Die Rückkehr der Menschen

Ralf und Mara waren am 5.September beim ersten Spiel, anlässlich des 100. Stadiongeburtstags, mit 4.500 Zuschauern im Stadion an der Alten Försterei. Was die beiden erlebt haben, wie das Hygienekonzept funktionierte, was besonders gut lief und wo noch Verbesserungsbedarf besteht? Ein Report.

Hygienekonzept: 1
Fans: 4.500
Die Emotionen nach Corona wieder im Stadion sein zu dürfen: Unbezahlbar!

Was haben Personen wie Franz Müller, Grischa Prömel, Erich Standtke, Christian Gentner, Bruno Skibitzki, Marcus Ingvartsen, Otto Splittgerber, Niko Gießelmann, Willi Jachmann, Marvin Friedrich, Richard Gutsche und Marius Bülter gemeinsam? Sie alle waren und sind Fußballer, die in den Diensten des 1. FC Union Berlin bzw. des Vorgängervereins Union 06 Oberschöneweide stehen bzw. standen. Und sie alle haben sogar eine weitere Gemeinsamkeit: sie alle spielten für Union gegen den 1. FC Nürnberg. Müller, Skibitzki und Co am 7. August 1920 zur Eröffnung der neue Spielstätte vom Berlin-Meister Union Oberschöneweide für den bis 10.000 Zuschauer ausgebauten Union-Sportplatz in Sadowa – Prömel, Gentner und Co. fast genau 100 Jahre später zum 100. Geburtstag des heutigen Stadions An der Alten Försterei. Das Köpenicker Tageblatt schrieb dazu am 9. August 1920:

„Über Erwarten groß war der Erfolg, den Union mit dieser Veranstaltung hatte; denn sie bewies in erster Linie die hohe Begeisterung, welches das Fußballspiel gefunden hat. Nahezu 7000 Zuschauer waren herbeigeeilt. …. Bedauerlich ist nur noch, daß sich die Straßenbahn-Gesellschaft nicht bereitfand, für einen Tag einen verstärkten Verkehr zur Beförderung der aus Berlin herbeigeströmten Massen einzurichten.“ Klingt wie Zitat aus unserer heutigen Zeit – ist aber 100 Jahre alt. Probleme damals wie heute: die Gleichen. 

Break. 100 Jahre und einige Tage später treten die Protagonisten von damals erneut in Berlin an, um auf ihre Art und Weise dem 100. Geburtstag des Stadions An der Alten Försterei zu gratulieren. Dennoch unterscheidet sich das Spiel vom 5. September 2020 gravierend von dem vor 100 Jahren. 

Das erste Mal mit Zuschauern – funktioniert das Hygienekonzept?

Das Spiel am Samstagabend war eine Generalprobe für Unions Vorreiterpläne den Fußball denjenigen zurückzugeben, die die Mannschaft als 12. Mann/Frau stets nach vorne tragen – den Fans, die durch einen Hurensohn Namens Corona seit Beginn der Pandemie von jedem Pflichtspiel ausgeschlossen sind. Wo in anderen Bundesländern max. 500 Zaungäste erlaubt sind, macht es die Berliner Hygieneverordnung wiederum möglich, dass Freiluftveranstaltungen seit dem 1. September mit bis zu 5000 Personen abgehalten werden dürfen – also auch im Stadion An der Alten Försterei zum Testspiel anlässlich des Stadiongeburtstages.

Auch wenn die Autoren dieser Zeilen eher Anhänger der Initiative „Alle oder Keiner“ sind – und zudem bei der Verlosung leer ausgegangen sind, aber dennoch im Zweitmarkt ihr Glück fanden – ist diese Generalprobe mit Fans unserer Meinung ein voller Erfolg und durchaus ein Beispiel dafür, dass eine Rückkehr von Fans in die Stadien keine Gefahr für eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus sein muss, wenn sich alle Beteiligten ausnahmslos an das von Union ausgearbeitete und vom Gesundheitsamt Treptow-Köpenick abgenommene Konzept halten. Dieses Konzept war tatsächlich ausgeklügelt. Wo man sonst an jedem Eingang ins Stadion gelangen konnte, war es dieses Mal nicht möglich. Wollte man in Sektor 3 (Gegengerade), ging das ausschließlich auch nur über den Eingang “Bierkasse”. Um den Kontakt der einzulassenden Fans möglichst minimal zu halten, wurden die Wege zu den Ordnern am Einlass durch Zäune geregelt. Beim Ordner angekommen, genügte nicht nur das Ticket, sondern man musste sich zusätzlich mit Mitglieds- und Personalausweis legitimieren und sofort die Alltagsmaske aufsetzen. Aber was soll’s? Die Vorfreude auf das erste Mal seit Monaten wieder in unserem allerliebsten Wohnzimmer gemeinsam mit anderen unsere Fußballgötter anzutreiben, lässt man diese Prozedur nur allzu gerne über sich ergehen. Damit allerdings noch nicht genug. Der nächste Ordner unternahm eine Sicherheitskontrolle am Körper, die an Gründlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Man hatte halt Zeit nicht nur für eine ausgiebige Kontrolle, sondern auch für das eine oder andere kleine Schwätzchen.

