EINE SINNVOLLE PLEITE

Nach sieben Bundesligaspielen verbleibt der 1. FC Union Berlin nun während der Länderspielpause auf Platz 16. Zeit den bisherigen Saisonverlauf zu hinterfragen.

Es ist etwas mehr als einen Monat her, da schlug Union Berlin in einem hinreißenden Spiel den turmhohen Favoriten Borussia Dortmund 3:1. Neue Helden wie Marius Bülter, der vor kurzem noch in Liga 4 kickte, schienen geboren. Und was da für Bilder die Alte Försterei verließen: ekstatische Fans im Taumel, Lothar Matthäus, der ungläubig die Waldseite in seinem iPhone versuchte festzuhalten oder auch vor Kraft strotzende Spieler im Lichte des Triumphes. Gazetten, Podcasts und TV-Anstalten, von den Profis bis zu den bloggenden Amateuren über twitternde Fans: sie alle wollten vom Nektar kosten, den es da in Köpenick zu verschlingen gab. Alteingesessene und Neu-Unioner, Urgesteine wie Erfolgsfans wollten nur eines. Sie wollten diesen Moment einfrieren und konservieren oder zumindest so lange wie möglich dieses Gefühl des Sieges und der vermeintlichen Unsterblichkeit feiern. 

Und zu ihrem Glück folgte eine zweiwöchige Länderspielpause. Eine, wie ich finde, trügerische Pause. Während die Blase, in der sich dieser Rausch abspielte, anfühlte als würde es zu einer Neuauflage des Tanzes um das goldene Kalb kommen, Hatte sich die Welt da draußen und ihre Kräfteverhältnisse nicht verändert. Kühl betrachtet, muss man den Sieg der Eisernen gegen Dortmund in drei Erklärungsszenarien unterteilen:

1. Borussias Arroganz 

Wie in der Vorsaison folgte bei den Westfalen auf einen rauschenden Start ein jäher Sturz. Dieses Mal nur etwas zeitiger. Man dachte sich, dass man die kleinen Berliner mit 95% Leistung spielerisch im Griff behalten kann. 74,4% Ballbesitz belegen den Willen zur Spielkontrolle, aber eine Schussgenauigkeit von 15,4% sagt auch, dass man nicht entschlossen ins letzte Spieldrittel vordringen konnte, was für ein Spitzenteam der Weltklasse im Grunde kein Problem sein sollte. Es reicht aber selbst gegen einen Aufsteiger nicht, mit der zweiten Mentalitätsgarnitur ein Spiel zu gewinnen.

2. Unions Spielglück

An jenem 31. August gelang Union einfach alles. Die Eckentricks klappten, die Steilpässe an die Außenstürmer Becker und Bülter kamen an und wurden erfolgreich in Torabschlussszenen verteilt. Pässe, die in den bisherigen Spielen nicht ansatzweise ihre Empfänger erreichten.

Zwar erarbeitete sich Union in der stabilen Defensive den Sieg, doch wenn Borussia seinen Gegner mit 100% Leistung verarbeitet hätte, wäre die Aufgabe für Subotic und Friedrich weitaus schwieriger geworden.

3. Das frühe Saisonaufeinandertreffen

Es war erst der dritte Spieltag. Dortmund muss sein Scouting woanders verortet haben als bei den Köpenickern. Lucien Favre hat dieses Spiel vollkommen vercoacht. Es stand auf jeder Zeitung mit übergroßen Lettern, dass Union schneller in die Spitzen kommen will in dieser Saison. Ein Zweitligafußball, der langsamer zum gegnerischen Tor führt, war nicht erwünscht, weil man der spielerischen und taktischen Extraklasse der Beletage eine neue schnellere Spielweise entgegensetzen möchte. Warum Dortmund nicht darauf reagiert hat, ist mir nicht erklärlich.
Union wiederum hatte sich selbst nicht gefunden und hatte am Spieltag zuvor gegen Augsburg erst nach einer Sebastian-Doppeleinwechslung zum einen die notwendige Defensive Stabilität gefunden und sich offensiv entschleunigt. Nun wollte Urs Fischer seinen taktischen Paradigmenwechsel nicht gegen Dortmund opfern und hatte offenbar einen Bund mit Fortuna geschlossen. Jeder Pass kam an, der ankommen sollte. Es war schon fast absurd zu sehen, welches Glück Unions vom Dortmunder Arroganzspektakel überboten wurde.

