Ein Essay über Nachhaltigkeit im Fußball

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In den Zeiten des Klimawandels und beim Thema Nachhaltigkeit und der Fokussierung vieler auf den sogenannten ökologischen Fußabdruck, würde ich mir gerade bei den Entscheidungsträgern des deutschen Fußballs mehr Demut wünschen. Ein Essay von Stephan Gerteis.

Wo ist die Katharsis? Auf der einen Seite wird Wasser gepredigt und es werden auch mal wie vor kurzem zwei Millionen Euro in die Hand genommen, um den Amateurfußball nachhaltiger zu gestalten. Viel zu oft wird aber im übertragenen Sinne Wein getrunken. Denn was sind schon zwei Millionen bei dem Wahnsinn von Katar, der wie ein außer Kontrolle geratener Meteorit  unausweichlich auf uns Fußballfans zu rast? 


Eine WM im Winter in einem Land ,das nur so vor Hitze pulsiert und in dem man nicht umhin kommt, alle Stadien aufgrund der gleißenden Hitze herunter kühlen zu müssen. Da hilft es auch nichts, dass Katar, im Vergleich zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, die vorhaben, für 20 Milliarden Euro vier neue Atomkraftwerke zu bauen, seine Stadien mit Ökostrom abkühlen möchte. Allein schon der Gedanke an die Notwendigkeit Stadien künstlich herunter kühlen zu müssen, lässt bei vielen zu Recht die Nackenhaare sträuben. 

Mit großen Generatoren sollen alle Stadien künstlich auf 22 Grad herunter gekühlt werden. Neben der Tatsache des Stromverbrauchs, stellt sich auch die Nutzungsfrage: Was geschieht mit den Stadien nach der WM? Wer soll diese nutzen? Welchem langfristigen Ziel sollen sie zugeführt werden? 

Ein Stadion soll abgebaut werden

Bei einem Stadion, dem sogenannten Stadion „974“, benannt nach der internationalen Vorwahl Katars, soll dieses komplett wieder abgebaut werden und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Die adäquate Nutzung der restlichen relativ nah beieinander liegenden Stadien steht noch in den Sternen. 

Um der Absurdität noch die Krone aufzusetzen, hat Katar für den horrenden Emissionshaushalt der durch die Bauten entstanden ist, überall im Land unzählige Bäume gepflanzt. Die allerdings, wie sollte es anders sein, in Katar nur mit immenser künstlicher Bewässerung am Leben erhalten werden können. 

Alles folgt in Katar der Devise von Aktion und Reaktion. Wird auf der einen Seite versucht Strom zu sparen, wird er auf der anderen Seite wieder erzeugt. Laut der International Energy Agency war Katar 2019 das Land mit dem höchsten CO2-Ausstoß weltweit.  

Nicht zu vergessen die Gräueltaten gegenüber den oft billigen Arbeitskräften, die beim Bau dieser Stadien neben dem Abgeben ihrer Pässe und ihrer Würde auch zahlreich Ihr Leben ließen. 

Was macht der DFB?

Gerade vor diesem Hintergrund wünscht man sich besonders von Seiten des DFB ein adäquates Zeichen im Hinblick auf die Menschenrechte und auch beim Nachhaltigkeitsgedanken.  

Die Realität sieht leider anders aus. Kein Wort zum horrenden Energieaufwand der betrieben werden muss, um diese WM stattfinden lassen zu können. Im Gegenteil: Der offizielle Fanclub der Nationalmannschaft unterfüttert diesen Wahnsinn noch mit einem Angebot, das einen erschauern lässt. Denn wer alle Spiele der deutschen Mannschaft sehen möchte, kann dies tun und sich in einem eigens für die WM eingerichteten Fan Camp im Nachbarland Dubai für 2839 € im Doppelzimmer oder für 3849 € im Einzelzimmer einrichten. Mit im Preis enthalten ist der Transfer nach Katar, da sich das Camp nicht in Katar selbst einrichten ließ. Was bei dem ganzen fehlt, sind die Eintrittspreise. Diese kommen noch dazu. Die Nationalmannschaft, die als Zugpferd des DFB fungiert, bietet Reisen zur WM an, bei der man abermals Reisen muss, um ins eigentliche WM-Gastgeberland zu kommen. Der reine Emissionswahnsinn. 

