DIE CHANCE DER UEFA

In der aktuellen Diskussion um die Absage oder Verschiebung von Großveranstaltungen, ergibt sich für den Europäischen Fußballverband UEFA die Gelegenheit einen großen Fehler auszugleichen. Das hat gewiss seinen hohen Preis.

Coronavirus. Dieses Wort pulverisiert in den Suchanfragen bei Google bereits jetzt alte Rekorde. Die Pandemie hat alle erreicht und die Gesellschaft steht nun vor großen Aufgaben. Wie organisiert sie sich bis zu dem Moment, wenn ein Impfstoff gegen SARS-CoV-2 flächendeckend eingesetzt werden kann? Wann haben die letzten Bürger begriffen, dass das Handeln jedes Einzelnen ein Beitrag, ja vielleicht auch ein großes Opfer, für die Allgemeinheit ist? Wir reden ja hier über Sport: wann haben alle Fans begriffen, dass Geisterspiele, also Spiele ohne zahlendes Publikum in der Arena, kein Versuch der handelnden Verantwortlichen ist, die Fans, Ultras, Zuschauer zu ärgern? 
Was es mit dieser Pandemie auf sich hat, erfährt man aktuell von Montag bis Freitag jede Woche im Podcast von NDR info mit dem Virologen Professor Christian Drosten, der mit verständlichen Worten diese Katastrophe erklärt. Von uns eine absolute Hörempfehlung!

Worauf wir uns wohl einstellen müssen: nichts wird in den kommenden Monaten, ja vielleicht Jahren, mehr so ablaufen, wie wir das gewohnt sind. Wie etwa, dass eine Fußball-Europameisterschaft alle vier Jahre, über die Bühne geht. Denn aktuell sieht es sehr danach aus, dass das sogenannte Coronavirus im Sommer alles andere als verschwunden sein wird und ein Großevent wie die paneuropäische Meisterschaft der Nationen ins Wasser fällt. 

Aus sportlicher Sicht ist das dramatisch. Die EM genießt schon lange einen sportlich höheren Genusswert als eine WM, weil die Dichte an Qualität einfach größer ist. Das wird sich noch deutlicher herausstellen, wenn FIFA-Kontrollator Gianni Infantino das Weltturnier mit 48 Teilnehmern noch weiter verwässern wird. Und ja: ein Ausfall der EM trifft die Wirtschaft hart. Das sei ohne Häme gesagt, denn die Unternehmen, die viel Geld in das Turnier stecken, sind eben nicht nur profitgeile Gierfabriken, sondern eben auch Arbeitgeber und keiner weiß, wie die Weltwirtschaft aus dieser Nummer herauskommen wird. So richtig vorstellen kann man sich dazu einfach nicht, wie etwa in Rom zehntausende Fußballfans zusammenkommen sollen, um den Beginn der EM zum Spiel Italien gegen die Türkei zu feiern. Ganz zu schweigen von den hunderten Public Viewings, die wieder veranstaltet werden sollen. 

Es gilt jedoch auch die positiven Aspekte heraus zu stellen: 

  1. die EM in 12 Ländern ist ein schlechtes Zeichen in Zeiten des Klimawandels. Während fast jede Bewerbung auf die Ausrichtung von Olympischen Spielen, WMs, EMs oder vergleichbaren Turnieren auf kurze Wege hinweist, ist diese gigantomanische Fußball-Europameisterschaft über den gesamten Kontinent verteilt. Zwischen Baku, Dublin, St. Petersburg und Bilbao wird gejettet, dass sich die Balken biegen. Fans müssen Distanzen wie bei keinem Turnier vorher überbrücken. Nur die wenigsten Reisen könnten mit Zug oder Bus realistisch angetreten werden. Eine Absage des Turniers würde einige Tonnen an CO2 einsparen. 
  2. Die EM würde nicht in Aserbaidschan stattfinden. Ein Land, das mit der Pressefreiheit auf Kriegsfuß steht und in dem man als Homosexueller einigen Repressalien ausgesetzt ist, sollte besser nicht Ort eines solchen Turniers stehen. Aber das ist nur des Autors höchstpersönliche Meinung. Er sah das auch bei der vergangenen WM so. 
  3. Wie sich ein Team für dieses Turnier qualifizieren kann, wird selbst ein Experte nur mit gründlichem Überlegen fehlerfrei erklären können. Teams, die aus der UEFA Nations League sich ihr Ticket erspielten, bereits qualifizierte Mannschaften, die an der regulären Qualifikation teilnehmen konnten, Auslosungen, die bis zum heutigen Tag immer noch nicht ermitteln konnten, wie alle Gruppen zusammengesetzt sein werden. Hinzu kommt der ganz alltägliche Wahnsinn mit Teams, die sich nicht in den Gruppenphasen treffen dürfen (bspw. Russland und die Ukraine). Dieses Prozedere ermöglicht Gigantengruppen mit Deutschland, Weltmeister Frankreich, Europameister Portugal und einem noch unbekannten viertem Team. Wirklich nachvollziehbar ist das alles nicht. 

Ob die Macher in der UEFA inzwischen dieses Turnier bereuen, ist nicht überliefert. Jedoch bietet die Coronaviruskatastrophe, anders als katastrophal kann man die Zustände in Italien, dem am heftigsten getroffenen Land in Europa, nicht bezeichnen, die Chance dieses Turnier mit gutem Gewissen abzublasen und sich in den Strukturen der europäischen Fußballverbände darum zu kümmern, wie man die Verluste, die die Coronapandemie der Sportwirtschaft zufügt, kompensiert werden können. Beispielsweise, indem man die Zeit im Sommer nutzt, sollte man die EM absagen, um die Ligen, die Planungssicherheit für die kommenden Saisons brauchen, zur Not unter Ausschluss von Publikum zu Ende zu spielen. 

Diese Ausnahmezeit erfordert Ausnahmeopfer und -maßnahmen. Wir sollten alle dennoch die Ruhe bewahren und sachlich schauen, wie man diese Zeit mit möglichst wenig Schrammen übersteht. Eines dieser Opfer könnte ein Sommer 2020 ohne Europameisterschaft im Herrenfußball sein. 

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