“Basketballspiele ohne Publikum sind scheiße”

Tom Böttcher ist Hallensprecher von Alba Berlin und vermisst das Publikum und die Stimmung in der Mercedes-Benz Arena. Foto: Privat

Seit 21 Jahren ist Tom Böttcher Hallensprecher bei Alba Berlin. Im Interview berichtet er, was sich für ihn durch Corona geändert hat und  wie das Moderieren in einer menschenleeren Halle ist.

Tom, wenn ich mir die Heimspiele von Alba Berlin am heimischen PC anschaue, nehme ich schon wahr, dass du versuchst, Stimmung zu erzeugen – obwohl nur ganz wenige Leute in der Halle sind. Wie ist es für dich in der Halle gerade?

Die meisten, die da sind, sind ja nicht gekommen, um Stimmung zu machen. Die, die noch Stimmung erzeugen, sind die Mannschaften selbst und die Menschen, die direkt zu den Teams gehören. Die Ordnungskräfte und Medienschaffenden machen jetzt nicht unbedingt Stimmung. Ich merke immer, wie jeder Einzelne, der an der Bank aufspringt, sehr hilfreich ist. Das habe ich auch bei dem Endrunden-Turnier im Sommer in der Bubble in München gemerkt.

Was meinst du genau?

Ich fand, dass die Mannschaften, die es geschafft haben, das ganze Team – auch das, was draußen sitzt, an der Stimmung teilhaben zu lassen, immer einen Schub bekommen. Da springt dann ein kleiner Funke über.

“Bei Alba sehe ich keine Stresspunkte”

Hier fällt mir gleich die unterschiedliche Stimmung in den Teams der MHP Riesen Ludwigsburg und des FC Bayern München ein. Ich denke, da hat sich die Atmosphäre in der Mannschaft auch in der sportlichen Leistung widergespiegelt.

Ja, da stimme ich dir zu. Machen wir uns nichts vor: Es geht nicht wirklich ohne die Fans. Daher greifen die Teams nach jedem Strohhalm. Damit die Spieler auf dem Feld einen Impuls von außen bekommen und merken, dass es doch nicht nur ein Trainingsspiel ist. So hören die Akteure zwar ihre Turnschuhe quietschen, aber durch den Impuls von außen ist doch noch ein Wettkampf da – unter dem Strich sind dann doch noch ein paar Dinge da, die die Spieler daran erinnern, wie schön es mal war.

Wie würdest du die Stimmung bei Alba in den vergangenen Monaten beschreiben?

Die Mannschaft von Alba harmoniert sehr gut miteinander und versteht sich sehr gut. Da gibt es keine Stresspunkte, die ich von außen wahrnehme. Die Spieler mögen sich. Gerade der Fakt, dass der Alba-Coach viele junge Spieler ins Team integriert und diese auch häufig auf dem Parkett stehen, führt dazu, dass die Etablierten begeistert sind. So freuen sich die Erfahrenen mit den jungen Spielern mit – das ist richtig offensichtlich. Ich finde, das macht den Teamspirit bei Alba Berlin aus. Manche Mannschaften sind während des Spiels eher kühl, aber Alba kann sich während des Spiels begeistern, was sie als Mannschaft für einen schönen Basketball spielen.

“Keine Sprechchöre, kein Singen”

Wie ist es eigentlich, vor leeren Rängen als Hallensprecher zu agieren: Macht es noch Spaß?

Über die Wochen und Monate, die wir jetzt schon ohne Fans auskommen müssen, wird es immer skurriler. Am Anfang war eine abgebrochene Saison, dann kam die Bubble in München, die ich im Fernsehen verfolgt habe. In der neuen Saison durften dann 700 Menschen in die Halle – bei zwei Spielen, glaube ich. Allerdings unter strengsten Auflagen – und das hatte nicht viel damit zu tun, was eigentlich ein Besuch eines Alba-Spiels ausmacht. Keine Sprechchöre, kein Singen. Da fragt man sich als Hallensprecher: „Darf ich jetzt jemanden ermuntern, sich für die Defense zu engagieren?“ Was ich natürlich nicht durfte. Normalerweise brüllen mir dann 10.000 Menschen „Defense“ entgegen – aber in dem Falle dürfen sie es nicht. Das waren zwei Heimspiele, die sehr skurril waren.

Wie war es danach, als niemand in die Halle durfte?

