DIE ZERSTÖRUNG VON PSG

Nein, nein, nein!

Jetzt kommt kein jugendlicher Hatespeech im zurecht geschnittenem Erzähltempo eines Influencers und keine tiefgehende Faktenausschüttung mit parallel angelegtem Google-Doc mit Quellen und Querverweisen. Dazu sind die jüngeren Semester deutlich besser geeignet und motivierter sich mit Baseball-Mütze mit meterlangem Schirm vor eine Kamera zu setzen und mit ganz viel “What the fuck”, “LOL” und “Seriously” ihrem gleichaltrigen Publikum zu präsentieren. 

Unser Hass, ja, wir hassen, um zu lieben, ist sicherlich faktisch belegbar. Zumindest meistens. Manchmal ist er aber auch nur so ein Grummeln im Magen. Ein Gefühl, dass sich schwer auf die Seele setzt. Oder ein Gedanke, der sich in unseren Köpfen verirrt und sich dort verselbstständigt.

Faktisch war der Sportverein “Paris Saint-Germain” bis zum Einstieg vom Katarer Nasser Al-Khelaifi, der in den letzten Jahren wahnhafte Beträge in den Club pumpte, ein Äquivalent vom deutschen Verein VfB Stuttgart. Alle Jubeljahre mal eine Meisterschaft, hin und wieder sogar Abstiegskampf, aber grundsätzlich ein solider Erstligist. Dazu hatte PSG schon länger ein Problem mit Rassismus und Antisemitismus, was sich 2016 in den Reaktionen auf Kevin Trapps Israel-Reise erneut bestätigte. 

Die französische Ligue 1 wurde in den letzten 25 Jahren durch die Dynastie von Olympique Lyonnais, die zwischen 2002 und 2008 siebenmal nacheinander Meister wurden, und einem bestätigen Wechsel an Meistern geprägt. Seit 1995 hießen die Meister neben Lyon und Paris FC Nantes, AJ Auxerre, AS Monaco, RC Lens, Girondins Bordeaux, OSC Lille, HSC Montpellier und Olympique de Marseille. Die Marseillaise sind der natürliche Gegenspieler von PSG. Im zentralistischen Frankreich sind die Hauptstädter der natürliche Feind aller Nichtpariser und Marseille, als neunfacher Champion auch Rekordmeister in Frankreich, im ganzen Land der Stellvertreter der Unterdrückten. Um sich ein Bild zu machen, wie sehr Paris die Denk- und Schaltzentrale Frankreichs ist, genügt ein kleines Beispiel: Möchte man mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV von Marseille am Mittelmeer nach Bordeaux an der südwestlichen Atlantikküste Frankreichs reisen, so spuckt die Internetseite der französischen Bahngesellschaft eine Zugfahrt von Marseille nach Paris, mit mehrfachen Umsteigen in Paris mit der Metro und der folgenden Weiterfahrt nach Bordeaux aus. Das ist in etwa so, als möchte man mit dem ICE von München nach Stuttgart reisen und muss einen Umstieg in Berlin in Kauf nehmen. Auch alle bedeutsamen Autobahnen führen in der Regel über Paris. Erst seit ein paar Jahren gibt es eine Ost-West-Autobahn im Süden Frankreichs. 