Bei all dieser Tristesse gibt es auch einige lobenswerte Projekte im Amateur – und Profifußball

Ganz weit vorn steht hier der gerade in die dritte englische Liga aufgestiegene Verein Forest Green Rovers, der sich komplett der Nachaltigkeit verschrieben hat. Seit der Übernahme 2010 durch Dale Vince wird das Thema Nachhaltigkeit in Siebenmeilenstiefeln vorangetrieben. Der Klub ist vegan, klimaneutral und gilt aktuell wohl als grünster Verein der Welt. Schon 2013 wurde angefangen rotes Fleisch aus dem Stadionangebot zu verbannen und inzwischen wird komplett auf tierische Produkte verzichtet. Die Schienbeinschoner und die Trikots werden aus Bambus hergestellt anstatt wie üblich aus Plastik. Der komplett ohne Pestizide bearbeitete Rasen des Stadions wird von einem Solarrasenmäher gekürzt.  Auch die Getränke, im Allgemeinen von Bier bis Limonade, sind genauso wie das Essen vegan. Der Verein hat mit seiner Ernährungsumstellung dermaßen Erfolg, dass der Club ein eigenes Cateringunternehmen gegründet hat, mit dem sie andere Clubs mit veganem Essen beliefern.  Zudem soll das neu geplante Stadion komplett aus Holz bestehen. Für Ihre Bemühungen zum Thema Nachhaltigkeit wurde der Verein 2018 von dem UN-Klimaschutzsekretariat mit dem „Momentum for Change“-Award ausgezeichnet. 

Auch lobend zu erwähnen ist der Berliner Amateurverein FC Internationale Berlin. Der in Berlin-Schöneberg ansässige Verein ist der erste Fußballverein aus dem Amateurfußball der sich 2021 vom TÜV Rheinland für seine Nachhaltigkeitsbemühungen hat zertifizieren lassen. Angetrieben vom umtriebigen Ersten Vorsitzenden Gerd Thomas, entwickelte der Verein gemeinsam mit dem Umweltingenieur Oliver Brendle ein Nachhaltigkeitskonzept, welches auf Ganzheitlichkeit setzt. Angefangen vom von Kork geprägten Kunstrasen, über die Verarbeitung der Textilien, die Nutzung von Geschirr bis hin zur Digitalisierung wird hier an vieles gedacht. Auch die soziale Seite wird immer mit einbezogen in die Gedankengänge. So engagiert sich der Verein auch ebenfalls für Chancengleichheit und stellt sich strikt gegen Rassismus. Beim Gedanken der Nachhaltigkeit hat sich der FC Internationale Berlin am 1. FC Köln orientiert, welcher als erster deutscher Profifußballverein sich vom TÜV Rheinland für seine Nachhaltigkeit hat zertifizieren lassen. 

In der Bundesliga passieren gute Dinge

Auch im Allgemein ist das Thema Nachhaltigkeit in der Bundesliga angekommen. Nachzulesen ist dies im aktuellen Umwelt Report der Bundesliga. (Link) Besonders der in vielen anderen Bereich gescholtene Klub VfL Wolfsburg tut sich mit seiner Manpower im Bereich Nachhaltigkeit hervor. Ein Team aus drei Mitarbeitern kümmert sich in Wolfsburg um die Umsetzung grüner Ziele. Viele Vereine wie Borussia Dortmund, der SC Freiburg und Werder Bremen setzen bei der Stromerzeugung intensiv auf die Karte Solarenergie. Der FSV Mainz 05 arbeitet schon seit einem Jahrzehnt intensiv mit einem Darmstädter Institut daran, im Bereich Emissionsverbrauch von Jahr zu Jahr eine Verbesserung zu erreichen. Der FC Augsburg ist im Bereich Erhitzung und Kühlung einer der Vorreiter in der Bundesliga und spart hier ordentlich Tonnen an CO2-Emissionen ein. 

Bei vielen Vereinen zeigt der grüne Finger so langsam in die richtige Richtung. Ähnliche Denkweisen und Umsetzungen sucht man seitens des DFB leider oft vergebens. Hier ist oft eher der Gedanke der Vater aller Dinge, als der Wille zur Umsetzung. Fördergelder und Aufrufe allein ersetzen kein Handeln. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. 

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