KATAR UND ZURÜCK

In unserer neuen Reihe „Zwischen Plumpe und Sportpark Sadowa“ kommen ab sofort Herthaner und Unioner zu Wort, die sich Gedanken machen zum Berliner Fußball, aber auch zu anderen wichtigen Themen des Sports. Den Auftakt macht Unioner Ralf Politz und der hat zu Beginn gleich eine Stinkwut.

Es ist noch gar nicht lange her, da habe ich hier geschrieben, dass wir ALLE zusammen Spiele gewinnen und natürlich auch gemeinschaftlich verlieren und dass Christian Gentner aufgrund seiner riesigen Erfahrungen noch Anpassungsprobleme bei uns hat, ich aber total sicher bin, dass er sie schon bald auf dem heiligen Rasen umsetzen wird. Dabei war mir allerdings noch nicht klar, dass das schon so bald sein wird. Um es kurz zu machen: Gentner war im Spiel gegen die Eintracht aus Frankfurt am letzten Freitag bester Unioner auf dem Feld. Damit ist zum Spiel gegen die SGE bereits alles gesagt.

Ich bin ein großer Sportfan und versuche so viel wie möglich zusammen mit meiner Familie zu sehen, sei es im Sommer Leichtathletik, Radsport oder Schwimmen sowie im Winter alles, was auf Kufen und Brettern durch die Landschaft braust oder auf schmalen Brettern den Hang hinabrast – nach unserem FC Wundervoll, versteht sich. Wie es der Zufall wollte, konnte ich am Sonnabend mehrere Stunden den Wettkämpfen der Leichtathletik-WM in Katar folgen und was dort über die Mattscheibe flimmerte, hat mir die Zornesröte ins Gesicht getrieben.
Wettkämpfe, die aufgrund der Tageshitze mitten in der Nacht gestartet werden müssen, damit es einigermaßen für die Sportler ertragbar ist. Laufveranstaltungen außerhalb des Stadions müssen gegen 0 Uhr Ortszeit angesetzt werden, da dann die Temperaturen von 40 Grad auf „erträgliche” 30 Grad gesunken sind und Sportler und Sportlerinnen bis ca. 3 Uhr nachts im Wettkampf sind. Was das für den Biorhythmus bedeutet, kann man als Laie nur erahnen. Hinzu kommt, dass wegen der enormen Hitze und Luftfeuchtigkeit in dem Wüstenstaat viele Sportler und Sportlerinnen entkräftet aufgeben müssen oder einfach zusammenbrechen. ARD-Polittalkikone Anne Will berichtet in einem Tweet bei Twitter, dass laut „ARD und Deutschlandfunk Kameraleute bedrängt und daran gehindert worden, die kollabierenden Athletinnen zu filmen”. Aktionen eines Diktatorenstaates. Aber es geht ähnlich schlimm weiter.
Im Leichtathletik-Stadion findet das 100-Meter-Finale der schnellsten Männer der Welt fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Schwenken die Kameras auf die Ränge des Stadions, sind fast nur Trainer und Offizielle der Teams zu sehen, dazwischen einige Scheichs, die sich gemütlich Tee einschenken lassen – der Rest: gähnende Leere. Von euphorisierenden Massen, die in Europa oder Amerika solch ein Finale oder eine Leichtathletik-WM generell ins Stadion locken, in Katar keine Spur. Aber es geht noch schlimmer: damit die Athleten und Athletinnen im Stadion angenehme Temperaturen vorfinden, wird das Stadion durch ein riesiges Gebläse, welches rund um das Stadioninnere verteilt ist, auf 26 Grad heruntergekühlt. Eine gigantische Klimaanlage. Energieverschwendung vom feinsten.
Der Tiefpunkt dann heute in den Vorläufen der Frauen: die Startblöcke der Sportler sind in Katar etwas länger als gewohnt, was aufgrund der ungewohnten Länge der Startblöcke schon Schwierigkeiten verursachen kann. Der Grund der längeren Startblöcke: am vorderen Ende des Startblockes befindet sich eine Kamera, die die Athleten von unten zeigt, d.h. man schaut dem Sportler, kurz bevor er sich aus dem Block katapultiert, ins Gesicht und nicht nur das. Nach dem Startschuss bewegen sich die Sportler über der Kamera in die Laufbahn. Was das für die knapp bekleideten Männer und vor allem für die Frauen bedeutet, kann sich jeder denken. Mehr Perversion geht nicht. Und warum das alles? Weil eine korrupte Clique von IAAF und IOC beschlossen hat, den letzten Rest von Anstand und Idealen für Ölmillionen zu verkaufen – zu Lasten der Gesundheit der Athleten. Denn die scheint diesen korrupten Funktionären völlig egal zu sein.

Warum machen das die Athleten überhaupt mit und boykottieren nicht einfach dieses Funktionärsschmierentheater in Katar? Die Antwort ist einfach: im kommenden Jahr findet das größte Event im Leben eines Sportlers statt: die Olympischen Spiele in Tokio. Um daran teilnehmen zu dürfen, müssen die Sportler festgelegte Normen erreichen und dafür gibt es nicht mehr viele Möglichkeiten. Die Leichtathletik-WM ist eine der letzten Gelegenheiten diese Normen zu erreichen und sich einer internationalen Sportöffentlichkeit zu präsentieren.

Einen Helden brachte aber die Leichtathletik-WM hervor: im 5000 Meter Vorlauf schleppt Braima Suncar Dabo aus Guinea-Bissau den vor ihm laufenden, völlig entkräfteten Jonathan Busby von der Karibikinsel Aruba selbstlos ca. 200 Meter vor dem Ende des Laufes im Schritttempo Richtung Ziel und schiebt ihn sogar noch vor sich über die Linie. Ein selbstloser Held! Und was macht die IAAF? Sie disqualifiziert Busby aufgrund unerlaubter „körperlicher Unterstützung“ eines Konkurrenten. Aber was will man von korrupten alten Männern auch erwarten, die sich von katarischen Ölmillionen kaufen lassen. Bleiben wir standhaft! EISERN!

Ralf Politz ist Stadionbesitzer, Dauerkarteninhaber und glühender und langjähriger Mitglieds-Fan vom 1. FC Union Berlin, arbeitet für den Tagesspiegel und wird ab jetzt von Zeit zu Zeit für Plattsport seine Gedanken hier mitteilen. Bei Twitter ist er @RalfPolitz.

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