DIE MAGIE DER KUGELN ODER DEM ANDEREN EINE FALLE STELLEN

Auch in diesem Jahr zog das German Masters wieder zahlreiche Snooker-Fans in ihrem Bann. Im Tempodrom in Berlin herrschte wieder eine ganz besondere Atmosphäre. Ein spezielles Klientel beobachtete ein außergewöhnliches Präzisionsspiel.

Sonntagabend im Herzen Berlins. Zwei Männer stehen mit ihren Queues an einem langen grünen Tisch und schießen sich die Kugeln um die Ohren. Es geht hin und her. Meist setzen sich die beiden Akteure gar nicht auf ihren jeweiligen Sessel, sondern sie bleiben gleich stehen, weil sie wissen, dass sie gleich wieder dran sind. Aber nicht, dass die beiden versuchen würden, die bunten Kugeln auf dem Tisch zu versenken – nein, dem ist weit gefehlt: Es geht darum, die Spielobjekte so zu platzieren, dass sie für den Kontrahenten schwer möglichst spielbar sind – idealerweise sogar gar nicht. Dann ist das Ziel einer so genannten Safety erreicht: Der Gegner wurde gesnookert – zu Deutsch: gesperrt oder ausgebremst. Dafür gibt es dann Punkte, obwohl man gar keine Kugel versenkt hat. Manch einer wird es bereits erkannt haben: Es handelt sich um Snooker, genauer genommen dem Endspiel des German Masters. Kleine Randnotiz: Vom Verb „to snooker“ hat das Spiel übrigens nicht seinen Namen erhalten. Nach Entwicklung der Sportart führte der britische Oberleutnant Neville Francis Fitzgerald Chamberlain am Ende des 19. Jahrhunderts den Begriff ein, als dieser gesagt bekam, dass an der Royal Military Academy Woolwich neue Kadetten als „Snookers“ bezeichnet wurden. Da Chamberlain feststellte, dass alle bisherigen Akteure des Snookerspieles in diesem Anfänger waren, entschied er sich, das Spiel „Snooker“ zu nennen.

Beim Finale des German Masters im Berliner Tempodrom stehen sich mit Neil Robertson aus Australien und Judd Trump aus England die beiden Besten der Welt gegenüber. Es ist ein herausragendes Endspiel in einer ganz besonderen Atmosphäre. Als die beiden Finalisten in der Nachmittagssession – der ersten der beiden Perioden des Duells – die Arena betreten, herrscht eine tolle Stimmung – typisch britisch zwischen großem Respekt und einer Menge Anerkennung aber auch ein lautes Anfeuern und emotionalem Grölen rauscht durch die Halle. Es gibt ein Walk-In für die beiden Spieler, jeder tritt zu seinem Lieblingslied ein und bekommt einen gebührenden Applaus. 

Das Turnier in Berlin gehört seit dem Jahr 2011 zur so genannten „Snooker Main Tour“ – sprich: den wichtigsten Events auf der Welt. Der Sieger erhält 80.000 Pfund, insgesamt werden 400.000 Pfund an Preisgeld ausgeschüttet. Neben dem Paul-Hunter-Classic in Fürth ist es das einzige Turnier in Deutschland, bei dem die Weltstars antreten. Die Elite der Szene kommt meist von der Insel: Engländer, Schotten und Waliser dominieren das Geschäft. Ab und zu mischt sich mal ein Chinese oder – wie am Sonntag in Berlin – ein Australier dazwischen.

