CHRISTIAN GENTNER – FUSSBALLGOTT ODER GÖTTERDÄMMERUNG?

Foto: Stefanie Fiebrig @rudelbildung (textilvergehen.de)

Eine nicht ganz ernstgemeinte Situationsanalyse unseres Gastautors Ralf Politz.

381 Bundesligaspiele, 2 deutsche Meisterschaften, DFB-Pokal-Finalist, 5 Spiele für die deutsche Fußballnationalmannschaft – das ist nicht die sportliche Vita eines Bayern-Spielers, sondern eines, nennen wir es beim Namen, etwas ins Alter gekommenen, aber sehr erfahrenen Kickers des 1. FC Union Berlin – Christian Gentner.
Mit 34 Jahren ist Gentner mittlerweile im Spätsommer seiner aktiven Spielerkariere angekommen, mit nach wie vor beeindruckenden Werten. Im letzten Punktspiel gegen die BSG Arzneimittelfabrik Leverkusen, zum Beispiel, spulte Gentner mit 12,110 km die meisten Kilometer auf dem Feld ALLER Spieler herunter. Robert Andrich oder Marius Bülter kamen auf Seiten unseres FC Wundervoll, entsprechend der gleichen Spielzeit, auf 11,8 km bzw. auf 11,3 km. Um die durchaus beeindruckenden Werte noch besser zu verdeutlichen: Kai Havertz, als der Laufbeste der BSG, kam mit 12,103 km auf ebensolche beeindruckende Zahlen. Aber – der Eine mit 20, der Andere mit 34 Jahren. Sieht man sich diese nackten Zahlen an, scheint unserer Geschäftsführer Sport, Oliver Ruhnert, mal wieder ein sicheres Händchen für eine Verstärkung auf sportlicher wie in erfahrungstechnischer Hinsicht bewiesen zu haben.

Nach 5 Spielen, in denen Christian Gentner bei 4 Spielen auf dem heiligen Rasen zu finden war (in Augsburg stand er verletzungsbedingt nicht im Kader), muss man allerdings die Frage stellen, ob der Plan, dem Spiel durch seine Erfahrung Sicherheit und Stabilität zu verleihen, aufgegangen ist. Denn so beeindruckend wie die oben genannten Zahlen auch sind, das Spiel gegen die BSG – wir wissen es alle – ging mit 0 zu 2 verloren und wir waren damit sogar noch mehr als gut bedient. An dieser Stelle muss natürlich betont werden, dass bei uns KEIN Spieler für eine Niederlage verantwortlich gemacht wird. Fußball ist, Achtung Phrasenschwein, eine Mannschaftssportart, in der die Summe vieler Fehler zu einer Kettenreaktion führt und am Ende der Ball im eigenen Netz zappelt. So weit, so gut. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob Christian Gentner die in ihn gesetzten Ansprüche – dem Kollektiv Sicherheit und Stabilität auf den Rasen der Wahrheit bringen – erfüllen kann. Und hier scheiden sich die Geister. Stehe ich auf meinem Platz in Sektor 3 in der Nähe der alten Anzeigentafel, höre ich in meinem direkten Umfeld verschiedene Argumente für und gegen Gentner. Klar ist, wir sind alles verkappte Trainer und können alles besser, vor allem wissen wir immer, wen der Trainer als Ersatz auf das Feld schicken sollte. Selbst in meiner sozialen Bezugsgruppe herrscht Uneinigkeit. Der Eine möchte unbedingt wieder Felix Kroos spielen sehen, weil der eh die besten Flanken schlagen kann oder Manuel Schmiedebach, der einzig wahre 6er im Kader, weil er in der 2. Liga alles abgeräumt hat, was ihm vor die Flinte – ähm Schienbeinschoner – kam.

Ich glaube, dass man nach 5 Spieltagen noch nicht mit Sicherheit sagen kann, in welche Richtung das Pendel pro oder contra Gentner ausschlagen wird. Fakt ist: auf dem Platz steht eine Mannschaft, die in dieser neu zusammengewürfelten Formation bisher nur 5 Bundesligaspiele zusammen absolviert hat und durch Verletzungen und 3 Feldverweisen zusätzlich geschwächt wurde. Dass man da unter normalen Umständen noch nicht von einer eingespielten Mannschaft sprechen kann, sollte eigentlich allen klar sein. Diese normalen Umstände wurden bisher nur einmal außer Kraft gesetzt: in dem Spiel gegen den BVB, in dem selbst spielerische Mittel nicht die allererste Sahne waren, aber – und das ist der Unterschied zum Spiel gegen die BSG aus Leverkusen – mit Kampf, Leidenschaft und Laufbereitschaft ALLER Spieler wettgemacht worden. Versetzen wir uns doch einfach mal selbst in die Lage von Christian Gentner. Wir alle haben mit Sicherheit schon mehrfach mal den Arbeitsplatz gewechselt. So … und jetzt überlegen wir alle einmal gemeinsam: haben wir nach einem Wechsel zum neuen Arbeitgeber sofort die gleiche Performance an den Tag gelegt wie vorher? Seien wir ehrlich: nein! Jeder braucht eine gewisse Zeit sich in einer neuen Stadt, in einer neuen Umgebung mit vielen neuen Kollegen in Ruhe zu akklimatisieren – auch im Haifischbecken Bundesliga. Also geben wir auch ihm die Zeit bei uns anzukommen. Dann wird er mit Sicherheit seine Stärken, für die er geholt wurde, auf dem Platz unter Beweis stellen. In diesem Sinne: Christian Gentner – Fußballgott! EISERN 

Ralf Politz ist Stadionbesitzer, Dauerkarteninhaber und glühender und langjähriger Mitglieds-Fan vom 1. FC Union Berlin, arbeitet für den Tagesspiegel und wird ab jetzt von Zeit zu Zeit für Plattsport seine Gedanken zu den Eisernen hier mitteilen. Bei Twitter ist er @RalfPolitz.

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