Die Jungs gehen dann runter – in eine Art Depression

Martin Romig (r.) zusammen mit dem ehemaligen Spieler der Crailsheim Merlins DeWayne Russell Foto: Die Lichtbuilder. www.dielichtbuilder.de

Vor kurzem gab der Basketball-Bundesligist BG Göttingen die Trennung von US-Spieler Christian Vital bekannt. Die Begründung von BG-Geschäftsführer Frank Meinertshagen: „Es ist ihm sehr schwergefallen, sich an die Gegebenheiten bei einem Profi-Klub zu gewöhnen. Zudem hat ihn starkes Heimweh geplagt.“ Daraufhin fragte ich mich, ob das ungewöhnlich sei und ob das wohl öfter in der Basketball-Bundesliga vorkommt.

Martin Romig, Geschäftsführer der Crailsheim Merlins – ebenfalls ein Basketball-Bundesligist, berichtet ebenfalls von Spielern, die wegen Heimweh ihren Verein verließen. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen, ob es Anzeichen dafür gibt und ob man als Verein etwas gegen die Sehnsucht nach dem eigenen Zuhause tun kann.

Martin, Anlass unseres Gesprächs ist die Trennung der BG Göttingen von Christian Vital, der starkes Heimweh hatte und in die USA zurückgekehrt ist. Bei den Merlins gab es in der Vergangenheit auch schon ähnliche Fälle. Ist das ein neues Phänomen, was in den vergangenen Jahren aufgekommen ist oder gibt es das schon länger?

Ich würde sagen, es ist ein wiederkehrendes Phänomen. Heimweh gibt es überall. Man muss sich das nur mal vorstellen: Man bekommt Jungs aus Amerika. Die haben nichts anderes gemacht, außer Basketball zu spielen – ihr Leben lang. Wahrscheinlich waren sie vorher auch noch nie im Ausland. Dann sind sie auf einmal 6000 Kilometer weg. Und dann kommt eine neue Sprache, die man nicht versteht. Dann sind die Freunde weit weg und so weiter. Nicht jeder gute Collegespieler wird Profi. Im College gibt es einen täglichen Ablaufplan mit Schule und Training und dann später als Profi wird man in so eine Grube geworfen, wo es denn heißt: „Ab sofort bekommst du Geld dafür, jetzt hast du zu funktionieren.“ Vorher wurde man betüdelt. Spieler wurde Teamgeist eingeschworen. Dieser „Spirit College“ – Prüfungen schaffen, Basketball spielen – das ist sicherlich ein anderes Umfeld im Vergleich zum Ausland, man spricht die gleiche Sprache, hat die gleichen Gewohnheiten und man ist auch meisten länger zusammen im günstigsten Fall vier bis fünf Jahre in einem stabilen Umfeld. Und dann geht es mit dem ersten großen oder kleinen Profivertrag in der Tasche Richtung Ausland. Unabhängig, ob der Spieler in der Regionalliga oder in der Bundesliga unterkommt, ist Heimweh beziehungsweise einen entsprechenden Rhythmus zu bekommen ein Thema unserer Erstgespräche. Dass man die Situation hier vor Ort verinnerlicht und gewisse Dinge vielleicht ein bisschen ablegen muss. Damit meine ich den permanenten Kontakt zu seinen Liebsten beziehungsweise zu seinem gewohnten sozialen Umfeld aus der Heimat anders zu regeln. Wenn einer nicht richtig schläft, kann er auch nicht richtig Leistung geben und dann kommt der Zeitunterschied hinzu. Das ist wie eine Mühle. Wenn man da mal selbst drin steckt muss man begreifen, dass erst mal andere Dinge wichtig sind: Ein Ankommen in Deutschland, einen Tages- und Wochenrhythmus aufbauen. Wenn man als Spieler in dieser Phase Schwierigkeiten bekommt oder nicht diszipliniert ist, wird es problematisch.

Kannst du vielleicht von einem konkreten Beispiel bei euch in Crailsheim berichten?

Wir hatten einen Spieler aus Kalifornien, der zum ersten Mal in Europa war. Der war nach sechs Wochen durch. Nicht weil wir ihn nicht mochten oder er vielleicht gemobbt wurde oder weil er nicht gut genug war, sondern er ist einfach abgetaucht. Dagegen kann man kaum was machen. Die Jungs gehen dann runter – in so eine Art Depression, wo man die Leute nicht mehr abholen kann. Grundsätzlich denke ich, dass 50 Prozent der Probleme, die wir im Profisport haben, im privaten Bereich liegen.
Wie merkt man, ob es einem Spieler nicht gut geht? Gibt es Anzeichen dafür?
Anzeichen bestimmt, nur bemerkt man diese in der Regel zu spät.
Grundsätzlich muss man mit dem Profileben klarkommen. Professionell zu sein ist das eine. Mit dem Zeitmanagement umzugehen, ist schwierig. Von einem Spieler wird Leistung gefordert. Sie sollen ihren Körper pflegen. Da gehört viel Selbstdisziplin dazu. Deswegen muss man mit seiner Freizeit gut umgehen können. In den USA gibt es beispielsweise schon Tracker, die das Schlafverhalten analysieren. Ich denke, dass hierauf in der Zukunft vermehrt Acht gegeben wird.
Wenn jemand direkt vom College in eine erste Liga wechselt, spricht das meist dafür, dass der Spieler auf seinem College ein Star war. Vieles wird einem in jungen Jahren auch abgenommen. Im Prinzip sind sie hier dann absolute Rookies und haben vom ganzen Geschäft brutal wenig Ahnung. Wie das Leben läuft. Das fängt beim Wäschewaschen an.