Das Finale verläuft hochklassig. Es geht darum, als erstes neun Spielabschnitte – so genannte Frames – zu gewinnen. Beim Spielstand von 4:2 kann sich Neil Robertson das erste Mal leicht absetzen. Er trifft unglaublich hochprozentig und spielt sehr sicher. Aber dann kämpft sich Judd Trump zurück und holt sich die letzten zwei Breaks vor der großen Pause am Nachmittag – nach acht Spielabschnitten ist also alles ausgeglichen. Nach acht Perioden erfolgt eine lange Pause. Es geht dann um 20 Uhr mit der Abendsession weiter. Wer jetzt denkt, dass Finale würde an Klasse verlieren, liegt weit daneben. Gerade zu Beginn der Abendsession nimmt die Präzision zu und gerade die Safetys – also die Stöße, bei denen man versucht, den Gegner in eine aussichtslose Lage zu bringen, werden immer genauer und heben das sportliche Niveau. Nachdem Neil Robertson immer wieder etwas Pech im Abschluss hat und viele vermeintlich sicher versenkte Kugeln es sich doch noch einmal anders überlegen und wieder herausspringen, kann sich Judd Trump auf 8:5 absetzen. Am Ende heißt es 9:6 für Trump – ein verdienter Sieg. 

Es spricht für den Sport und dessen Ursprung, dass auch die Spieler wahre Gentleman sind. In den Interviews nach dem Finale zollen sich beide Kontrahenten größten Respekt und haben lobende Worte für den anderen. Neil Robertson sagt, dass er gar nicht so falsch gemacht habe, aber Judd einfach eiskalt gewesen war und somit schlicht besser war. Grundsätzlich zeichnet sich der Snookersport auch durch die speziellen Umstände in Bezug auf die Spieler aus. Die beiden Akteure tragen Hemd und Weste dazu eine Fliege. Zudem weisen die Spieler selbst darauf hin, wenn sie ein Foul begehen – wie beispielsweise die Berührung eines Balles durch die Kleidung. Ebenso kam während des Finales häufig vor, ein besonders gelungener Stoß des Gegners mittels Klopfen auf die Bande honoriert wurde. 

Honoriert werden die zahlreichen herausragenden Aktionen am grünen Tisch auch von den Zuschauern. Man merkt, dass viel Fachpublikum vor Ort ist. Wenn der entscheidende Ball eines Spielabschnitts gelocht wurde, wird umso lauter geklatscht – auch weil viele der Fans im Kopf mitrechnen, wann genau dieser Zeitpunkt erreicht ist. Das Publikum ist überwiegend männlich – was auch daran sichtbar wird, dass man bei den Toiletten ausnahmsweise länger warten muss als das weibliche Geschlecht. Zudem lassen sich verschiedene Sprachen belauschen: Neben dem berlinerischen und sächsischen Dialekt, der oft zu hören ist, mischen sich auch einige osteuropäische Akzente und natürlich sind auch einige Briten dort. 

Auch im kommenden Jahr wird dieses Event erneut am ersten Februarwochenende sein Ende mit den Halbfinals und dem Finale finden. Dann, wenn es wieder nicht unbedingt darum geht, Kugeln zu versenken, sondern dem Gegner eine Falle zu stellen.

2 Kommentare

  1. Kleine Klarstellung: Ziel des Spiels ist es natürlich (!), möglichst hohe Punktzahlen durch Serien von gelochten Bällen zu erzielen: Immer abwechselnd eine rote und eine anders gefärbte Kugel (gelochte Rote sind aus dem Spiel, alle anderen werden zurück auf ihren Platz gelegt), bis alle Roten weg sind, dann die Farben nach ihren Punktwerten in aufsteigender Reihenfolge. Erst wenn man keine Fortsetzung einer Serie sieht, versucht man, dem Gegner möglichst keinen Einstieg zu einer solchen zu hinterlassen. Idealerweise durch einen Snooker. Und ja, da kann es auch Punkte geben, wenn eine andere als die vom Spieler bestimmte Kugel getroffen wird. Bei einem Maximum Break z.B. gibt es keinen einzigen Snooker, weil ein Spieler in einer Aufnahme die maximale Punktzahl von 147 erzielt.

    • Lieber HashtagBetze. Du hast natürlich vollkommen Recht. Das eigentliche Ziel des Spiels ist es natürlich, möglichst viele Kugeln zu versenken. Ganz klar. Sorry für die falsche Prioritätensetzung. Mir ging es eher darum, die Finesse und die Präzision in den Fokus zu rücken, obwohl die Spieler gar nicht das Ziel hatten, die Kugeln zu lochen.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*