Als es wieder ganz leer war in der Halle, habe ich mich schon gefragt, wie das funktionieren kann? Wie schaffe ich es überhaupt, in die Halle zu moderieren? Von den Ordnern wurde ich auch schon angesprochen, ob ich mir nicht komisch vorkomme, wenn du hier so alleine bist. Sicher war das komisch, aber es musste ja irgendwie weitergehen. Im Grunde genommen sind wir als Sportart und auch ich als Hallensprecher privilegiert: Wir dürfen Sachen machen, die andere gar nicht dürfen. Daher bin ich auch sehr demütig, dass ich gerade noch als Hallensprecher arbeiten darf.

Aber…?

 … was den Spaß anbetrifft: Mir fehlt unglaublich viel. Nicht, dass ich den Spaß, den ich persönlich an diesem Basketballsport und dieser Mannschaft habe, nicht transportieren könnte. Im Hinterkopf habe ich immer – gerade, wenn Alba gut spielt: Wie schön wäre das, wenn die Mannschaft den Lohn von den Leuten bekommen würde, die da wären. Und die Fans ihre Begeisterung auch aus nächster Nähe zeigen könnten, wie toll sie das finden. Das fehlt extrem.

“Es hatte etwas Spaß-befreites”

Also, vor allem die Emotionen fehlen dir?

Natürlich. Davon lebe ich als Hallensprecher. Davon, Emotionen zu initiieren und auch etwas zurückzubekommen. Zum Beispiel, wenn ich die Jungs zum Warmmachen auf das Parkett hole. Dann kündige ich das Team an und ein paar Spieler antworten mir: „Guten Abend, Tom“ – eine ungewöhnliche direkte Kommunikation.

Nochmal zurück zu den Spielen mit wenigen Fans: Wenn ich das richtig deute, ist es dir lieber, wenn die Halle ganz leer ist, als wenn einige Zuschauer rein dürfen?

Bei den Spielen mit wenigen Fans musste ich mehrmals die bekannten Hygieneregeln vorlesen: Kein Singen, Abstand halten, keine Schlangen und so weiter. Und das hat schon was extrem strenges, etwas Spaß-befreites. Aber es musste sein, weil es das Hygienekonzept vorsah. Es ist schrecklich, wenn man Menschen sagen muss: „Bitte keine Sprechchöre. Wenn dann maximal klatschen.“ Das hat nichts damit zu tun, warum man eigentlich zu einem Spiel geht.

Wie sehr vermisst du den Impuls der Zuschauer bzw. die Interaktion mit dem Publikum?

Mir fehlt das Publikum total. Basketballspiele ohne Publikum sind scheiße.

“Ich vermisse den Fantalk sehr”

Was ändert sich konkret für dich – sowohl während des Spiels auch in der Vorbereitung?

Ich moderiere ständig mit Maske. Ich darf mich den Spielern nicht nähern, weil ich nur in gewisse Bereiche der Halle darf. Im Spielablauf gibt es dementsprechend keine Aktionen für die Zuschauer – also keine Hinweise auf Gewinnspiele, die nächsten Heimspiele, neue Fanartikel und so weiter. Was ich auch sehr vermisse, ist der Fantalk nach dem Spiel, den es aktuell natürlich nicht gibt – und auch bei den Spielen mit wenigen Fans nicht gab. Für mich hat der Fantalk einen Abend immer schön abgerundet.

Wie ist das mit dem Sprechen hinter der Maske? Ist das anstrengend?

Da gewöhnt man sich dran. Ich vergleiche es gern mit Leuten, die acht oder neun Stunde mit einer Maske arbeiten. Ich habe sie vor dem Spiel bis zur Halbzeit auf – vielleicht so eine Stunde. In der Pause darf ich die Maske in einem gesonderten Bereich abnehmen und dann kommt noch die zweite Halbzeit. Daher will ich nicht jammern. Ich finde sogar, das Sprechen hinter der Maske ist echt okay.

Fällt es dir persönlich schwer, eine Stimmung in der Halle zu entwickeln? Ist das überhaupt sinnvoll, wenn keine Fans da sind?

So wie ich die Spieler mehr höre, hören sie mich natürlich auch mehr. Sie merken schon, wie meine Stimme agiert. Es gab schon Spiele, da habe ich versucht, einen Lauf zu initiieren. Natürlich ist es leichter, wenn man Fans hat, die in der Halle steil gehen und sich das dann so hoch putscht. Es gab Situationen, da lag Alba vor dem letzten Viertel mit zehn Punkten zurück, war aber gut im Spiel und es spricht nur wenig dafür, dass sie es nicht mehr schaffen könnten und die Chancen stehen gut, die Partie noch zu drehen. Da merke ich dann schon, dass ich Tempoverschärfungen oder Ansagen wie „Alba in der Defense“ oder „Holt euch den Ball“ einwerfe.

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