All dies zeigt eindrücklich, dass in Frankreich alles über Paris läuft. Hatte sich die AS Monaco in den letzten Jahren mit den Millionen des russischen Milliardärs und Unternehmers Dmitri Rybolowlew noch aus der zweiten Liga auf dem direkten Weg in die Champions  League und 2018 zur Meisterschaft 2017 gekauft und als einen neuen Bösewicht in der französischen Sportlandschaft gegeben, machte PSG mit den kranken Investitionen in Spieler wie Neymar und Mbappé dem ganzen ein jähes Ende. PSG dominiert die Ligue 1 nach Belieben und wurde mit 16 Punkten bequem Meister. Hätte das Team um den Deutschen Thomas Tuchel nicht zum Ende der Saison die Lust verloren, hätten es bedeutend mehr Punkte Abstand auf den Vize aus Lille sein können. Ein Ende dieser unfassbaren Langeweile, die mangels Konkurrenz nicht mit der Dynastie der Bayern aktuell vergleichbar ist, ist nicht absehbar. Die großen Marseillaise, die als einzige 1993 die Champions League gewinnen konnten, sind inzwischen um Lichtjahre zurückgeworfen und bemüht ihren Kader auf Sicht zu verjüngen und trotzdem um ein paar Stars anzureichern, die auf der einen Seite sportlichen Anschub leisten können, als auch den Trikotverkauf anregen müssen. Aber das Team um Keeper Steve  Mandanda, Dimitri Payet und Enfant Terrible Mario Ballotelli ist zu alt, unharmonisch und spielte in der vergangen Saison einen schlimmen Rumpelfußball, so dass mit Platz 5 die Teilnahme an den europäischen Wettbewerben verpasst wurde.

Währenddessen vertändelte Paris Saint-Germain seinen Sehnsuchtswettbewerb Champions League und Thomas Tuchel stand im Kreuzfeuer der Kritik, da er es fertig brachte mit diesem Luxuskader im Achtelfinale am schwächelnden Team von Manchester United kläglich zu scheitern. 

Und so setzt PSG die Zerstörung des französischen Fußballs fort. In der eigenen Liga hat man mit seiner Übermacht die Konkurrenz ausgeschaltet, in Europa würde nur noch die Super League, wie sie Football Leaks aufdeckte, für konstanten echten Wettbewerb sorgen und nun also werden zwei deutsche Amateurvereine mehr oder weniger um ihre Jugendteams erleichert. PSG übernimmt in Oberhausen und Düsseldorf Jugendteams, die sie in PSG-Trikots stecken und unter neuen Namen in Jugendligen antreten lassen. So wird aus den betroffenden Jugendteams des “DSV 04 Lierenfeld” künftig “SG Lierenfeld/PSG” werden und man hört, dass PSG in allen Bundesländern Jugendteams unterhalten will mit dem Ziel, in Deutschland Talente zu scouten, zu bündeln und im Ligabetrieb auf Herz und Nieren zu testen.

Neu ist es nicht, dass Vereine im Ausland Talentcamps veranstalten. So können Fußball-spielende Kinder ab schlappen 229,- Euro selbst in Brandenburg in Real Madrid-Trikots herumhoppeln und träumen einmal für die Madrilenen zu spielen. Fünf Tage lang können die Kids bei zwei täglichen Trainingseinheiten ihr Können unter Beweis stellen. Allein bis Mitte Juli sind es 29 Camps der sogenannten “Real Madrid Clinics Deutschland“, die Real veranstaltet und wahnsinnig viel Geld mit den Träumen der Kinder verdient. 

Die Methodik von PSG ist aber viel perfider, denn der Club unterwandert damit sukzessive den deutschen Spielbetrieb und belässt es nicht bei einer Kinderbelustigung wie bei Real. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass bei den Real-Clinics der nächste Ronaldo auftaucht und sich der ganze Aufwand lohnt?

Nun bleibt es abzuwarten, ob Paris seinen Traum von der Champions League erfüllt bekommt. Ganz sicher ist dann aber auch nicht die liebe Ruh’ eingekehrt. Die Bosse aus Katar verfolgen ja grundsätzlich andere Ziele als plumpe Pokale und Meisterschaften. Der Griff nach der Ausrichtung einer Weltmeisterschaft gelang leider und es wird auch auf absehbare Zeit nicht dabei bleiben, zumindest so lange sich auch die FIFA nicht vollkommen überholt und Infantino weiter wirken darf und kann. Im Weltfußball gibt es viel zu viele Mittel zu verteilen und mit dem Werkzeug PSG kann Al-Khelaifi den einen oder anderen Fluß an Geld zu seinen Gunsten umlenken und nebenbei den französischen Fußball zerstören. Da sind ein paar Jugendmannschaften in Deutschland leider nur ein kleines Nebengeräusch. 

(mt)

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