Also lässt sich sagen, dass es häufiger vorkommt, dass die Selbstständigkeit der Spieler fehlt?

Je mehr die Selbstständigkeit mangelt, umso mehr läuft man Gefahr in eine solche Spirale zu geraten.
Je selbstständiger jemand ist und auch eine gewisse Disziplin hat, desto besser sind seine Chancen als Profi. Im Leistungssportbereich muss man erst mal gesund bleiben, um seine Leistung bringen zu können. Aber diese psychologischen Sachen – wenn eine gewisse Nähe oder Bindung fehlt – sind wirklich pures Gift. Wenn jemand Heimweh bekommt ist das wie, wenn jemand den Schalter umlegt – okay, das war es. Der Spieler, der bei uns leider in diese Situation gekommen ist, der war zum Schluss einfach nur wachsweich. Wir haben zu ihm gesagt: „Okay, du fährst jetzt wieder heim.“ Und er hat nur gesagt „Ja.“ Das war meine erste bewusste Situation, wo ich gedacht habe: „Der Spieler ist hier total falsch am Platz.
Von außen betrachtet, denken viele: „Ja, der Spieler hat jetzt diese Chance – blühende Landschaften. Der Weg sieht rosig aus und so weiter.“ Aber das ist halt leider manchmal nicht so. Deswegen sollte man junge Spieler, die diesen Schritt gehen, auf diese Punkte hinweisen, dass sie sich keinen Gefallen tun, wenn sie versuchen, händeringend Kontakte auf dem gleichen Level zu halten wie vorher – vor allem auf der Distanz USA-Deutschland.

Betrifft es denn deiner Erfahrung nach nur Amerikaner oder auch Spieler von anderen Kontinenten oder anderen Bereichen in Europa?

Jeder Schlag Mensch tickt anders. Ein Afrikaner tickt anders als ein Amerikaner. Und ein Kanadier anders als ein US-Amerikaner. Wir hatten drei Südamerikaner bei uns im Kader. Unter anderem einen Uruguayer, der eine gewisse Phobie entwickelt hat. Aber er hat sich auf jeden Fall nicht hundertprozentig wohl gefühlt – sei es das Wetter, das Training, das lockere Leben, was ihm aus der Heimat gefehlt hat. Da prallen unterschiedliche Kulturen aufeinander. Der Spieler aus Uruguay war zum Schluss ein absoluter Hypochonder. Er hat nur noch in seinen Körper hineingehört. Wegen jeder Kleinigkeit wollte er ins Krankenhaus.

Das sind extreme Erfahrungen…

Das war schon extrem, ja. Wir hatten auch einen Dänen, der zu uns kam, der ist nach acht Wochen spurlos heim. Er hatte sich dann mit mir getroffen, fünf Tage bevor er ging. Dann sind wir in eine Kneipe gegangen und er sagte: „I feel so mellow“ (Ich fühle mich weich, habe Sehnsucht). Er hat mir dann Bilder von seiner Freundin gezeigt und hatte Tränen in den Augen. Der Typ war 2,20 Meter groß und er wollte Profi werden. Er war zum ersten Mal weg aus der Heimat. Er kam aus Amerika, hatte aber einen dänischen Pass. Ohne die Frau konnte er nicht. Er ist einfach abgereist und war weg. Das sind alles Erfahrungen aus 20 Jahren. Wir hatten auch viele Fälle, wo es gut funktioniert hat.

Kann man als Verein gegen solche Entwicklungen gegensteuern?

Ich weiß es nicht, ob es da Ressourcen gibt. Klar, könnte man Psychologen einstellen. Aber einfach mal den Aufwand dagegenzustellen, für den seltenen Fall, dass so etwas passiert. Ein Spieler kommt, der soll funktionieren. Es gibt eine Vorbereitungszeit von sechs Wochen, dann beginnt die Saison. Dann steht man als kleines Team in der Liga auch noch unter Druck, wenn es um jeden Sieg geht. Da haben wir keine Zeit, um jemanden aufzupäppeln. Ich denke, alles andere wäre brutaler Aufwand und vergebene Liebesmühe. Man kann niemanden „prügeln“, hier zu sein. Ein Spieler muss da sein wollen.

Wie geht es dann weiter? Also wenn man sich trennt – ist das ein arbeitsrechtliches Problem? Der Spieler unterschreibt für eine Saison und löst dann nach wenigen Wochen einen Vertrag auf.

Wenn ein Spieler Heimweh hat, dann wird er rechtlich gar nicht die Energie haben, aufzustehen und zu sagen: „Der Verein hat mich böse behandelt.“ In der Bundesliga haben wir einen hohen Standard. Wenn sich arbeitsrechtlich zwei – in dem Falle Spieler und Verein – auf eine Aufhebung einigen und der Spieler sagt „Okay, ich habe mir das anders vorgestellt. Ich bin hier nicht am richtigen Ort“ Dann braucht man auch kein Arbeitsgericht oder Ähnliches. Das ist eine einfache Auflösung.

Ich dachte, der Verein braucht Planungssicherheit. Daher ist es schwierig, wenn Spieler plötzlich den Verein verlassen.

Planungssicherheit ist wichtig aber niemals verlässlich gegeben, solche Situationen werden immer mal wieder aufploppen. Die Vereine müssen sich der neuen Situation stellen und dann entsprechend agieren

Seid ihr mit den Spielern in Kontakt geblieben, die euch wegen des Heimwehs verlassen?

Mit dem einen oder anderen bin ich noch locker in Kontakt und ist in einem anderen kulturellen Umfeld dem Basketball weiter treu geblieben ist. Mit anderen Spielern bin ich nicht mehr in Kontakt.

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