Im Stadion angekommen folgte man einfach den aufgemalten Pfeilen, die einem die Richtung vorgaben. Auf der Gegengerade angekommen, sofort der Blick zum Bierstand: jawoll, keine Schlange und gleich ran ans gewohnte Fenster, aber um gleich gesagt zu bekommen „bestellen und bezahlen am rechten Fenster und dann hier abholen“. Alles klar auch dieses Hindernis überstanden und mit einem frischem Stadionbier auf zum reservierten Stehplatz Block N, Reihe 9, Platz 10 – leider ohne die geliebte Bezugsgruppe. Meinen reservierten Stehplatz konnte ich leicht finden und auch dort waren komplett neue Gesichter. Ein kurzes „Eisern“ verbunden mit dem Hinweis, dass ich beim Biertrinken doch lieber vorher die Maske abnehmen sollte, was ich am Platz angekommen auch sofort gemacht habe. Den Sicherheitsabstand einhaltend ein kurzer Austausch zu unser aller Lage und um festzustellen, dass die aufgemalten Kreise als Stellplatz doch irgendwie ziemlich dicht aufgemalt sind. Aber egal – der Abstand wurde auch ohne Stellkreise eingehalten.

In Sektor 2 Block H ähnliche Geschehnisse: keine Schlangen vor Bier- und Bratwurstständen, kein Warten vor den Toiletten und kein Gedrängel mit der Angst, Bier zu verschütten auf dem Weg zurück zum Platz. Größtes Problem: die abfärbende Markierung der Stehplätze auf Schuhe und so manches Hinterteil. Vielleicht nimmt der Verein in Zukunft lieber Union-rot, statt Sprühflaschen-Pink. Würde sich auf jeden Fall schicker am Popo machen. Ebenfalls kritisieren an dieser Stelle möchten wir das Einwegbecher-System bzw. die nicht vorhandenen Mülltonnen. Aufgrund der Hygienemaßnahmen berechtigt alternativlos, aber ich würde mir mehr Müllbehältnisse im Stadion wünschen, da auch bei 4.500 Fans ziemlich viel Plastik auf dem Boden lag. Ein großes, dickes Lob an dieser Stelle an den Verein: Weder Getränke- noch Kartenpreise wurden in dieser Saison angehoben und das, obwohl Zuschauereinnahmen weggebrochen sind und noch eine Zeit lang wegbrechen werden. 

Spielgeschehen – ein bisschen Normalität, ein bisschen anders, viele Emotionen 

Mit dem Einlaufen der Torhüter ging die langersehnte Gesangsparty los. Auch ohne organisiertem Support wurde von uns allen gebrüllt und gesungen was das Liedgut eines Unioners so hergab, ganz nach der Devise „die Heiserkeit ist der Muskelkater des Unioners“ – alles mit einer enormen Lautstärke in der die gesamte angestaute Wut, Freude und Emotionalität der aktuellen sportlichen wie gesellschaftlichen Lage zu spüren war. 

Als Stadionsprecher Christian Arbeit das Feld betrat, brachen die Dämme und ein lautes „Alte Försterei, Alte Försterei, Alte, Alte, Alte Försterei“, sorgte nicht nur beim Stadionsprecher, sondern auch bei einigen, vielen Menschen in Sektor 2 für feuchte Augen. Um einen Unioner zu zitieren: „Is dit schön wieder zuhause zu sein“. Wer an diesem Punkt noch keine feuchten Augen hatte, war spätestens beim Erklingen der Hymne soweit. 

Gefühlt war die erste Halbzeit lauter als der zweite Durchgang und auch ohne Capo vorne hat das mit 4.500 Zuschauern ganz gut geklappt – dennoch: ausbaufähig. Um die Kritik eines Unioners von der Waldseite wortgetreu wieder zu geben: „Wieso brüllt Ihr nicht?! Seid Ihr etwa ernsthaft heute hier, um Fußball zu gucken?!?!“. 

Großen Applaus bekam in der Halbzeitpause Felix Kroos, der den Verein nun Richtung Braunschweig verlassen hat. Ein wohlverdienter Abschied vor Zuschauern und an dieser Stelle noch einmal die besten Wünsche für Felix. Danke für Deine Zeit bei Union! Ein weiteres Highlight war dann kurz vor Ende des Spiels die Einwechslung von Akaki Gogia nach fast einem Jahr Verletzungspause. Willkommen zurück auf dem Platz! Ich denke, er wird gehört haben, dass wir ihn vermisst haben. Die Ehrenrunde nach dem Schlusspfiff war auch wie immer: eine Party in jeder Ecke des Stadions und am Ende die Erkenntnis: wir können nicht nur Singen und Springen, sondern auch Hygienekonzept, was auf ganzer Linie überzeugt hat. Union hat geliefert.

Fazit: Hygienekonzept hat funktioniert, Generalprobe geglückt! 

Ach so, …. Das Spiel endete übrigens 2:1 – genau wie vor 100 Jahren nur mit umgekehrten Vorzeichen, mit einem Sieg für Union. Generalprobe auf ganzer Linie geglückt. An dieser Stelle ein ganz großes Lob und Danke an den Verein, Ordner, Fans und all diejenigen Menschen, die dieses Spiel möglich gemacht haben. Mit dem Konzept sowie dessen Befolgung ist ein wichtiger Schritt getan, damit weitere Spiele vor Zuschauern folgen können. Und wer weiß, vielleicht haben andere Bundesligisten zugeschaut und ermöglichen ihren Fans bald auch wieder Zutritt ins Stadion.

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