Die Nagelsmannisierung – Junge Trainer im Profi- und  Amateurfußball auf dem Vormarsch

Spannende Jungtrainer im Underclass-Fußball. Stephan Gerteis hat sie gefunden und stellt sie Euch hier vor.

Noch vor 20 bis 40 Jahren waren junge Trainer im Fußball absolute Mangelware gewesen. Hier und da gab es mal ein paar Ausnahmen, aber diese bestätigten nicht unbedingt die Regel. Eine dieser „Ausnahmen“ war Peter Neururer, der schon mit 32 Jahren 1986 als Nachfolger für Horst Hrubesch bei Rot-Weiß Oberhausen ins kalte Wasser der zweiten Bundesliga geworfen wurde. Was die Leistung von Peter Neururer noch beachtlicher machte, war sein nicht vorhandener Stallgeruch. Als Spieler hat er nie als Profi auf dem Platz gestanden. 

Ähnliches trifft auf Bernd Stöber zu. Der damalige Kölner Amateurspieler beendete mit 24 Jahren seine Spielerkarriere und schloss mit ebenfalls 24 Jahren als einer der jüngsten seine Fußballlehrer-Ausbildung ab. Kurz danach wurde er beim damaligen Bundesligisten 1. FC Saarbrücken 1976 als Assistenztrainer von Slobodan Cendic angestellt. Als dieser nach neun Spieltagen auf Platz 15 entlassen wurde, hatte Saarbrücken eigentlich schon eine Zusage von Rolf Schafstall bekommen. Dieser zog seine Zusage jedoch nach kurzer Zeit wieder zurück, wodurch Bernd Stöber im Alter von 24 Jahren zum Interimstrainer aufstieg. Auch wenn er die Mannschaft nur für ein Spiel betreut hat, gilt er damit bis heute als jüngster Trainer der je eine Bundesligamannschaft betreut hat. 

Der bekannteste junge Trainer der jüngeren Zeitgeschichte ist eindeutig Julian Nagelsmann. Der in der Saison 2015/2016 als Nachfolger von Huub Stevens mit 28 Jahren zum jüngsten Cheftrainer in der Bundesliga wurde und mittlerweile Trainer des Rekordmeisters Bayern München ist. Sein Weg hat sicherlich einige der gleich vorgestellten Jungtrainer inspiriert. 

Jan Winking (26) – 1. FC Bocholt 

Jan Winking ist mit gerade einmal 26 Jahren aktuell der jüngste Trainer unter allen Regionalliga-Vereinen. Der sich selbst als fanatischer Kicker Leser bezeichnende Jungtrainer, begann seine Trainer-Laufbahn im Seniorenbereich bereits mit 20 Jahren als Co-Trainer beim 1. FC Bocholt. Danach war er drei Jahre Cheftrainer beim Landesligisten Westfalia Gemen. 2020 übernahm er mit gerade mal 24 Jahren den ehemaligen Zweitligisten Bocholt und führte diesen in seinem zweiten Jahr souverän in die Regionalliga. Auch wenn sein erstes Spiel in der vierten Liga gegen den ebenfalls ambitionierten Mitaufsteiger 1. FC Düren verloren ging, bin ich mir sicher, dass man in der Zukunft noch einiges von dem Inhaber der DFB-Jugend-Elite-Lizenz hören wird.
(Anmerkung der Redaktion: Jan Winking wurde leider etwas überstürzt schon nach drei Spieltagen in der Regionalliga West entlassen. Wir sind jedoch überzeugt, dass man noch einiges von ihm hören wird und wünschen dem jungen Trainer alles erdenklich Gute.)

Anbei ein Interview des Jungtrainers mit der Plattform Transfermarkt.de:

https://www.transfermarkt.de/winking-im-interview-mit-26-jahren-cheftrainer-bei-regionalliga-aufsteiger-1-fc-bocholt/view/news/408318

 

Lirian Gerguri (27) – Sportfreunde Siegen

Foto: Sportfreunde Siegen

Lirian Gerguri führte die B-Jugendmannschaft des ehemaligen Zweitligisten Sportfreunde Siegen nach zehn Jahren wieder in die Junioren-Bundesliga. Vor zehn Jahren beim letzten Aufstieg stand er selber noch auf dem Spielfeld. Kurz nach diesem Erfolgserlebnis hatte die Oberliga-Mannschaft von Siegen, die sich im Abstiegskampf befand, ihren Trainer entlassen und die Wahl des neuen Trainers fiel auf Lirian Gerguri. Dieser meisterte die Aufgabe mit Bravour und hielt die Sportfreunde in der Oberliga. Daraufhin sprachen die Siegener ihm auch das Vertrauen für die kommende Saison aus.
Sein Vertrag läuft bis 2024. Aktuell erwirbt er in der DFB-Akademie seine  B+-Lizenz und arbeitet noch in seinem Beruf weiter. Auch hier sind wir gespannt was die Zukunft bringen wird. 

Matthias Strohmeier (28) – VfB Hallbergmoos 

Auch als Spieler hat Matthias Strohmeier schon einiges erlebt. Er hat unter anderen Erfahrungen in der Regionalliga bei Schweinfurt 05, Bayern München II, VfR Garching und dem FC Augsburg II gesammelt. Aber auch Profiluft hat er in der ersten Schweizer Liga beim FC Vaduz gesammelt. Doch mit 25 Jahren merkte er relativ früh, dass eine langfristige Profi-Perspektive bei ihm nicht gegeben ist und so konzentrierte er sich intensiver auf das Trainergeschehen.
Besonders geprägt hat ihn die Zeit als Spieler bei Bayern München II, in der er vom heutigen Manchester United-Trainer Erik Ten Haag trainiert wurde. Zu dieser Zeit  durfte er auch einigen Trainingseinheiten von Pep Guardiola beiwohnen. Zu ten Haag hält er auch bis heute Kontakt und tauscht sich immer mal wieder mit ihm aus.

