ALLE MACHEN DENNOCH MIT

Die FIFA verkündet, dass das Weltturnier in drei Jahren doch „nur“ mit 32 Mannschaften stattfinden wird. Aber wer denkt, dass damit das wichtigste Problem vom Tisch ist, der irrt.

Gianni Infantino hat gestern das vom Tisch gewischt, was sich eh niemand, der nicht gerade mit der Weltmeisterschaft im Fußball 2022 Geld verdient oder geopolitische Interessen hat, vorstellen wollte, konnte oder sollte: das nächste Turnier, das in der Wüste Katars gespielt wird, begrüßt nicht wahnwitzige 48 Teams aus aller Welt, sondern 32 Nationen. Vom Tisch ist damit damit vorerst, und bis 2026 verschoben, wenn die WM in den USA, Kanada und Mexiko stattfindet, dass das sportliche Niveau verdünnt wird, weil es noch mehr schwächere Teams aus den verschiedenen Konföderationen im Spielplan geben wird.

All das ist aber nicht die Wurzel des Problems. Die Diskussion um die Erweiterung des Turniers war nur eine geschickt gezündete Nebelkerze der FIFA, um von anderen Problemen abzulenken. Es gibt weiterhin Konflikte mit und um diese Weltmeisterschaft herum, die wir mal kurz zusammenfassen werden:

1. die Menschenrechtslage

Trotz aller Diskussionen um viele Tote auf den Baustellen in Katar, um Infrastruktur und Stadien zu errichten, gibt es keine Wut in der westlichen Welt, die aktuell die Fantasie nährt, dass auch nur eine Nation dieses Turnier boykottieren könnte. Wir sprechen nicht von der eleganten Weise à la Italien und Niederlande bei der letzten WM, sondern von einem klaren Statement eines Verbandes, diese absurde WM auszulassen und zu zeigen, dass man nicht bereit ist auf Kosten von gestorbenen Arbeitern teilzunehmen. Zu lukrativ scheinen die Einnahmen zu sein, mit denen die FIFA wieder einmal lockt. Auf diese Öffentlichkeit möchten die Verbände scheinbar doch verzichten und am Ende verhindern, bei der FIFA in Ungnade zu fallen.

Also wird global zwar geklagt, dass die Menschenrechtslage in Katar katastrophal ist, aber wie heißt es so schön: Wasser predigen und Wein saufen.

Dazu muss man auch sagen, dass im Emirat am Golf auch Homosexualität unter Strafe steht und schwule Fußballer und Fans sollten aufpassen, wie offen sie mit ihrer Sexualität auftreten werden. Wie die FIFA dieses Thema behandeln will, ist bis heute unklar. Zu erwarten ist, dass hierbei geschwiegen wird und man hofft, dass die Ordnungshüter in Katar in drei Jahren auf beiden Augen blind sein werden.

2. die Medien

Selbstverständlich gehört es von den großen Medienanstalten gerade zum guten Ton, die WM zu kritisieren. Was aber tatsächlich zielführend wäre: ein Medienboykott. Keine Fernseh- und Radioübertragung im Herbst/Winter 2022, keine Zeitungsartikel, keine großflächigen Berichte im Internet. Die FIFA verdient mit dieser Öffentlichkeit gutes Geld und Katar nutzt den Sport, um über seine autokratischen Strukturen hinweg berichten zu lassen.

Man kann es sich leider nur zu gut vorstellen, wie ARD und ZDF zwischen den Spielen zwar den einen oder anderen kritischen Bericht senden werden, aber eben auch Imagefilmchen oder Land und Leute. Harmlose Reports, die National Geographic beeindruckender und umfassender machen könnte. Vor dem inneren Auge sieht man schon Katrin Müller-Hohenstein, wie sie zusammen mit Oliver Kahn von einem als Scheich getarnten Komparsen einen Wüstenfalken auf die Hand gesetzt bekommt und dabei schallend lacht. Boris Büchler, der in neuer Rolle von den Besonderheiten der Wüstenkarawanen zu berichten weiß und zu guter Letzt staunend das neue Eliteleistungszentrum des katarischen Fußball-Verbandes vorstellt.

Diese Doppelzüngigkeit bewies vergangene Woche beeindruckend der Kicker, der von einer Stadioneröffnung schrieb. In einer Form kritiklos und der WM gute News zuliefernd, dass man eine frostige Ahnung bekommt, was erst in drei Jahren an Imagepolitur auf uns Zuschauer zukommen wird: „Die Arena liegt südlich der katarischen Hauptstadt Doha und bietet rund 40.000 Fans Platz….Alle Stadien sind mit modernen Klimaanlagen ausgestattet, um die Ränge und das Spielfeld bei Bedarf auf angenehme Temperaturen herunterzukühlen. Bereits in der vergangenen Woche war das erste Teilstück der neuen Metro eröffnet worden. Mit ihr sollen die Fans schnell von einem Stadion zum anderen kommen…Katar hat bei seiner Kandidatur mit einer WM der kurzen Wege geworben.“

Bereits in früheren Artikeln erwähnt der Kicker relativ kritiklos andere Stadioneröffnungen.