Doch dann kamen zwei Wochen Pause. Es wären zwei Wochen der Besinnung und der Reflexion geworden, hätte nicht jeder in und um Köpenick sich selbst bis ins letzte abgefeiert. Der Tanz ums goldene Kalb begann. Was dann folgte war der große Kater: vier Spiele, vier Niederlagen, nur zwei Tore, davon nur ein Tor von Anthony Ujah aus dem Spiel heraus. Hadern mit der neuen Videotechnik, ohne die nun der VfB Stuttgart in der Bundesliga wäre, den Hauptschuldigen in Christian Gentner suchen und und und.

Nun wäre es aber an der Zeit, da man nun erneut in eine zweiwöchige Länderspielpause muss, die richtigen Lehren aus der bisherigen Leere zu ziehen. Und vielleicht gehört der Finger nun in zwei Wunden, die besonders weh tun:

1. Die Transferpolitik des Sommers

Ja, der Kader ist zunächst mal überladen. Man gönnt sich Aufstiegshelden und Neuzugänge auf die Tribüne zu setzen. Kade und Flecker scheinen ebenso keine Chance zu haben wie Kroos und Parensen. Da es auch keine zweite Mannschaft gibt, sind viele Spieler Stammgäste auf der Tribüne.
Oliver Ruhnert bekam von seinem Arbeitgeber den Auftrag mit aller Macht die Liga zu halten. Den Fahrstuhl soll der FCU nicht mehr betreten, also wurde viel Geld in die Hand genommen. Kolportierte 7 Mio. € wurden investiert, um ein zweites Jahr Bundesliga und die damit verbundenen Fernsehgelder zu ermöglichen. Zum Vergleich gab Mitaufsteiger Paderborn 100.000 € für Festverpflichtungen aus. Was Union an Spieler dafür bekam, muss hinterfragt werden: Becker hat nicht gerade einen Fußballmagneten im Schuh, Subotic ist der wackelige Part im Innenverteidigerpaar mit Friedrich, Ujah ein Schatten seiner selbst, Gentner durfte erst einmal gegen Frankfurt auf seiner Lieblingsposition ran und avancierte in dieser Rolle zum besten Unioner.

Ich weiß nicht, welche Optionen Union im Sommer hatte, aber bis auf Andrich und Gentner auf seiner Lieblingsposition hat bislang niemand in den sieben Auftaktspielen überzeugen können.

Wo liegt also das zweite Problem? Ist es…

2. Urs Fischer?

Eines vorweg: Urs Fischer ist ein unfassbar herzlicher Mensch, der nach außen wundervoll agiert, spricht und sich nicht in den Vordergrund spielt. Er ist der Mann, der Union in die Bundesliga geführt hat und dem ewiger Dank gebührt.

Sein bisheriges Wirken in der Saison 19/20 scheint unglücklich zu sein. Er muss einen übergroßen Kader moderieren, der Spieler enthält, die Oliver Ruhnert nicht los geworden ist. Ob das in seinem Saisonplan so enthalten war, scheint fraglich. Für den Rest des Lohnbudgets hat Ruhnert ihm mit Gentner einen Mentalitätsspieler aus Stuttgart geholt, der ablösefrei und vormals Kapitän war. Sprich ein Führungsspieler. Einer, der die jungen Spieler auf das Abenteuer Bundesliga eingrooven sollte und ähnlich wie Neven Subotic bundesligastressresistent ist. Für mich kann Christian Gentner diese Rolle aber nur auf zwei Wege erfüllen: als Ruhepol und alter Recke in der Kabine oder auf seiner Hauptrolle im zentralen linken Mittelfeld mit Schub Richtung gegnerisches Tor. Diese Position hat Urs Fischer aber eigentlich nicht im Programm.
Für mich ist Unions größtes Problem in dieser Saison, dass Fischers Ursprungsplan mit fester Defensive schnell nach vorne zu stürmen nicht aufgeht. Alles scheint auf Kante genäht. Es kommt zu wenig zu Torabschlüssen und erfahrene abgewichste Defensiven halten Unions Offensivbemühungen vom eigenen Tor fern.

