Auf der Jagd nach Wettbetrügern

Nicht in allen Fußballstadien dieser Welt läuft es sauber zu... Foto: pixabay

Der Polizist Michael Bahrs ermittelt seit über zehn Jahren im Bereich der Spielmanipulation. Nun hat er über seine Arbeit und seine Erfahrungen ein Buch geschrieben. Und das offenbart leider viele Schwachstellen im System der Bekämpfung.

Ja, Michael Bahrs hat noch Spaß, wenn er ein Fußballspiel sieht. „Ich fiebere jeder Partie des HSV entgegen.“ Der Hamburger SV ist sein Lieblingsverein und Bahrs hofft, dass das Projekt Wiederaufstieg in dieser Saison gelingt. Seine Begeisterung für ein Fußballspiel ist jedoch nicht selbstverständlich. Der Grund: Der Bochumer Polizist ermittelt seit mehr als zehn Jahren im Bereich der Spielmanipulation, dem so genannten „Matchfixing“.

2013 stand der Kriminalhauptkommissar das erste Mal groß in den Schlagzeilen: Der gebürtige Dortmunder gehörte zu den Ermittlern der Sonderkommission Flankengott. Diese zeigte zahlreiche Spielmanipulationen im nationalen und internationalen Fußball auf. Zu seinen Erfahrungen hat er nun unter dem Titel „Verbrechen am Fußball“ ein Buch herausgegeben. Zudem betreibt er die Webseite matchfixing.de, die über das Thema aufklärt und die wichtigsten Begriffe erklärt.

“Manchmal hinterfrage ich Entscheidungen auch heute noch”

Nicht immer konnte er sich – beeinflusst durch seine Arbeit – in den vergangenen Jahren auf einen Kick einlassen. „Zu Beginn der intensiven Ermittlungen, habe ich angefangen, vermeintlich komische Entscheidungen zu hinterfragen. Das geht mir auch heute manchmal noch so.“

Aber was meint Matchfixing genau? Dahinter steckt, dass von außen Einfluss auf eine Partie genommen wird – über einen Trainer, einen Spieler, andere Offizielle eines Vereins oder den Schiedsrichter. Auf die manipulierten Spiele wird dann gewettet, um einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen.

Michael Bahrs ermittelt seit über zehn Jahren in Sachen Spielmanipulation. Copyright: Connie Klüter, Foto Leck

Der Betrug kann dabei ganz unterschiedlich aussehen: Mal zeigt ein Kicker nicht seine beste Leistung, mal kassiert er eine gelbe Karte oder einen Platzverweis. Mal kommt der Präsident in die Kabine und sagt, dass die Mannschaft verlieren soll oder kein Tor erzielen darf. Das alles schildert Bahrs in seinem Buch präzise.

Keine Einladungen mehr vom DFB

Er beschreibt, wie eine Kontaktaufnahme abläuft, wie bereits Jugendliche für eine Manipulation angesprochen werden. Der Polizist hat unzählige Vernehmungen zu dem Thema durchgeführt. Er weiß, wie die Menschen in dieser Szene ticken.

Nach seinen Ermittlungen und der intensiven Beschäftigung wurde Bahrs, der selbst auch mal auf einige Spiele gewettet hat, von Fußballverbänden kontaktiert. DFB, UEFA, FIFA – alle wollten mehr über die Erkenntnisse der Beamten wissen und was sich dagegen tun lässt. Doch das anfänglich starke Interesse mit einer Vielzahl von Einladungen zu Vorträgen und Seminaren ließ mit der Zeit nach. Vom DFB wird er derzeit nicht mehr kontaktiert. Was er selbst auch nie einfordern würde. Für ihn ginge es nur darum, aufzuklären und aktiv etwas gegen die Manipulationen zu tun, sagt er.

Er beschreibt: „Es wäre unseriös, wenn ich jetzt für die Verbände die Argumentation dahinter erklären würde. Ich kann nur meine Erfahrungen wiedergeben. Ich kann mir vorstellen, dass man das Thema nicht aufmachen möchte, weil man sich selbst schützen möchte. Und weil man Skandale aus der Öffentlichkeit heraushalten möchte.“ Natürlich würde man den Sport eher dadurch schützen, wenn man versucht, zu unterbinden, dass es Manipulationen überhaupt gibt, fügt der gebürtige Dortmunder an.