Ein Medienboykott bietet die Chance Kompetenz in anderen Sportarten zu beweisen. Gleichzeitig könnte man verstärkt vom Wintersport berichten, der traditionell in dieser Jahreszeit in Fahrt kommt. Sicherlich gehört zu den Hauptaufgaben der Medien zu berichten, aber man kann nicht auf der einen Seite wehklagen, wie schlimm das alles in Katar sei und wie korrupt und böse die FIFA doch ist und auf der anderen Seite auf Einschaltquoten zu setzen, Zeitungen zu verkaufen und Klicks im Internet zu generieren. Einen Verzicht traut sich dann doch keiner so richtig. Gut, vom dritten TV-Sender, der aus Katar berichten wird, RTL, kann man in der Tat nichts anderes erwarten. Doch zumindest von den öffentlich-rechtlichen Anstalten könnte man erwarten, dass sie ein Fingerspitzengefühl entwickeln, was die Gebührenzahler wollen. Gewiss, es wird wieder Tausende, wenn nicht Millionen von Menschen geben, die auf die Umstände des Turniers einen feuchten Kehricht geben und denen es nur darum geht Fußball zu gucken, Bier zu trinken und Flaggen zu schwenken. Na klar, und auch die Wirtschaft hat Interesse allerlei Produkte zu veräußern von Bier bis Schminke über Waschmittel mit Bällchen drauf. Man kennt das seit 2006.

Zwei von drei Plattsportlern haben sich bereits entschieden, dass dieses Turnier bestreikt und boykottiert wird. Dazu gehört auch die Qualifikation und Berichterstattung von den Ausscheidungsspielen.

3. die Prominenz

Seit gestern zeigt die Sportschau auf YouTube kurze Interviews mit Legenden des deutschen Fußballs (Es wird jetzt nicht weiter hinterfragt, warum nur Männer und nicht Frauen zu sehen sind). In 90 Sekunden bekommen sie teils debile Fragen gestellt. Für jeden Promi gibt es andere Fragen, so auch, warum die WM ein Erfolg und warum die WM ein Desaster wird. Im Prinzip ist der Tenor: diese WM ist gaga. Am deutlichsten wird Paul Breitner:

“Die WM in Katar wird super, weil…“

Breitner: „…das kann ich mir nicht vorstellen.“

“Die WM in Katar wird ein Desaster, weil…“

Breitner: „Es wird auch kein Desaster, aber es wird eine WM sein, die an vielen Fans und auch an mir mehr oder weniger vorüber geht.“

Die Fallhöhe hat Paul Breitner damit definiert. Viele Prominente aus und außerhalb des Fußballs klagen über diese Weltmeisterschaft, jedoch bleibt abzuwarten, wer in drei Jahren sich alles nicht mehr an seine Worte erinnert, öffentlichkeitswirksam jubelt, debattiert über Tor oder nicht Tor, in Deutschlandfarben auftritt und sich verkauft. Diejenigen, die auf Menschlichkeit wert legen und ein Zeichen setzen möchten, haben in drei Jahren die Gelegenheit, ihren Worten Taten folgen zu lassen. Es bleibt zu hoffen, dass es am Ende nicht nur Lippenbekenntnisse und Worthülsen waren.

4. die Korruption der FIFA 

Köpfe sind gerollt, die Oberhäupter von FIFA (Sepp Blatter) und UEFA (Michel Platini) mussten gehen und ein Erneuerungsprozess wurde in Gang gesetzt, der die Welt hoffen ließ, dass alles wieder gut und vor allem besser und damit weniger korrupt wird. Das Gegenteil ist eingetreten. Der neue FIFA- Präsident Infantino hat den Machtapparat, den er von seinem Vorgänger übernommen hat, ausgebaut und die Strukturen, um autokratischer zu agieren, verfeinert und ist noch unantastbarer und schemenhafter als Sepp Blatter es sein konnte. Infantino umgarnt sich inzwischen gerne mit Autokraten aller Welt und verkauft selbst einem Donald Trump den Fußball als unverzichtbares Machtimagetool.

Im Prinzip weiß jeder, dass es bei der Vergabe dieser und der letzten WM nicht mit rechten Dingen zuging. Jedoch ist nicht absehbar, dass es demnächst zu einer Revolution im Weltfußball kommen wird, solange vor allem die Verbände nicht rebellieren.

Und nun?

Wer profitiert von einem Boykott? Es sind wir alle, die wir in diesen wirren Zeiten Menschlichkeit vermissen. Es ist der Sport, der nicht erfunden wurde, um reiche Menschen noch reicher zu machen. Natürlich, Geld gehört zum Sport, damit er finanziert werden kann, um jungen Sportlern Sportstätten zu geben und ermöglichen. Geld sichert den Sport und bringt Kontinuität und fördert das Miteinander, über Hautfarben, Geschlechter, Herkünfte und Religionen hinweg. Die Mehrung von Geld für Individuen sollte auf die Sportler begrenzt sein, da es ihr Beruf ist und keiner von uns lehnt eine Gehaltserhöhung per se ab. So ehrlich muss man sein. Doch die Dinge, die im Vorfeld zur nächsten Fußball-Weltmeisterschaft passieren, gehen zu weit. Und wo die Grenze liegt, die man den Organisatoren und Berichterstattern ziehen muss, ist klar definiert: die Würde des Menschen ist unantastbar (Zitat Karl-Heinz Rummenigge). (Dieser Spaß musste sein – die Red.)

Selbstredend muss die Unversehrtheit der Menschen, Fairness und die Vernunft unumstößliche Vorbedingung sein, um ein dermaßen gigantisches Globalereignis austragen zu dürfen. Gegen diese Werte haben FIFA und Katar schon in der Abstimmung zur Vergabe des Turniers verstoßen.

Was jetzt noch bleibt, ist, dass sich die Furchtbarkeit aller Umstände nicht bewahrheitet und man in drei Jahren nicht sagen muss: alle machen dennoch mit.

(mt)

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