Nach seinen ersten Trainerschritten beim Bayernligisten Türkspor Augsburg übernahm er zum Saisonende 21/22 den in Abstiegsnöte geratenen VfB Hallbergmoos, die mit gerade mal zwei Siegen in die Rückrunde starten mussten. Am Ende stand der sensationelle Klassenerhalt über den Umweg Relegation. Aktuell ist der Trainer mit dem für Oberliga-Verhältnisse sehr professionellen Umfeld des VfB Hallbergmoos extrem zufrieden. Dieser besitzt zwei Trainings-Fußballplätze, ein neues Stadion, zwei Kabinen, eigene Besprechungsräumen mit Beamer, Videoanalysetools und vieles mehr.

Dazu kommt gerade im Technikbereich, dass der Verein mit dem Internationalen Fußball-Institut in Ismaning zusammenarbeitet. Des Weiteren profitiert man von der Nähe zum Münchner Flughafen, wodurch  ein Deal zur Benutzung von Bussen für Auswärtsfahrten besteht.

Anbei ein Bericht über die sensationelle Aufholjagd von Matthias Strohmeier und dem VfB Hallbergmoos: 

https://www.kicker.de/das-moderne-dorf-wirft-nichts-um-die-aufholjagd-des-vfb-hallbergmoos-905866/artikel

Max Bergmann (24) – Hallescher FC

Foto: Hallescher FC

Der gerade mal 24-jährige gebürtige Bremer Max Bergmann hat bis vor vier Jahren noch hauptsächlich für die Taktik-Plattform Total Football Analysis Texte über Taktik verfasst und zusätzlich einen YouTube-Kanal über Taktik für die Plattform aufgebaut. Schon als 19-Jähriger hat er in Bremen angefangen Trainer-Lizenzen zu machen und auch schon die U17 von Union 60 Bremen trainiert. Für ein Studium der Sportwissenschaften ist er dann nach Frankfurt am Main gezogen und hat auch dort unter anderem in Offenbach weiter Jugendmannschaften trainiert. Über die Videos bei Total Football Analysis wurde der Hallesche FC auf ihn aufmerksam und der damalige Jugendleiter Steffen Weiß meldete sich bei ihm und konnte ihn für einen Videoanalysejob begeistern.

Über diesen Weg rückte er auch immer wieder näher ans Trainergeschehen heran und er wurde aufsteigend von der U17 bis zur U19 zusätzlich zur Videoanalyse noch Co-Trainer. Als Andre Meyer Trainer wurde, rückte er auch immer mehr an die Erste Mannschaft heran. So kam es letzte Saison zu der Situation, dass Trainer Andre Meyer für ein Spiel gesperrt war und Max Bergmann in die erste Reihe rückte. In seinem Premierenspiel beeindruckte er mit einer mutigen Ausrichtung, die am Ende nach zweimaligem Zwei-Tore-Rückstand zu einem 3:3 gegen den VfL Osnabrück führte. Ich bin mir sicher, dass wir von Max Bergmann in den nächsten Jahren noch einiges hören werden. 

Anbei ein Podcast des MDR mit Max Bergmann als Gast:

https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/podcast/badkurvenversteher/audio-hfc-max-bergmann100.html

Marcel Yahyaijan (30) – FC Villingen 08

Foto: Marc Eich

Den Mann mit seinem nicht einfach auszusprechenden Nachnamen kann man trotz seiner gerade mal erst 30 Lenzen ohne Umschweife fast schon als Trainer-Urgestein bezeichnen. Schon seit sieben Jahren ist Marcel Yahyaijan als Trainer aktiv und dabei durchweg verwurzelt beim südbadischen Verein FC Villingen 08. Schon in der Saison 2015/2016 hat er die A-Jugend-Mannschaft der Villinger übernommen und ist seitdem peu à peu innerhalb des Vereins von Mannschaft zu Mannschaft aufgestiegen. Erst zum Co-Trainer der zweiten Mannschaft, dann zu dessen Cheftrainer, dann zum Co-Trainer der ersten Mannschaft und schließlich in der Saison 20/21 mit gerade mal 28 Jahren zum Hauptverantwortlichen der ersten Mannschaft. Zusätzlich war er schon in Personalunion neben dem Trainerdasein Jugendkoordinator und ist aktuell in Doppelfunktion neben dem Posten des Cheftrainers auch Sportdirektor. 
Seit einem Jahr ist Yahyaijan Inhaber der A-Lizenz, mit der er auch Vereine in der Regionalliga übernehmen kann. Zudem ist er im Besitz der DFB-Jugend-Elite-Lizenz, mit der man auch Jugend-Bundesligisten betreuen darf. Zusätzlich kann er schon einige Hospitationen im Profifußball aufweisen. Unter anderem beim österreichischen Erstligisten Wolfsberger AC. 

Anbei ein Podcast mit Marcel Yahyaijan als Gast:

https://podtail.com/podcast/b360-podcast-inside-football-out-of-the-box/ifootb-episode-45-marcel-yahyaijan-fc-08-villingen/

Man sieht, dass wir uns in Zukunft nicht Sorgen um spannende Trainer machen müssen. Wir werden uns das genau angucken.

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