Ein Fahrraddiebstahl kann man von zwei Seiten aus ermitteln

Genau in diesem Punkt passiert in den Verbänden jedoch kaum was. „Unsere Ermittlungen laufen jetzt seit elf Jahren und mein Eindruck ist, dass wir uns seitdem ungefähr drei Millimeter nach vorne bewegt haben“, schildert der Polizist.

Mit den aktuellen Maßnahmen ist ein „sauberer Sport“ in Sachen Wettbetrug nicht möglich. Dem stimmt Michael Bahrs ohne zu zögern zu. Ist der Fußball damit nicht automatisch von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Zum Gegenstand der Spielmanipulation gehört auch die prominente Präsenz von Wettanbietern dazu. Sei es im Halbzeitpausen von Bundesligaspielen oder auf großen Werbetafeln. In den vergangenen Jahren warben mit Lukas Podolski und Oliver Kahn auch immer wieder große Namen für solche Firmen. Ist das nicht ein großes Problem, dass vermeintliche Vorbilder auch noch diese Branche promoten? Bahrs meint hierzu erstmal grundsätzlich: Wetten ist nicht illegal. Aber: „Die Botschaft, die damit verbunden ist, halte ich für sehr gefährlich, um einen erzieherischen Effekt zu erwirken.“

Warum engagiert sich niemand aktiv gegen Spielmanipulation?

Dem Ermittler stößt besonders sauer auf, dass die Verbände in der Öffentlichkeit verbreiten, dass sie sich gegen das Thema engagieren. Die Frage ist nur, in welcher Form sie das tun. Der Polizist bringt hierfür ein passendes Beispiel aus seinem Berufsalltag. „Einem Fahrraddiebstahl kann man auf zwei Weisen nachgehen. Entweder man schaut aus dem Fenster und sagt, dass man den Täter nicht ermitteln kann. Alternativ fährt man zum Tatort, spricht mit Menschen vor Ort und suche nach weiteren Hinweisen. In beiden Fällen kann man nach außen kommunizieren, dass man ermittelt hat.“ Es ginge viel ums „Schönreden“, wie Bahrs es nennt. Es ist seiner Meinung nach nicht ausreichend, was aktuell gegen Wettbetrug unternommen wird. Denn: Es hat sich in den vergangenen Jahren kaum etwas geändert.

Er kenne keinen einzigen Fall, wo sich ehemalige Nationalspieler oder andere gegen Spielmanipulation engagieren. Zwar gebe es Aktionen des DFB. Jedoch vermisst er gezielte Maßnahmen der Vereine – etwa, dass sich vor jedem Spiel explizit gegen Manipulation und Wettbetrug ausgesprochen wird. „Warum passiert so etwas nicht? Ich will es einfach nur verstehen. Warum für eine mögliche Gefahr werben? Aber warum nicht mal auf eine Gefahr hinweisen?“ Als der Kriminalhauptkommissar diese Fragen an Vereinsoffizielle stellte, wurde er häufig abserviert. Die Argumentation: Ein Verständnis für die Problematik ist da, aber Sponsorengelder sind wichtiger.

“Mein Ziel ist ein Erziehungseffekt”

Und seine Wünsche für die Zukunft? Aktiv sein, sensibilisieren und nicht nur „vorgetäuschte“ Maßnahmen. „Mittlerweile haben wir genug geredet, wir müssen mal Taten folgen lassen.“ Bahrs meint auch, dass Fans in ihren Vereinen etwas bewirken können. Zuerst könnten sie sich darüber informieren, was Spielmanipulation bedeutet. Was kann man damit erreichen und wie läuft so etwas ab. Im Anschluss können die Anhänger kritisch hinterfragen und die Kontakte zu Vereinsspitzen nutzen oder das Thema bei Mitgliederversammlungen auf den Tisch bringen.

Außerdem erhofft er sich, dass das Thema bei jungen Kickern schon angesprochen wird: „Mein Ziel ist ein Erziehungseffekt. Bei Jugendlichen muss man anfangen zu sensibilisieren. Sie sollten sich nicht über Wetten unterhalten, sondern eher darüber sprechen, wie sie die Kugel rechts oben in den Winkel schießen. Da müssen wir hinkommen.“

Das Buch “Verbrechen am Fußball” erhaltet ihr in sämtlichen gut sortierten Buchhandlungen. ISBN: 978-3782213608

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