In den kommenden zwei Wochen ruht also wieder für absurde Testländerspiele und die EM-Qualifikation gegen Estland der Bundesligaball. Danach kommt mit der aktuellen Sensationsmannschaft aus Freiburg einer jener Kontrahenten, die man im eigenen Abstiegskampf erwartet hat. Momentan jedoch sind Streichs Breisgauer auf einem Platz, der zur Champions League führte. Union muss die kommenden zwei Wochen nutzen, um einen neuen Plan gegen den Bundesligafußball zu finden und zu entwickeln. Die Anhänger müssen nun etwas Demut finden und mental wieder zum Aufsteigermaß finden. Die Mannschaft kann Nebenkriegsschauplätze wie die Diskussion um die mikrofonierte Krachbeschallung der Waldseite nicht gebrauchen. Es wäre an der Zeit die Megafone auszupacken und die Mikrone und die PA zum Media Markt zurück zu bringen. Hoffentlich haben sie den Kassenbon nicht weggeschmissen. Von den Stehrängen muss nun wieder der Chant Marke „Fußball pur“ schallen und die Sitzplatztribüne kann ein paar Promis, die angeblich schon immer Unioner waren, nicht gebrauchen. Angeblich steht selbst Ex-Hauptsponsor Layenberger auf der Gegengerade und umgibt sich nicht mit den anderen Celebrities in Sektor 1. Sowas hat doch was.
So, und nach dem Spiel gegen Freiburg (exklusive DFB-Pokal) fährt man zu den formschwachen Bayern (2 Gegentore in der Champions League) und danach erscheint Hertha BSC zum Kräftemessen in Köpenick. Es wird kein einfacher Herbst für den FCU. Die Pleite gegen Wolfsburg kann nun sinnvoll sein, um die eigene Leistungsfähigkeit zu bestimmen.

Martin Tetzlaff spricht und schreibt seit Februar für Plattsport, ist seit 9 Jahren Unioner und geht außerhalb Deutschlands stets mit Olympique Marseille fremd. Davor hatte er gefühlt alle 10 Spiele einen neuen Lieblingsverein. 

5 Kommentare

  1. Lieber Martin,

    oft stimme ich zu, wenn ich Dich höre oder lese, heute muss ich in etlichen Punkten widersprechen:

    1. Den Moment des Sieges gegen Dortmund wollte niemand einfrieren. Ich glaube jedem Unioner ist der Klassenerhalt wichtiger als ein Sieg gegen den BVB (aber wir waren nun mal dran 😉)
    2. VAR und Christian Gentner können uns mal. 😉Unioner hadern nicht und geben auch keinem einzelnen Spieler die Schuld (außer er heißt Markus Karl)
    3. Deine Analyse teile ich schlussendlich (!) nur in einem Punkt: die Transferpolitik des Sommers war nicht optimal. Die Frage, warum wir aktuell genau diese 33 Spieler im Kader haben, können wahrscheinlich nur Dirk Zingler, Oliver Ruhnert und Urs Fischer beantworten.
    Paderborn als vermeintlich gelungenes Gegenbeispiel zu nennen, ist allerdings eher schräg: nach dem Tod des Vereinsmäzens Finke gab es dort scheinbar niemanden, der sein Erbe zum Wohl des Vereins antreten wollte oder konnte, vielmehr verlangten seine Erben die an den Verein ausgegebenen Kredite zurück. Das ist legitim und war nach dem überraschenden Aufstieg auch möglich, allerdings für den Verein eine sportliche Katastrophe, die bereits antizipiert werden kann. Der erneute sportliche Erdrutsch kommt dieses Mal mit Ansage.

    4. Urs Fischer ist genau der richtige Mann in Köpenick und wenn der Klassenerhalt gelingen kann, dann nur mit ihm.

    Eisern bleiben.

    • Paderborn ist kein gelungenes Beispiel. Es zeigt nur: Union will mit aller Macht drin bleiben und nimmt verhältnismäßig sehr viel Geld in die Hand, während bei Paderborn der Abstieg eingepreist ist. Sprich, ein Jahr erstklassige TV-Gelder abgreifen und dann ein gefestigter Zweitligist sein. Schaffen sie vielleicht den Klassenerhalt, ist es sie Sahne auf dem Marmorkuchen.
      Es sind zwei unterschiedliche Gangarten die Bundesliga als Aufsteiger anzugehen.

      • Ja, wobei das bei Paderborn mE keine echte Strategie ist, sondern Plan- und Hilflosigkeit.

        Klar ist aber auch die extreme Herausforderung für Union in den kommenden Wochen mit den Spielen gegen den Sportclub 2x, Bayern und Hertha. Danach können wir gern nochmal sprechen 🔴⚪️

        • Bei Paderborn spielt auch rein, dass sie evt mit der Koop mit RBL geplant haben.
          Warum man nach 7 Spielen nicht laut über den bisherigen Verlauf denken sollte, erschließt sich mir nicht. Dann können alle Magazine erst ab dem 12. Spieltag mit berichten und kommentieren beginnen.

          • Da hast Du mich wohl falsch verstanden. Klar darf man über alles jederzeit diskutieren. 👍

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